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/ Wer die Welt verstehen will, muss unser Gehirn verstehen: Gehirnforscher Prof. Dr. Wolfgang Klimesch im Interview

Wer die Welt verstehen will, muss unser Gehirn verstehen: Gehirnforscher Prof. Dr. Wolfgang Klimesch im Interview

Von: Nina Kischke

Veröffentlicht: 23.04.2024

Lesezeit: 5 Min.

Mein Körper | Patientenwissen

Die Hirnforschung beschäftigt sich mit der Funktion und Struktur des Gehirns.
Die Hirnforschung beschäftigt sich mit der Funktion und Struktur des Gehirns. | © Mustafa - stock.adobe.com

In einer Welt, die von rasanten technologischen Fortschritten geprägt ist, bleibt das menschliche Gehirn eines der größten Mysterien. Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Klimesch, ein renommierter Experte auf dem Gebiet der Gehirnforschung, hat sich bereits in einigen Büchern der Entschlüsselung dieses komplexen Organs gewidmet. In seinem neuesten Buch bietet er Einblicke in die evolutionäre Entwicklung des Gehirns und dessen Auswirkungen auf unser Verhalten und unsere Gesellschaft. Wir hatten die Gelegenheit ihn diesbezüglich zu interviewen.

sanego: Sie beschäftigen sich schon lange mit dem Bereich der Gehirnforschung. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Wolfgang Klimesch: Gute Frage! Die Antwort hat viel mit der Motivation zu tun, die dazu geführt hat, das vorliegende Buch zu schreiben. Als ich anfing Psychologie zu studieren, war das Fach stark geisteswissenschaftlich geprägt. Mir wurde aber bald klar, dass man zu zentralen Fragen der Psychologie nur dann eine Antwort finden kann, wenn man Gehirnforschung betreibt. Die moderne Gehirnforschung hat zu enormer Wissensanreicherung geführt. Derzeit können Fragen beantwortet werden, zu denen es früher noch keinen Zugang gab. Dazu gehört z. B. was Emotionen sind, ob es einen freien Willen gibt, wie Kognition funktioniert, oder warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten.

sanego: In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich unter anderem im Zusammenhang mit der Evolutionsgeschichte des Gehirns auch mit dem „Reptiliengehirn“. Können Sie uns einen Einblick geben, was damit gemeint ist und wie sich dies von neueren Gehirnregionen unterscheidet?

Wolfgang Klimesch: Die evolutive Perspektive zeigt im Zusammenhang mit der vergleichenden Gehirnanatomie, wann welche Gehirnregionen in der viele hundert Millionen Jahre alten Entwicklungsgeschichte entstanden sind. Das Reptiliengehirn – das dem Hirnstamm unseres Gehirns sehr ähnlich ist – steuert elementare Funktionen der Motorik, des vegetativen Systems und emotionalen Verhaltens. Denken – in unserem Sinn – ermöglicht es nicht. Das Verhaltensmuster ist spontan und durch elementare Emotionen und homöostatische Funktionen geprägt. Eine kognitive Kontrolle des Verhaltens gibt es so gut wie nicht.

sanego: Uralte Gehirnregionen steuern das Verhalten also in gewisser Weise, ohne dass der Mensch bewusst darauf Einfluss nehmen kann. Können Sie Beispiele hierfür nennen?

Buch: Unser Gehirn und die Welt
Buch: Unser Gehirn und die Welt | © Springer Verlag

Wolfgang Klimesch: Denken wir an das Reproduktionsverhalten. Ohne Reproduktion kein Überleben der Art. Das gilt für alle Lebewesen. Evolutiv uralte Regionen steuern dieses überlebenswichtige Verhalten.

Ein konkretes Beispiel ist das Selektionsprinzip "attract and select" (sei attraktiv und wähle Dir deinen Partner aus), das bei Frauen für die Partnerwahl eine wichtige Rolle spielt. Das Ziel dieses Prinzips ist es, Kinder in die Welt zu setzen. In den meisten Fällen tritt dieses Prinzip (das eine Art Verhaltensanleitung ist) jedoch nicht ins Bewusstsein, was bedeutet, dass es nicht im Sinne des eigenen, individuellen Willens verstanden wird. Dies kann leicht zum Konflikt zwischen individuellem Willen und evolutiver Verhaltensanleitung führen. So ist es durchaus möglich, dass eine Frau, die zwar auf ihr attraktives Aussehen besonders großen Wert legt, gar kein Interesse hat, Kinder zu bekommen, was ja die Konsequenz der Verhaltensanleitung wäre. Ähnliches gilt für einen Mann, der viel für sein attraktives Aussehen tut. Die Antwort auf diesen Konflikt, der sehr wesentlich mit der Konsequenz einer aufwändigen Brutpflege zu tun hat, ist Verhütung. Der interessante Punkt hier ist, dass wir uns dem Wunsch nach Attraktivität nicht entziehen können. Trotzdem aber sind wir imstande, uns der Konsequenz der Verhaltensanleitung – in gewisser Weise - zu entziehen.

sanego: Ihre Untersuchung hebt hervor, dass die elektrische Aktivität des Gehirns aus Schwingungen besteht, die essentiell für Gedächtnis, Denken und Bewusstsein sind. Können Sie erläutern, wie diese Schwingungen unsere Fähigkeit zu lernen, zu erinnern und zu denken beeinflussen?

