/
/ Wie beeinflussen Scham und Schuld unser Leben? Dr. Laurence Heller und Stephan K. Niederwieser im Interview

Wie beeinflussen Scham und Schuld unser Leben? Dr. Laurence Heller und Stephan K. Niederwieser im Interview

Von: Elisabeth Maußner Geprüft von: Nina Kischke
Aktualisiert: 17.07.2026
Lesezeit: 7 Min.
PsychologieTippsMein Körper
Eine Frau hält sich die Hände vor das Gesicht und schaut durch die Finger. Sie schämt sich.
Scham und Schuld können Einfluss auf unsere Persönlichkeit haben. | © Canva

Wenn Sie am liebsten im Boden versinken möchten, dann spielen Scham und Schuld eine wichtige Rolle. Sie sind oft Teil der unangenehmen Momente in unserem Leben, die wir lieber vergessen würden. Den wenigsten ist jedoch klar, dass Scham und Schuld auch wichtige Bestandteile unserer Persönlichkeit sein können – und teilweise negative Auswirkungen haben.

Dr. Laurence Heller und Stephan K. Niederwieser haben sich damit für ihr Buch „Wer wir wirklich sind – jenseits von Scham und Selbstablehnung“. In unserem Interview erklären sie, wie Scham entsteht und warum Sie sich damit näher beschäftigen sollten.

"Wer wir wirklich sind jenseits von Scham und Selbstablehnung" in folgenden Shops:

Die Grundlagen zu Scham und Schuld

sanego: Können Sie zu Beginn kurz beschreiben: Was sind Scham und Schuld aus Ihrer Sicht überhaupt? Wie fühlen sie sich an? Und welche Funktion in unserem Zusammenleben erfüllen sie?

Dr. Laurence Heller: Scham und Schuld sind Prozesse, keine Gefühle. Sie können zwar starke Gefühle auslösen, sind aber vor allem eine bestimmte Art, mit uns selbst in Beziehung zu sein. Chronische Scham führt dazu, dass wir uns selbst abwerten, verstecken oder zurückhalten. Chronische Schuld lässt uns ständig Verantwortung übernehmen – oft sogar für Dinge, die gar nicht unsere Verantwortung sind. Beide Prozesse entfernen uns von unserem Herzen: von unserer Lebendigkeit, unserer Offenheit und unserem natürlichen Gefühl, mit uns selbst und anderen verbunden zu sein.

Stephan K. Niederwieser: Und es ist wichtig, zwischen gesunder und chronischer Scham beziehungsweise Schuld zu unterscheiden. Gesunde Scham hilft uns, die Würde anderer zu achten und soziale Grenzen wahrzunehmen. Gesunde Schuld macht uns darauf aufmerksam, wenn wir jemandem tatsächlich geschadet haben, und motiviert uns, Schäden und Beziehungen zu reparieren. Problematisch wird es, wenn Scham und Schuld chronisch werden. Dann beziehen sie sich nicht mehr auf unser Verhalten, sondern auf unser Sein. Statt zu denken: »Ich habe einen Fehler gemacht«, erleben wir: »Mit mir stimmt etwas nicht.« Diese Art des Selbstbezugs ist eine Folge von Entwicklungstrauma.

Dr. Laurence Heller

ist klinischer Psychologe, Gründer des NeuroAffective Relational Model ™ (NARM) und führt seit 15 Jahren Seminare im NARM-Ansatz und Schulungen in Somatic Experiencing®.

Stephan K. Niederwieser

ist Therapeut und Lehrer des NeuroAffective Relational Model ™ (NARM). Er hat verschiedene Ausbildungen in Körper- und Psychotherapien abgeschlossen, darunter Hakomi und Somatic Experiencing.

sanego: Ab welchem Alter können wir denn Scham und Schuld empfinden?

Dr. Laurence Heller: Die Grundlagen entstehen sehr früh. Schon Säuglinge reagieren empfindlich darauf, ob sie willkommen sind, gesehen werden oder ob ihre Bedürfnisse beantwortet werden. Ein Bewusstsein über das Schamerleben entwickelt sich erst später, aber die Grundlagen werden sehr früh registriert und bilden später die Basis für das sich entwickelnde Selbst.

Stephan K. Niederwieser: Viele Menschen glauben, Scham beginne erst, wenn Kinder moralische Regeln verstehen. Tatsächlich entstehen die ersten Schamprozesse schon lange vorher. Wenn ein Kind immer wieder erlebt, dass seine Bedürfnisse zu viel sind oder seine Gefühle unerwünscht sind, entwickelt es oft unbewusst die Überzeugung: »Mit mir stimmt etwas nicht.« Diese auf Scham basierende Identifikation prägt später sein Erleben, besonders in Beziehungen.

Wenn Scham und Schuldgefühle problematisch werden

sanego: Wann werden Scham- und Schuldgefühle aus Ihrer Sicht problematisch?

Dr. Laurence Heller: Sie werden problematisch, wenn sie dauerhaft unsere Identität bestimmen. Dann beeinflussen sie Beziehungen, Entscheidungen und sogar die Art, wie wir unseren eigenen Körper erleben. Menschen passen sich übermäßig an, ziehen sich zurück oder versuchen ständig, perfekt zu sein.

Stephan K. Niederwieser: Chronische Scham und Schuld fallen oft gar nicht auf, weil sie selbstverständlich geworden sind. Manche Menschen entschuldigen sich ständig, andere können kaum Komplimente annehmen oder fühlen sich schuldig, wenn sie für sich selbst sorgen. Viele halten diese Muster für ihre Persönlichkeit, obwohl sie ursprünglich kreative Überlebensstrategien waren.

sanego: Was können Auslöser dafür sein?

