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Welche Rolle spielt unsere Darmschleimhaut für einen gesunden Darm? Gastroenterologe Prof. Dr. Martin Storr im Interview

Von: Elisabeth Maußner Geprüft von: Nina Kischke
Aktualisiert: 23.10.2026
Lesezeit: 7 Min.
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Darm von Innen. 3 D Model mit Darmschleimhaut und verschiedenen Bakterien.
Die Darmschleimhaut kann Einfluss auf die Gesundheit nehmen. | © Canva

Ernährung, Magen, Darm - eine gute, gesunde Verdauung wird von vielen Faktoren bestimmt. Die Darmschleimhaut haben dabei die wenigsten im Blick. Prof. Dr. Martin Storr hat sich mit diesem Bestandteil unseres Verdauungssystems dagegen intensiv beschäftigt. Für ihn ist „Darmschleimhaut – die neue Superkraft“, zumindest nach dem Titel seines Buches. Er beschäftigt sich darin nicht nur mit der Darmgesundheit. Sondern in diesem Zusammenhang auch mit Erschöpfung, Übergewicht, Arthrose und chronischen Schmerzen.

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Doch wie funktioniert die Darmschleimhaut eigentlich? Welche Rolle spielt sie bei Verdauungsbeschwerden? Und wie können wir sie stärken? Das hat Prof. Dr. Martin Storr im Interview erklärt.

sanego: Was raten Sie Menschen, die immer wieder unter Blähungen, Bauchschmerzen oder Verdauungsproblemen leiden?

Prof. Dr. Martin Storr: Wiederkehrende Beschwerden sollte man nicht vorschnell als „empfindlichen Darm“ abtun, sondern zunächst systematisch nach möglichen Ursachen suchen. Neben funktionellen Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom kommen unter anderem Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Zöliakie, entzündliche Darmerkrankungen oder Störungen der Darmmotilität als Ursache der Beschwerden infrage. Entscheidend ist dabei eine gute Anamnese, bei Bedarf ergänzt durch gezielte Labor-, Stuhl- oder Atemtests statt einer möglichst großen Zahl unspezifischer Untersuchungen. Gerade beim Reizdarmsyndrom können Ernährung, Darmmikrobiom, viszerale Sensitivität, die Funktion der Darmbarriere und die Interaktion in der Darm-Hirn-Achse gemeinsam zur Entstehung der Beschwerden beitragen, obwohl keine endoskopisch sichtbare Schleimhautschädigung vorliegt. Nach einer fundierten Diagnostik sollte die Behandlung möglichst gezielt und ursachenorientiert erfolgen, um die individuell relevanten Auslöser und Mechanismen der Beschwerden zu adressieren.

Aufgabe und Rolle der Darmschleimhaut

sanego: Können solche Beschwerden alleine auf die Darmschleimhaut zurückzuführen sein?

Prof. Dr. Martin Storr: Nein, Bauchschmerzen, Blähungen oder andere Verdauungsbeschwerden lassen sich nicht allein auf die Darmschleimhaut zurückführen. Zwar kann eine gestörte Schleimhautbarriere zur Entstehung oder Verstärkung von Beschwerden beitragen, sie ist jedoch nur ein Teil eines komplexen Systems. Ebenso wichtig sind die Darmbewegungen, die Verarbeitung von Nahrungsbestandteilen und Gasen, das Darmmikrobiom, Immunreaktionen, die Empfindlichkeit der Darmnerven sowie die Kommunikation zwischen Darm und Gehirn. Gerade bei funktionellen Darmerkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom spielen häufig mehrere Faktoren gleichzeitig eine Rolle. So kann beispielsweise bereits eine normale Gasmenge als unangenehm oder schmerzhaft wahrgenommen werden. Der Begriff „Darmschleimhaut“ sollte deshalb nicht zum Sammelbegriff oder alleinige Ursachen für sämtliche Verdauungsbeschwerden werden. Entscheidend ist vielmehr, die unterschiedlichen möglichen Ursachen und Mechanismen individuell zu betrachten.

Prof. Dr. Martin Storr

ist Facharzt für Gastroenterologie und Innere Medizin. Neben seiner Tätigkeit in einer Facharztpraxis, klärt er Patienten und Patientinnen in Podcasts und Büchern über die Darmgesundheit auf.

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sanego: Die Darmschleimhaut dient als Barriere, lässt aber gleichzeitig Nährstoffe passieren. Wie funktioniert das?

