Stillen spielt eine zentrale Rolle in der frühen Entwicklung eines Kindes und wird von Fachgesellschaften weltweit empfohlen. Dennoch tauchen im Alltag viele Fragen auf – von gesundheitlichen Vorteilen über praktische Herausforderungen bis hin zu gesellschaftlichen Aspekten.
Stillberaterin Ramona Noll hat dazu ein Buch geschrieben. In „Obenrum frei: Stillen, wie es zu dir und deinem Baby passt“ klärt sie anhand von echten Stillgeschichten alle Fragen und Stolpersteine zum Thema Stillen.
In unserem Interview gibt sie jetzt schon Einblicke in die wichtigsten Fakten rund ums Stillen und die häufigsten Missverständnisse.
Stillen ohne Druck: Tipps einer Expertin
sanego: Welche Empfehlungen gelten aktuell zum Stillen?
Ramona Noll: Offiziell empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die ersten sechs Lebensmonate voll zu stillen. Während der Beikosteinführung um den 6. Monat herum soll weiter gestillt werden bis zum zweiten Geburtstag oder so lange es alle Beteiligten möchten.
begleitet Familien in sensiblen Lebensphasen – von Schwangerschaft und Geburt über das Wochenbett bis hin zum Alltag mit Kindern. Nach ihrem Studium der Pädagogik mit Schwerpunkt frühe Kindheit und einer Ausbildung zur Stillberaterin erweiterte sie ihre Expertise durch die Qualifikation als Systemische Beraterin und Familientherapeutin (DGSF). In ihrer Arbeit verbindet sie fachliches Wissen mit Empathie und schafft Räume, in denen Eltern ihre Sorgen, Fragen und Erfahrungen offen teilen können.
Zu wenig Milch um stillen zu können – Mythos oder Fakt?
sanego: Viele Schwangere befürchten, nicht stillen zu können, weil sie zum Beispiel nicht ausreichend Milch haben. Kommt das wirklich so häufig vor?
Ramona Noll: Es kommt leider sehr häufig vor, dass es Stillenden eingeredet wird, sie haben zu wenig Milch und sie es dann auch glauben. Zum Beispiel wird nach der Geburt empfohlen Milch abzupumpen und es können nur wenige Milliliter gewonnen werden. Daraus wird rasch gefolgert, es wäre nicht ausreichend Milch vorhanden. In den ersten Tagen ist es aber ganz normal, dass noch gar nicht so viel Milch fließt, denn der Babymagen ist klein und die Menge ausreichend. Generell ist die Pumpmenge kein Indikator dafür wie viel Milch tatsächlich vorhanden ist. Oder aber das Baby ist sehr unruhig, weint viel, schreit die Brust an. Auch hier wird in den meisten Fällen suggeriert es würde nicht ausreichend Brustmilch produziert. Aber Weinen und Unruhe können vielfältige Ursachen haben, die unter Umständen gar nichts mit dem Stillen zu tun haben. Manchmal ist auch genau das Gegenteil der Fall und das Baby weint und ist zappelig an der Brust, weil zu viel Milch kommt und es damit überfordert ist. Wird zu früh unbegründet zu viel zugefüttert, beginnt eine Spirale, die irgendwann dazu führt, dass wirklich nicht ausreichend Milch produziert wird. Denn die Nachfrage bestimmt das Angebot. Tatsächliche physiologische Schwierigkeiten in der Milchproduktion haben schätzungsweise nur 1-5% der Frauen.
Woran scheitert das Stillen außerdem?
sanego: Gibt es noch andere Gründe, warum das Stillen nicht klappt?
Ramona Noll: Nach dem Verdacht zu wenig Milch zu haben, sind Schmerzen der häufigste Grund abzustillen. Dabei sind die Ursachen vielfältig. Angefangen beim ungünstigen Anlegen, wodurch die Brustwarze wund wird, über ein verkürztes Zungenband oder andere orale Restriktionen beim Baby, ein langsamer oder zu heftiger Milchspendereflex, ein (beginnender) Milchstau, der zu einer sehr schmerzhaften akuten oder subakuten Mastitis (Brustentzündung) werden kann, bis hin zu Milchbläschen (verstopfter Milchgang), Vasospasmus (Gefäßkrampf in der Brustwarze) oder Mammary Construction Syndrom (verspannte Brustmuskulatur). Oft ist es aber tatsächlich eine gemischte Tüte aus mehreren Faktoren, die zu Schmerzen führen.