Dr. Laurence Heller: Nicht einzelne Ereignisse allein sind entscheidend, sondern wiederholte Beziehungserfahrungen. Wenn Kinder sich dauerhaft nicht gesehen, nicht willkommen oder nur unter bestimmten Bedingungen geliebt fühlen, entwickeln sie diese verzerrten Vorstellung von sich und verhalten sich danach.

Stephan K. Niederwieser: Besonders prägend ist nicht nur das, was Kindern geschieht, sondern die Bedeutung, die sie daraus ableiten. Kinder suchen die Ursache fast immer bei sich selbst. Wenn Liebe ausbleibt oder zurückgewiesen wird, lautet die Schlussfolgerung häufig nicht: »Meine Eltern konnten nicht anders«, sondern: »Mit mir stimmt etwas nicht.« Genau darin liegt der Ursprung chronischer Scham.

"Wer wir wirklich sind jenseits von Scham und Selbstablehnung" in folgenden Shops:

Wie wir uns mit Scham und Schuld auseinandersetzen

sanego: Würden Sie empfehlen, dass sich jede(r) mit seinem Scham- und Schuldgefühlen auseinandersetzt? Oder ist das eher für bestimmte Personengruppen wichtig?

Dr. Laurence Heller: Ich denke, jeder Mensch profitiert davon. Diese Scham- und Schulddynamiken gehören zum Menschsein. Entscheidend ist nicht, sie loszuwerden, sondern zu erkennen, wann sie hilfreich sind und wann sie uns unnötig einschränken.

Stephan K. Niederwieser: Gerade, weil chronische Scham so unsichtbar sein kann, lohnt sich diese Auseinandersetzung für nahezu alle Menschen. Sie verändert nicht nur unser Selbstbild, sondern auch unsere Beziehungen, unsere Kreativität und unsere Fähigkeit, Liebe anzunehmen und zu geben.

sanego: Sie sind Gründer bzw. Lehrer der NARM-Methode. Welche Rolle spielen Scham und Schuld dabei?

Dr. Laurence Heller: In NARM betrachten wir Scham als eines der zentralen Merkmale von Entwicklungstrauma. Unser Ziel besteht jedoch nicht darin, Scham direkt zu bekämpfen. Stattdessen unterstützen wir Menschen dabei, wieder Kontakt zu ihren eigenen natürlichen Kapazitäten und ihrer Lebendigkeit aufzunehmen sowie sich bewusst zu werden, welchen Beitrag sie zu ihrem Erleben leisten. Dadurch verliert Scham häufig ihre Macht.

Stephan K. Niederwieser: In unserer Arbeit versuchen wir nicht, Scham einfach zu regulieren oder positiv umzudeuten. Wir erforschen neugierig, wie sie entsteht und wie wir sie im Hier und Jetzt immer wieder selbst aufrechterhalten. Sobald Menschen das erkennen, entsteht wieder Wahlfreiheit. Genau darin liegt für mich einer der heilsamsten Aspekte von NARM.

Was hilft bei chronischer Scham?

sanego: Wo kann ich anfangen, wenn ich merke, dass Scham und Schuld bei mir chronisch geworden sind?

Dr. Laurence Heller: Der erste Schritt besteht darin, neugierig zu werden. Statt sofort gegen Scham anzukämpfen, lohnt es sich zu beobachten, wann sie auftaucht und welche Strategien sie begleitet. Bewusstheit schafft neue Möglichkeiten.

Stephan K. Niederwieser: Ich würde mit einer einfachen Frage beginnen: »Wie spreche ich eigentlich mit mir selbst?« Viele Menschen entdecken dabei einen erstaunlich harten inneren Dialog. Sobald wir diesen erkennen, entsteht die Möglichkeit, uns selbst mit mehr Mitgefühl und Ehrlichkeit zu begegnen. Das ist oft der Beginn tiefgreifender Veränderungen.

sanego: Ihr Buch enthält unter anderem Reflexionsübungen. Können Sie eine davon beispielhaft vorstellen?

Dr. Laurence Heller: Eine einfache Übung besteht darin, etwas zu erinnern, wofür man sich früher geschämt hat und heute mehr annehmen kann. Dabei ist es wichtig darauf zu achten, wie diese Erkundung das eigene Erleben verändert. Durch diese Selbstreflexion lernt man sehr schnell, dass das, was wir für Tatsachen über uns halten, keinen wirklichen Bestand hat.

Stephan K. Niederwieser: Ich lade Menschen häufig dazu ein, zwischen dem Ereignis und ihrer Interpretation zu unterscheiden. Was ist tatsächlich passiert? Und welche Geschichte erzähle ich mir seitdem über mich selbst? Allein diese Unterscheidung eröffnet häufig einen neuen Blick auf die eigene Biografie.

sanego: Was würden Sie unseren Leser:innen sonst noch zum Thema Scham und Schuld raten?

Dr. Laurence Heller: Seien Sie geduldig mit sich. Die Muster, die wir heute Scham oder Schuld nennen, haben uns oft einmal geholfen zu überleben. Deshalb verdienen sie Verständnis statt erneuter Verurteilung.

Stephan K. Niederwieser: Ich wünsche mir, dass Menschen neugierig auf das werden, was unter Scham und Schuld verborgen liegt. Dort finden wir häufig genau das, wonach wir uns unser ganzes Leben gesehnt haben: mehr Lebendigkeit, mehr Verbundenheit und die Erfahrung, dass mit uns letztlich nichts grundsätzlich falsch ist.

"Wer wir wirklich sind jenseits von Scham und Selbstablehnung" in folgenden Shops:
Hinweis: In diesem Text sind Links zu Amazon und anderen Online-Shops enthalten. Erfolgt über diese Links eine Bestellung, erhält sanego eine Provision.