Prof. Dr. Martin Storr: Die Darmschleimhaut ist keine undurchlässige Mauer, sondern eher eine hochselektive Zollstation: Nährstoffe dürfen passieren, potenziell schädliche Substanzen und Mikroorganismen werden möglichst zurückgehalten. Nährstoffe werden überwiegend kontrolliert durch die Epithelzellen transportiert, etwa über spezifische Transportproteine, während die sogenannten Tight Junctions zwischen den Zellen den Stoffaustausch zusätzlich regulieren. Dabei können bestimmte kleine Moleküle und Ionen auch zwischen den Zellen hindurchtreten, während größere und potenziell schädliche Strukturen deutlich stärker zurückgehalten werden. Diese dynamische Regulation ermöglicht gleichzeitig effiziente Nährstoffaufnahme und Schutz vor der riesigen Zahl von Mikroorganismen und Fremdstoffen im Darmlumen.

Was braucht eine gesunde Darmschleimhaut?

sanego: Welche drei Dinge sind besonders wichtig für eine gesunde Darmschleimhaut?

Prof. Dr. Martin Storr: Erstens braucht die Darmschleimhaut eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Ernährung, weil Ballaststoffe das Mikrobiom mit Substraten versorgt und weil diese Ballaststoffe für den Erhalt und die Integrität des Darmschleims und der Schleimschicht sehr bedeutend sind.  Zweitens sind eine intakte Epithelzellschicht und funktionierende Tight Junctions entscheidend, damit die Barriere selektiv und reguliert arbeitet. Drittens benötigt die Schleimhaut ein ausgewogenes Zusammenspiel mit Mikrobiom und Immunsystem, denn die Barriere besteht nicht nur aus Epithelzellen, sondern auch aus Schleim, antimikrobiellen Faktoren und immunologischen Schutzmechanismen. Vereinfacht gesagt, Ballaststoffe für die Bakterien, Schutz für die Epithelzellen und ein ausgewogenes Immunsystem bilden gemeinsam eine besonders wichtige Grundlage.

sanego: Und was schadet ihr am meisten?

Prof. Dr. Martin Storr: Einen einzelnen größten Schleimhautschädiger gibt es nicht, denn die Belastbarkeit der Barriere hängt von zahlreichen Faktoren und individuellen Erkrankungen ab. Ungünstig können unter anderem chronische Entzündungen, bestimmte Infektionen, ein dauerhaft sehr ballaststoffarmes Ernährungsmuster sowie übermäßiger Alkoholkonsum sein. Auch Medikamente können die Schleimhaut je nach Wirkstoff beeinflussen. Besonders problematisch ist weniger ein einzelnes Lebensmittel als eine langfristig ungünstige Kombination aus einseitiger Ernährung, wenig pflanzlicher Vielfalt und weiteren belastenden Faktoren. Deshalb ist es sinnvoller, von einer multifaktoriellen Beeinträchtigung der intestinalen Barriere zu sprechen als von einem einzelnen Schleimhautfeind. In dieser multifaktoriellen Beeinträchtigung ist aus meiner Sicht Ballaststoffmangel eines der führenden Probleme.

Warum Ballaststoffe in der Ernährung für die Darmschleimhaut so wichtig sind

sanego: Was passiert bei Ballaststoffmangel, wenn Darmbakterien beginnen, die schützende Schleimschicht anzugreifen? Warum kann das passieren?

Prof. Dr. Martin Storr: Ballaststoffe sind für viele Darmbakterien eine wichtige Energie- und Kohlenstoffquelle. Fehlen diese Substrate dauerhaft, kann sich das mikrobielle Stoffwechselangebot verändern. In experimentellen Untersuchungen führte eine ballaststofffreie Ernährung dazu, dass bestimmte Bakterien vermehrt Bestandteile des intestinalen Mucins, also der Darmschleimschicht, als Nahrungsquelle nutzten und dadurch die Schleimschicht stärker abbauen konnten. Dadurch kann die räumliche Distanz zwischen Mikrobiota und Darmepithel geringer werden, was die Barriere anfälliger machen kann. Wichtig ist allerdings die wissenschaftliche Einordnung. Diese besonders eindrucksvollen Befunde stammen wesentlich aus experimentellen Modellen und dürfen im Moment noch nicht eins zu eins als Nachweis einer solchen Schleimhautschädigung beim Menschen verstanden werden.

sanego: Und wie kann ich meine Darmschleimhaut davor schützen?