Aber nicht nur Schmerzen als solches mit ihren verschiedenen Ursachen sind der Grund, warum das Stillen nicht klappt. Oft fehlt Unterstützung und Begleitung sowie fachkundige Beratung. Das Baby ist auf der Welt, alle sind erst einmal glücklich, werden dann aber alleine gelassen. Nicht jede Klinik bietet eine qualifizierte Stillberatung an, die auch genau dann Dienst hat, wenn sie gebraucht wird, nicht jede Familie findet noch eine Hebamme, nicht alle können sich eine private Stillberatung leisten und ganz viele wissen auch immer noch nicht, dass es überhaupt Hilfe gibt. Auch nicht jede Kinderärztin, Gynäkologin, Hebamme oder Kinderpflegerin ist automatisch ausgebildete Stillberaterin. Leider sind auch immer noch viele veraltete Informationen unterwegs, wie etwa man müsse bestimmte Zeiten einhalten, neue Milch dürfe nicht auf die Alte, das Baby dürfe nicht an der Brust einschlafen oder man könne mit flachen Brustwarzen nicht stillen.
Vorbereitung auf die Stillzeit: So geht´s!
sanego: Können sich Schwangere auf das Stillen vorbereiten?
Ramona Noll: Ja! Und das sollten sie auch unbedingt tun. Denn wer weiß, wie sein Körper funktioniert, also hier in dem Fall wie die Milchproduktion funktioniert, kann vielen Problemen vorbeugen. Stillen ist ein Team-Sport und wird sozial erlernt. Es läuft also nicht automatisch instinktiv alles richtig und glatt. Auch ist es sicher hilfreich von einigen Hilfsmitteln zumindest schon mal gehört zu haben. Es gibt Stillvorbereitungskurse, Stillbücher, aber auch Blogartikel und Podcasts, wo man sich mit dem Thema super beschäftigen kann. Auch Stilltreffen kann man als Schwangere besuchen und sich austauschen. Die Brust selbst muss nicht vorbereitet werden. Wer etwas praktisch machen möchte, kann sich einen Stillthron einrichten. Einen Ort, der zum Verweilen einlädt und geeignet ist. Das kann das Sofa, das Bett, ein Sessel oder was ganz anderes sein. Man sollte bequem sitzen können und das über eine längere Zeit.
Still-Zubehör was wirklich benötigt wird – oder auch nicht?
sanego: Es gibt zahlreiche Produkte rund um das Stillen: Vom Schaukelstuhl über Nachtlichter bis hin zu Cremes und Stillhütchen. Was brauchen Frauen dafür wirklich?
Ramona Noll: Erstmal tatsächlich weniger als sie glauben. Ein Nachtlicht kann hilfreich sein, aber ist kein Muss. Ebenso ein Stillkissen. Für manche ist es super praktisch, für andere eher hinderlich. Ein Sofakissen, eine gefaltete Decke kann auch gut unterstützen. Still-BHs oder Bustiers sind praktisch, aber auch hier kommt es darauf an, was als angenehm empfunden wird. Ich empfehle nicht direkt so viel anzuschaffen, da sich die Brust und auch der Milchfluss verändert. Lieber später noch mal ein zwei Exemplare nachkaufen. Auch Stilleinlagen gibt es in unterschiedlichen Ausführungen: Einmal Einlagen, waschbare aus verschiedenen Materialien oder sogar Bustiers mit integrierter Stilleinlage. Ob die Brust wenig oder stark ausläuft, wissen wir aber vorher nicht. Cremes braucht es eigentlich nicht, denn wir haben körpereigene Drüsen, die Montgomery-Drüsen, auf der Brust, die für eine natürlich Pflege sorgen. Sind die Brüste arg beansprucht und tut es einem gut, spricht nichts gegen eine zusätzliche Pflege. Für alle Hilfsmittel gilt: erst besorgen, wenn sie benötigt werden. In den Skiurlaub würden wir auch nicht sicherheitshalber schon mal Rollstuhl und Gips einpacken. Flasche und Schnuller sind übrigens auch Hilfsmittel.
Lebensmittel: Welche helfen und welche schaden?
sanego: Wie sieht es mit milchfördernden Mitteln oder Lebensmitteln aus? Was hilft und was schadet vielleicht sogar?
Ramona Noll: Es gibt einige Dinge, denen eine milchfördernde Wirkung nachgesagt werden. Dazu gibt es aber keine gesicherte Evidenz. In Büchern und im Internet findet man zahlreiche Rezepte für sogenannte Stillkugeln, die die Milch unterstützen sollen. Hier gilt für mich immer: Wenn es hilft, hilft es. Es ist kein Muss und schon gar nicht, wenn die Zubereitung Stress und zusätzliche Arbeit für die Stillenden bedeutet. Aber es ist sicher ein schönes Geschenk im Wochenbett, weil sie in der Regel einfach lecker und ein guter Snack sind.
sanego: Gibt es auch Lebensmittel, die den Milchfluss hemmen könnten?
Ramona Noll: So direkt ein Lebensmittel nicht. Aber Alkohol. Er kann nicht nur durch den Übergang in die Milch dem Baby schaden, sondern hemmt auch die Ausschüttung von Oxytocin und Prolaktin, beides Hormone, die wir für die Milchproduktion brauchen. Salbei- und Pfefferminztee wird gerne zum Abstillen empfohlen, aber auch hier gibt es keine gesicherte Evidenz.
sanego: Dürfen Frauen, während sie stillen, also alles essen? Welche Lebensmittel sind tabu beim Stillen?
