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/ Warum Abnehmen nicht so einfach ist, wie Sie denken. Ernährungsexpertin Daniela Kielkowski im Interview

Warum Abnehmen nicht so einfach ist, wie Sie denken. Ernährungsexpertin Daniela Kielkowski im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Aktualisiert: 25.02.2026

Lesezeit: 5 Min.

Mein Körper | Vorsorge | Tipps

Eine Person steigt auf eine Waage.
Wer Gewicht verlieren möchte, sollte den eigenen Körper und den Stoffwechsel kennen. | © Siam - stock.adobe.com

Sport und Ernährung – so lassen sich die meisten Tipps gegen Übergewicht zusammenfassen. Möchten Sie wirklich abnehmen, merken Sie aber schnell: So einfach ist es gar nicht. Denn dabei spielen noch viele andere Mechanismen in Ihrem Körper eine Rolle; Stress zum Beispiel, wie Ernährungsexpertin Daniela Kielkowski in ihrem Buch „Stress der stille Dickmacher“ beschreibt.

Wie können Sie also wirklich Gewicht verlieren und was müssen Sie dazu wissen? Das klären wir mit Daniela Kielkowski in unserem Interview.

sanego: Die meisten Menschen denken: Wer zu viel wiegt, isst zu viel und bewegt sich zu wenig. Warum greift das zu kurz?

Daniela Kielkowski: Nach über 20 Jahren in der Patientenversorgung sehe ich täglich, wie belastend diese vereinfachte Sicht für Betroffene ist. Gewicht ist kein reines Disziplin- oder Verhaltensproblem. Unser Gehirn steuert den Energiehaushalt, und Faktoren wie Stress, Schlaf, Hormone und frühere Diäten entscheiden darüber, ob Energie verbrannt oder gespeichert wird. Chronischer Stress kann den Körper in einen Sicherungsmodus bringen — ein zentraler Gedanke meines Buches „Stress – der stille Dickmacher“. Abnehmen scheitert deshalb selten an mangelnder Willenskraft, sondern oft an einer gestörten biologischen Regulation. Denn das Gehirn hat einen größeren Einfluss auf unser Gewicht, als falsche Ernährung.

Welchen Einfluss hat der Stoffwechsel auf das Gewicht

sanego: Sie sagen: Wer abnehmen möchte, muss seinen Stoffwechsel verstehen. Was genau sollte man dazu wissen?

Daniela Kielkowski: Der Stoffwechsel ist kein Motor, den man einfach hoch- oder runterdreht, sondern ein hochreguliertes System. Entscheidend sind stabile Mahlzeiten, ausreichende Energie, guter Schlaf und ein reguliertes Stresssystem. Gleichzeitig gibt es heute einen immer größeren Wust an Tipps, Konzepten und neuen Experten und Expertinnen — viele davon haben nie Menschen mit Gewichtsproblemen behandelt oder Verantwortung für deren langfristige Entwicklung übernommen. Viele geben Tipps, welche an den realen Alltagssituationen der meisten Menschen scheitern. Das verunsichert Betroffene enorm und schadet ihnen nichtselten gesundheitlich. Deshalb geht es darum, den eigenen Stoffwechsel zu verstehen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was für den eigenen Körper richtig ist. Genau darauf sind meine Bücher ausgerichtet: Orientierung zu geben und Menschen zu helfen, die Signale ihres Körpers wieder wahrzunehmen.

sanego: Manche dünne Menschen prahlen damit, einfach einen guten Stoffwechsel zu haben. Gibt es im Gegenzug auch Menschen, die einen weniger effektiven Stoffwechsel haben?

Daniela Kielkowski: Ja — und hier liegt eine große Unfairness. Menschen mit Übergewicht wird oft unterstellt, sie würden etwas falsch machen. Tatsächlich zeigt Übergewicht häufig, dass die Stoffwechselregulation nicht mehr optimal funktioniert — etwa durch chronischen Stress, hormonelle Anpassungen oder eine reduzierte metabolische Flexibilität. Manche Menschen können Energie leichter verbrennen, andere speichern sie schneller. Das ist keine moralische Frage, sondern Ausdruck biologischer Unterschiede. Gerade deshalb ist es wichtig, Betroffene nicht zu beschuldigen, sondern die zugrunde liegenden Mechanismen zu verstehen.