Prof. Dr. Martin Storr: Eine der plausibelsten Maßnahmen ist eine abwechslungsreiche Ernährung mit ausreichend unterschiedlichen Ballaststoffquellen. Diese liefern dem Mikrobiom vielfältige fermentierbare Substrate und fördern die Bildung von Stoffwechselprodukten wie kurzkettigen Fettsäuren, die wichtige Funktionen im Darm übernehmen. Geeignete Quellen sind beispielsweise Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Nüsse, Samen, wobei die individuelle Verträglichkeit und Präferenz berücksichtigt werden sollte und Ballaststoffe teilweise auch supplementiert werden können. Ebenso wichtig sind eine ausreichende Nährstoff- und Flüssigkeitsversorgung sowie der zurückhaltende Umgang mit Faktoren, die die Schleimhaut nachweislich oder plausibel beeinträchtigen können. Entscheidend ist dabei nicht die Suche nach einem einzelnen Superfood, sondern die langfristige Pflege des gesamten Ökosystems Darm.

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Darmkuren, Probiotika & Co

sanego: Viele Menschen nehmen Nahrungsergänzungsmittel oder Probiotika zu sich. Hat das wirklich so einen großen Einfluss?

Prof. Dr. Martin Storr: Hier lohnt sich eine nüchterne Betrachtung, denn „das Probiotikum“ gibt es nicht. Wirkung und Evidenz sind von Stamm, Kombination, Dosis und Erkrankung abhängig. Für das Reizdarmsyndrom beispielsweise ist die Datenlage heterogen, weshalb die DGVS-Leitlinie Probiotika nicht pauschal zur Behandlung der globalen RDS-Symptomatik empfiehlt. Auch bei Nahrungsergänzungsmitteln kommt es auf den individuellen Bedarf und die jeweilige Evidenz an. Sie können in bestimmten Situationen, zum Beispiel wenn ein konkreter Mangel vorliegt, eine sinnvolle Ergänzung sein, ersetzen jedoch nicht die Grundlagen einer darmfreundlichen Lebensweise. Das Ziel sollte daher nicht sein, ungezielt möglichst viele Bakterien oder Supplemente einzunehmen, sondern gezielt die Bedingungen zu verbessern, unter denen die eigene Darmbarriere und das eigene Mikrobiom funktionieren können.

sanego: Können denn spezielle Darmkuren helfen?

Prof. Dr. Martin Storr: Unter dem Begriff Darmkur werden sehr unterschiedliche Konzepte zusammengefasst, von Ballaststoff- oder Ernährungsprogrammen bis hin zu sogenannten Detox-, Entgiftungs- oder Darmsanierungskuren. Für pauschale Darmreinigungen oder Entgiftungen gibt es keine überzeugende wissenschaftliche Grundlage, und aggressive Abführmaßnahmen können sogar unnötige Nebenwirkungen verursachen. Sinnvoll kann dagegen eine gezielte Ernährungsumstellung sein, wenn sie sich an den individuellen Beschwerden und an wissenschaftlich etablierten Ernährungskonzepten orientiert. Diese kann sinnstiftend durch Fermentationsprodukte, sogenannte Fermentate erweitert werden, von denen bekannt ist, dass sie für Darmbarriere und den Körper gesundheitsförderliche Substanzen wie beispielsweise kurzkettige Fettsäuren (Butyrate) enthalten. Der entscheidende Unterschied lautet daher, den Darm unterstützen ja, den Darm hingegen reinigen, das müssen wir nicht.

Was wir zur Darmschleimhaut wissen sollten

sanego: Gibt es etwas, was jede Person zur Darmschleimhaut wissen sollte?

Prof. Dr. Martin Storr: Die wichtigste Erkenntnis ist für mich, dass die Darmschleimhaut kein passiver Schutzfilm ist, sondern ein hochaktives biologisches Interface zwischen unserer Umwelt und unserem Körper. Sie muss täglich einen schwierigen Balanceakt bewältigen. Nährstoffe aufnehmen, mit Billionen von Mikroorganismen koexistieren und gleichzeitig potenziell schädliche Substanzen und Krankheitserreger abwehren. Dabei arbeiten Schleimschicht, Epithelzellen, Tight Junctions, Mikrobiom und Immunsystem eng zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. Und genau deshalb lässt sich eine gesunde Darmschleimhaut nicht mit einer einzelnen Pille herstellen. Vielmehr braucht es ein ganzheitliches Konzept, bei dem Ernährung, Mikrobiom, Darmbarriere, Immunsystem und weitere Lebensstilfaktoren zusammenwirken. Die Gesundheit der Darmschleimhaut ist letztlich Ausdruck eines funktionierenden Gesamtsystems.

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