Ramona Noll: In der Stillzeit darf alles gegessen werden, worauf man Lust hat. Die Milch wird aus dem Blut gemacht, nicht aus dem Mageninhalt. Solche Vorgaben wie kein Kohl, keine Zwiebeln, etc. sonst gäbe es Blähungen oder zu viel säurehaltige Lebensmittel machen einen wunden Po, sind wirklich alte Mythen.
Was unsere Körper generell immer unterstützt, ob wir stillen oder nicht, ist eine ausgewogene Ernährung. Hafer- und Vollkornprodukte liefern uns viele B-Vitamine und Eisen, Hülsenfrüchte und Nüsse sind reich an Proteinen und gesunden Fetten, verschiedene Obst- und Gemüsesorten bieten die breite Palette an Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen. Was nicht heiß, dass ich nicht auch ein Stück Torte oder mal die TK-Pizza essen darf. Die Mischung macht es.
Häufige Probleme beim Stillen
sanego: Was sind die häufigsten Probleme beim Stillen?
Ramona Noll: Die Top drei in meinen Beratungen sind Schmerzen, Verdacht auf zu wenig Milch, tatsächlich zu viel Milch.
sanego: Was würden Sie Frauen raten, die diese Probleme haben?
Ramona Noll: Eine professionelle Stillberatung aufsuchen. Das gilt für jedes Problem oder Anliegen in der Stillzeit. Stillberatung ist oft eine Detektivarbeit. Schmerzen haben eine oder mehrere Ursachen. Die müssen erst einmal gefunden werden, um den bestmöglichen Lösungsweg zu finden.
Wer hilft bei Bedarf?
sanego: Welche Anlaufstellen gibt es sonst für Mütter nach der Geburt zum Thema Stillen?
Ramona Noll: Es gibt hauptberufliche und ehrenamtliche Stillberatung, Doulas und Mütterpflegerinnen, die beim Stillen unterstützen können und generell haben alle während der gesamten Stillzeit Anspruch auf Hilfe von der Hebamme. Manche Kliniken oder Praxen bieten eine Stillambulanz an, es gibt auf das Stillen spezialisierte Gynäkologinnen. Stilltreffen und Stillcafés aller Art sind immer eine gute Anlaufstelle für Austausch, Vernetzung und gegenseitigen Support.
Abstillen – Wann, wie und wer hilft?
sanego: Lassen Sie uns noch kurz über das Ende der Stillzeit sprechen. Wie lange Stillen ist „normal“?
Ramona Noll: Das natürliche Abstillalter liegt zwischen zwei und sieben Jahren weltweit. Es gibt kein normal. Denn es gibt so viele Wege wie es Babys und Brüste gibt. Dass irgendwas nicht normal sei, haben uns Medien und unsere Gesellschaft lange Zeit nun eingeredet. Auch das Stillen von älteren Kindern über den sechsten oder zwölften Lebensmonat hinaus bietet immer noch sehr viele Vorteile für beide Seiten. Jedes Still-Tandem sollte für sich entscheiden, wann es nicht mehr passt. Aus welchem Grund auch immer.
sanego: An wen können sich Mütter wenden, wenn Sie Hilfe beim Abstillen brauchen?
Ramona Noll: Für die gesamte Stillzeit, also auch für das Abstillen, gilt das oben genannte Netzwerk. Allen voran sicher die Stillberaterinnen und Hebammen. Hier möchte ich mitgeben, dass Abstillen auch mit Liebe und bedürfnisorientiert geschehen kann. Es muss keinen kalten Entzug geben oder mit irgendwelchen Tricks das Kind hingehalten werden. Ich lege Wert auf eine bindungsorientierte Kommunikation auf Augenhöhe und das Sehen von beiden Seiten. Es wird ja nicht nur das Kind abgestillt, sondern für die Stillenden endet auch eine Lebensphase.
Stillen: Zwischen Natürlichkeit und Herausforderung
sanego: Gibt es zum Schluss noch etwas, was jede Frau über das Stillen wissen sollte?
Ramona Noll: Stillen kann wunderschön, innig und sehr berührend sein. Genauso wie anstrengend, schmerzhaft und nervig. Alles ist ok und darf sein. Für Probleme und Schmerzen gibt es Hilfe. Niemand sollte Schmerzen aushalten oder deswegen Abstillen müssen. Stillen ist vielleicht die natürliche Ernährungsform für Säuglinge, aber sie muss sozial erlernt werden und passiert nicht ausschließlich instinktiv. Und dann gibt es einfach wirklich so viele Wege zu Stillen, wie es Babys und Brüste gibt.




