Optimisten und Optimistinnen leben statistisch gesehen länger. Doch wie blickt man eigentlich positiv in die Zukunft? Dr. Ulrich Strunz jr. hat sich die neurologischen Erkenntnisse dazu genauer angesehen und ist sich sicher: Negative Erwartungen sind ein erlerntes Verhalten, das wir überwinden können. Sein Buch „Du musst nicht mit den Haien tanzen“ zeigt deshalb, wie Sie die Welt wieder als einen freundlichen Ort wahrnehmen können und optimistisch in die Zukunft blicken.
Wie das genau funktioniert und wann das Konzept auch in toxic positivity umschlagen kann, hat er uns im Interview erklärt.
sanego: Würden Sie sagen, Sie sind ein Optimist, der immer vom Guten ausgeht?
Dr. Ulrich Strunz: Ich bin Optimist – aber nicht naiv. Ja, ich gehe grundsätzlich davon aus, dass die meisten Menschen mit ihren Handlungen dazu beitragen wollen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Dennoch weiß ich aus eigener Lebenserfahrung, dass das nicht immer der Fall ist.
Wäre es möglich, für ein paar Stunden in den Schuhen eines jeden Mitmenschen zu gehen, würden wir vieles besser verstehen. Diese Haltung prägt mein Denken: Empathie und Realismus gehören zusammen.
sanego: Warum haben Sie sich für diesen Weg entschieden?
Dr. Ulrich Strunz: Das ist weniger eine bewusste Entscheidung als ein Ausdruck meines Wesens. Es fällt mir nicht immer leicht – denn ich kämpfe oft nicht gegen die Erwartungen anderer, sondern vor allem gegen meine eigenen.
Erwartungen sind Meisterleistungen unseres Gehirns: Sie entstehen aus emotionalen und kognitiven Bewertungen vergangener Erfahrungen. Mein Antrieb ist es, zu einem Weltbild beizutragen, das die Welt als grundsätzlich freundlichen Lebensraum zeichnet – ohne die Schatten zu leugnen. Darum geht es auch in meinem Buch „Du musst nicht mit den Haien tanzen“ (Ariston Verlag).
Ist Dozent für Entscheidungsorientiertes Management an der FOM München und Autor mehrerer Bücher. Darin widmet er sich dem menschlichen Verhalten und wie wir es für ein gesünderes, besseres Leben, positiv beeinflussen können.
Woher schlechte Erwartungen kommen – und wie Sie sie überwinden
sanego: Die meisten Menschen erwarten eher, dass eine Situation schlecht ausgeht und dass sie sich schützen müssen. Warum ist das so?
Dr. Ulrich Strunz: Das ist evolutionär sinnvoll. Die Verhaltensforschung spricht vom Negativity Bias – unsere Aufmerksamkeit für Bedrohungen hat unser Überleben gesichert. Gleichzeitig zeigen Studien, dass die Gewichtung von positiven und negativen Ereignissen hochindividuell ist und selbst mit großen Datenmengen nicht vollständig vorhergesagt werden kann.
Genau diese Unvorhersehbarkeit ermöglicht es uns, intelligent und adaptiv auf Veränderungen zu reagieren.
sanego: Wo fange ich an, wenn ich positive Erwartungen haben möchte?
Dr. Ulrich Strunz: „Der größte Teil der Menschen trägt mit dem größten Teil seiner Handlungen dazu bei, die Erde zu einem besseren Ort zu machen.“
Aus meiner Dissertation und Forschung weiß ich außerdem: Positive Erwartungen profitieren stark vom Innehalten und Reflektieren. Mein Vater, Dr. med. Ulrich Strunz, hat das immer mit der Metapher der Ameise beschrieben, die stehen bleibt, nach oben schaut und den Adler sieht.
Zusätzlich konnte ich empirisch zeigen, dass persönliche Expertise ein signifikanter Faktor für positive Erwartungen ist. Je besser wir uns in einem Bereich auskennen, desto konstruktiver fallen unsere Erwartungen aus – auch in unsicheren Situationen. (Siehe meine Dissertation: „The Impact of Individual Expertise and Public Information on Group Decision Making“).
Wann schlechte Erwartungen doch wichtig sind
sanego: Gibt es auch Momente, in denen schlechte Erwartungen hilfreich sind?
Dr. Ulrich Strunz: Absolut. Eine leicht positive Grundhaltung ist meist förderlich, aber eine negative Erwartung kann in bestimmten Situationen schützen. Auch hier gilt Paracelsus: „Die Dosis macht das Gift.“
Gleichzeitig konnte ich in meiner Forschung messen, dass der Mensch deutlich altruistischer ist, als viele klassische ökonomische Modelle annehmen. Wir tendieren dazu, anderen Vorteile zu verschaffen – auch auf eigene Kosten. Dies widerspricht nicht komplett egoistischen Modellen, sondern zeigt, dass die Wirklichkeit komplexer ist. Wir brauchen noch bessere integrierende Erklärungen.
sanego: Heute wird oft auch vor „Toxic Positivity“ gewarnt. Würden Sie sagen, das ist berechtigt?
Dr. Ulrich Strunz: Ja, diese Warnung ist berechtigt. „Toxic Positivity“ – also das zwanghafte Schönreden von allem – kostet enorm viel Energie und ist letztlich unehrlich.
Menschen zeigen Fremden eher positive Seiten (daher wirkt Social Media oft so strahlend) und vertrauten Personen auch negative. Das ist menschlich. Die Lebensrealität ausschließlich positiv zu bewerten, ist weder realistisch noch gesund.
Dennoch: Auch wer viel Negatives erlebt hat, darf auf die grundsätzliche Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit vieler Menschen vertrauen. Das eine schließt das andere nicht aus.
sanego: Wenn ja, wie kann ich mich davor schützen?
Dr. Ulrich Strunz: Bei wirklich toxischen Mustern ist klarer Abstand wichtig – auch wenn das bedeutet, Abstand zu nehmen, zu ignorieren oder in manchen Fällen sogar bewusst nicht die volle Wahrheit zu sagen, um sich zu schützen.
In meinem Buch arbeite ich mit der 80/20-Regel: Konzentrieren Sie sich bewusst auf die 80 % der Dinge, die auf dieser Welt gut laufen, statt sich ausschließlich auf die 20 % zu fixieren, die schlecht laufen. Selbst hinter einer negativen Haltung steckt oft das ehrliche Bedürfnis, die Welt verbessern zu wollen – ein wertvolles Motiv.
Tipps für ein Leben mit positiven Erwartungen
sanego: Welche Tipps möchten Sie unseren Leser:innen noch mit auf den Weg geben?
Dr. Ulrich Strunz: Vertrauen Sie Ihrem Körper. Er ist unglaublich resilient und intelligent. Geben Sie ihm die Bedingungen, die er braucht – er weiß oft mehr, als wir denken.
Integrieren Sie Ihre Vergangenheit. C. G. Jung hat dazu tiefgründige Werke hinterlassen. Trauer, Verletzungen und schwierige Erfahrungen dürfen positiv integriert werden, ohne sie schönreden zu müssen. Unsere Emotionen sind ein hochintelligentes System.
Erinnern Sie sich an das größte Wunder. Manchmal reicht ein einziges wohlwollendes Wort, eine sanfte Berührung oder ein wirklich aufmerksamer Blick, um unser gesamtes biochemisches System in einen Zustand von Geborgenheit zu versetzen. Dieses menschliche Potenzial ist wissenschaftlich nicht vollständig erklärbar – und genau deshalb so wertvoll. Beschäftigen Sie sich mit dieser Magie.