Buchcover Stress der stille Dickmacher
Buchcover Stress der stille Dickmacher | © Becker Joest Volk Verlag

Stress und Übergewicht

sanego: Welchen Einfluss hat Stress auf den Stoffwechsel?

Daniela Kielkowski: Wir regulieren Stresssignale über zwei Stressachsen. Über die vegetative Sympaticus- Adrenalin Achse und die zentrale HPA- Achse, Cortisol. Stress ist einer der stärksten Stoffwechselregulatoren. Dauerhaft erhöhte Stresshormone wie Cortisol erhöhen den Blutzucker, reduzieren die Fettverbrennung und fördern die Einlagerung von viszeralem Bauchfett, das besonders cortisolaffin ist. Gleichzeitig kann sich eine Art metabolische Starre entwickeln, die Gewichtsabnahme erschwert - deshalb spreche ich vom „stillen Dickmacher“. Das System gerät in Unsicherheit und kann deshalb in den Speichermodus kommen. Aber und das ist entscheidend, Menschen, welche bei Stress eher abnehmen, kompensieren Stress eher über die vegetative Stressachse z. B. Adrenalin. Aber bei dauerhaft aktiven Stressachsen, bestehen erhebliche gesundheitliche Risiken.

sanego: „Du musst Stress reduzieren“ ist einfach gesagt. Was würden Sie als erste Schritte empfehlen?

Daniela Kielkowski: Es geht nicht darum, Stress vollständig zu vermeiden - das ist unrealistisch. Hier gehört eine gut Portion Eigenreflexion dazu und vor allem Eigenverantwortung. Was sind die größten individuellen Stressoren körperlich, sozial, gesundheitlich. Entscheidend ist, dem Körper wieder Sicherheit zu vermitteln: regelmäßige Mahlzeiten statt ständiger Restriktion, ausreichend Schlaf, Tageslicht, Bewegung und kleine bewusste Pausen für das Nervensystem. Kleine stabile Routinen wirken oft stärker als radikale Veränderungen.

Daniela Kielkowski

hat ein abgeschlossenes Medizinstudium und ist ausgebildete Krankenschwester. Seit 2006 leitet sie ihre eigene Praxis in Berlin. Zudem ist sie als Ernährungsexpertin regelmäßig in den Medien vertreten und hat schon mehrere Ratgeber zu diesem Thema veröffentlicht.

Was hilft beim Abnehmen?

sanego: Welche Rolle spielen die Ernährung und einzelne Lebensmittel beim Abnehmen?

Daniela Kielkowski: Einzelne Lebensmittel sind selten der entscheidende Faktor. Viel wichtiger ist, dass der Körper ausreichend und regelmäßig versorgt wird, damit kein Stresssignal entsteht. Extreme Diäten können das Stresssystem aktivieren und die Regulation weiter verschlechtern. Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichenden Kohlenhydraten, Ballaststoffen, Proteinen und Fetten unterstützen dagegen hormonelle Balance und metabolische Flexibilität.

sanego: In Ihrem Buch führen Sie durch ein 30 Tage Programm. Wie ist dieses aufgebaut?

Daniela Kielkowski: Das Programm ist bewusst als Stabilisierung angelegt, Veränderungen benötigen Zeit und müssen in den Alltag integriert werden. Zuerst wird die Energieversorgung und Alltagsstruktur reguliert, dann folgen Stressregulation, Schlaf und Bewegung. Ziel ist nicht ein schneller Gewichtsverlust, sondern ein Stoffwechsel, der wieder flexibel und resilient reagieren kann - genau das ist die Grundlage für nachhaltige Veränderungen.

sanego: Was würden Sie Menschen mit Übergewicht noch empfehlen?

Daniela Kielkowski: Jede Menge gute Kohlenhydrate, die Hauptmahlzeiten über den Tag verteilen und nicht jeder neuen Sau hinter her laufen, welche in puncto- schnellem Gewichtsverlust- durchs Dorf getrieben wird. Erst ein Gewicht lernen zu stabilisieren, den eigenen Stoffwechsel kennen lernen und dann einen passenden Plan zum Abnehmen ins Auge fassen.

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