Wolfgang Klimesch: Gehirnanatomie ist uns allen geläufig und es ist empirisch gut belegt, dass ein hoch vernetztes Gehirn leistungsfähiger ist als ein weniger vernetztes. Gehirnschwingungen erzeugen Gehirnzeit. Deswegen ist das Gehirn auch 4-dimensional. Es besteht aus den 3 Raumdimensionen (die durch die Anatomie beschrieben werden) und der Gehirnzeit als 4. Dimension, die durch eine komplexe Frequenzhierarchie mathematisch beschrieben werden kann. Experimente zeigen, dass eine optimale Kopplung von bestimmten Frequenzen dieser Hierarchie hohe kognitive Leistung ermöglicht. Entkopplung führt zum Verlust kognitiver Leistungsfähigkeit.

Gehirnschwingungen

auch als Hirnwellen bekannt, beziehen sich auf die rhythmischen oder schwingenden elektrischen Aktivitäten im Gehirn. Diese können mithilfe von Elektroden an der Kopfhaut gemessen werden.

Gehirnzeit

wird von Gehirnschwingungen erzeugt und gilt als die 4. Dimension des Gehirns. Sie lässt sich mathematisch durch eine komplexe Hierarchie von Frequenzen darstellen.

sanego: Ausgehend von der Untersuchung der Gehirnschwingungen, diskutieren Sie die Zusammenhänge zwischen der sozialen, physischen und algorithmischen Welt. Können Sie uns hierzu einen Einblick in die algorithmische Welt geben?

Wolfgang Klimesch: Das Gehirn ist die einzige Struktur, die alle 3 Welten vereint. Es macht sich die algorithmische Welt (=Welt der Naturgesetze, die sich formal - z.B. mathematisch - beschreiben lassen) zunutze, um seine Leistung zu optimieren. Zu erkennen, wie das Gehirn das bewerkstelligt, ist eine wichtige Quelle für die Entwicklung der Informationstechnologie. Dazu ein kleines Beispiel: Sicher haben sich viele (die sich früher mit analoger Fotografie beschäftigt haben) gefragt, wie es die winzigen Kameras in Smartphones schaffen, wunderschöne gestochen scharfe Bilder zu machen. Die Antwort: Die Software der Bildverarbeitung, nicht die Linse (Objektiv) macht es. Diese Software funktioniert ganz ähnlich wie die kortikale Verarbeitung in der Sehrinde unseres Gehirns. Würde man die Linse unseres Auges in eine herkömmliche analoge Kamera einbauen, dann würde man Bilder mit extrem schlechter Qualität erhalten. Das was man bisher auch in der Gehirnforschung noch nicht im Detail versteht ist wie Bewusstsein funktioniert. Würde man das wissen, wäre dies ein Quantensprung für die künstliche Intelligenz.

Univ.-Prof. em. Dr. Wolfgang Klimesch

leitete früher die Abteilung für physiologische Psychologie an der Universität Salzburg und widmete sich bereits in seiner Doktorarbeit den Themen Informationstheorien und Intelligenz. Im weiteren Verlauf seiner akademischen Karriere lag sein Fokus auf Kognition und Psychophysiologie, sowohl in seiner Forschung als auch in seiner Lehrtätigkeit am Institut für Psychologie in Salzburg.

Autoreninformation

Nina Kischke

Medizinische Redakteurin

Seit dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Medienkauffrau Digital und Print im Jahr 2022 ist Nina Kischke als Medizinische Junior Redakteurin bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG angestellt. Außerdem studiert sie derzeit Medienmanagement an einer Fernuniversität.

Ihren Spaß an Medien und Marketing kann sie beim Schreiben für Portale wie aerzte.de, sanego.de oder arzttermine.de hervorragend mit dem Interesse an Gesundheitsthemen kombinieren. Sie trainiert in ihrer Freizeit im Fitnessstudio und beschäftigt sich daher auch außerhalb ihres Arbeitsalltags gerne mit dem Thema Ernährung und Fitness.

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