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Wie können Sie Ihre Beziehung stärken? Paartherapeutin Anouk Algermissen im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Veröffentlicht: 18.04.2024

Lesezeit: 6 Min.

Tipps | Patientenwissen

An der Beziehung arbeiten Paare am besten gemeinsam.
An der Beziehung arbeiten Paare am besten gemeinsam. | © LIGHTFIELD STUDIOS - stock.adobe.com

Nach dem Happy End schleicht sich in Beziehungen der Alltag ein. Es kommt zu Meinungsverschiedenheiten und Streit, große Entscheidungen müssen gemeinsam getroffen und schwere Zeiten durchgestanden werden. In solchen Momenten können Tipps aus der Paartherapie helfen, die Beziehung zu stärken oder zu verbessern.

Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen möchte Paare durch Beziehungskrisen und die persönliche Entwicklung begleiten. Ihr Buch aus dem MVG Verlag, „Getriggert?: Wie wir unsere Beziehungen stärken, indem wir unsere Emotionen regulieren und gelassener kommunizieren. Mit vielen umsetzbaren Kommunikations-Tools aus der Paartherapie“, setzt dort an. Es soll Sie dabei unterstützen nicht nur die Beziehung zum bzw. zur Partner:in, sondern auch zu Familie und Freunden sowie Freundinnen zu verbessern.

Im Interview hat sie uns verraten, was es für eine gesunde Beziehung braucht und wie Sie am besten daran arbeiten können.

sanego: Beziehungen sind ja sehr individuell und werden von vielen unterschiedlichen Bedingungen wie Charakter, Vergangenheit, äußere Umstände u.v.m. geprägt. Trotzdem versuchen Sie mit Ihrem Buch, Ihrem Podcast und Ihrem Blog, allgemeingültige Tipps für alle herauszuarbeiten. Wem können diese denn helfen und ab wann ist eine persönliche Beratung vielleicht mehr zu empfehlen?

Anouk Algermissen: Allgemeinere Tipps sind eine großartige Möglichkeit, um in ein Thema einzusteigen. Natürlich können diese für jeden individuellen Fall niemals so maßgeschneidert wie eine persönliche Beratung sein, aber sie können erste Gedankenanstöße und hilfreiche Ansätze liefern. Da die Hemmschwelle zur Paarberatung oder zur Psychotherapie zu gehen für viele Menschen hoch ist, können Tipps über Podcasts oder Social Media früher ansetzen und erste Hilfen liefern bzw. überhaupt erst auf problematische Dynamiken aufmerksam machen. Wenn man dadurch dann merken sollte, dass die Inhalte nicht tief genug gehen oder der Zeit- bzw. Leidensdruck hoch ist, sollte man auf jeden Fall eine persönliche Beratung in Betracht ziehen.

sanego: Sollte ein Paar immer gemeinsam an der Beziehung arbeiten oder kann es schon helfen, sich alleine damit zu beschäftigen?

Anouk Algermissen: In meine Praxis kommen auch Menschen, die alleine an ihren Themen arbeiten möchten. Das kann durchaus sinnvoll sein, wenn es z. B. darum geht, die eigene Eifersucht besser zu regulieren oder man bestimmte psychologische Zusammenhänge verstehen möchte. Wenn der Partner / die Partnerin jedoch keinerlei Bereitschaft zeigt, ebenfalls an sich selbst und der Beziehung zu arbeiten, wird man an einem gewissen Punkt nicht weiterkommen. Es braucht immer zwei, um eine Beziehung zu gestalten.

Anouk Algermissen

ist Beziehungsexpertin und Paartherapeutin. Als Psychologin M.Sc. möchte sie ihre Klienten und Klientinnen dabei unterstützen, besser zu kommunizieren, weniger zu streiten und gesunde Beziehungen zu führen. Neben ihrer Praxis betreibt sie einen eigenen Podcast, einen regelmäßigen Newsletter und ist auf Instagram sowie Pinterest aktiv.

sanego: Zu Beginn müssen wir vielleicht erstmal ein paar Begrifflichkeiten klären. In „Getriggert“ geht es unter anderem um Trigger und Beziehungsmuster. Könnten Sie kurz erklären, was psychologisch unter den beiden Begriffen gemeint ist?

Anouk Algermissen: Der Begriff „Trigger“ kommt eigentlich aus der Traumatherapie bzw. der Arbeit mit Posttraumatischen Belastungsstörungen. Trigger kann man sich wie einen Schlüsselreiz vorstellen, der alte Gefühle aus der Vergangenheit wieder hochholt. Im Hier und Jetzt spürt man die Gefühle aus der alten Verletzung. Bei Traumata sind dies meist schlimme Erfahrungen wie Missbrauch, Tod oder Unfälle. Doch auch nicht traumatisierte Menschen können Trigger erleben. Manche mussten vielleicht schon als Kinder viel Verantwortung übernehmen, andere wurden von einem Ex-Partner betrogen. Solche Erlebnisse können einen prägen und beeinflussen, wie wir auf bestimmte Aussagen oder Verhaltensweisen reagieren.

Mit dem Begriff „Beziehungsmuster“ kann sehr anschaulich beschrieben werden, was viele Paare erleben: sie sind häufig in sich wiederholenden Mustern gefangen. Dazu ein kurzes Beispiel: Person A ist verletzt und reagiert daraufhin mit Angriffen. Das führt dazu, dass Person B irritiert ist und nicht mehr antwortet. Das wiederum bringt Person A dazu, noch lauter zu werden, bis B die Flucht ergreift und aus dem Raum geht. Dies wäre ein Angriff-Rückzugs-Beziehungsmuster.

sanego: Könnte man also sagen: Um eine Beziehung zu verbessern, geht es darum, Trigger zu erkennen und Beziehungsmuster zu durchbrechen?

Anouk Algermissen: Das sind definitiv zwei ganz wesentliche Aspekte von effektiver Beziehungsarbeit. Jedes Paar sollte versuchen, seine individuellen Hürden zu erkennen und diese dann gemeinsam angehen.

sanego: Warum ist es manchmal so schwer unsere Emotionen zu regulieren?

Anouk Algermissen: Starke Emotionen hebeln oftmals das logische Denken aus, wir sind dann im „Gefahrenmodus“ und reagieren nur noch. In diesem Zustand ist es sehr schwer, sich zu besinnen und ruhig zu bleiben, denn alles in einem schreit: „Schütze dich!“. Dann stoßen wir unseren Partner mit lauten Angriffen weg oder bestrafen unsere Partnerin mit Liebesentzug. Um hieraus auszubrechen, braucht es spezielle Techniken, die Sicherheit herstellen und das Erregungsniveau reduzieren. Diese stelle ich im Buch dar. Erst dann sind wir wieder in der Lage dazu, liebevoll aufeinander zuzugehen und offen zu kommunizieren.

Buchcover Getriggert?: Wie wir unsere Beziehungen stärken, indem wir unsere Emotionen regulieren und gelassener kommunizieren
Buchcover Getriggert?: Wie wir unsere Beziehungen stärken, indem wir unsere Emotionen regulieren und gelassener kommunizieren | © MVG Verlag

sanego: In Ihrem Buch „Getriggert“ begleiten wir das fiktive Paar Hannah und Timo durch seine Paartherapie. Wie kann ich mir das genau vorstellen?

Anouk Algermissen: Mir war es wichtig, dass der Prozess so lebensnah und konkret dargestellt wird, wie es geht. Deshalb gibt es auch viele Dialoge zwischen Hannah und Timo, anhand derer man das Gelernte direkt anwenden kann. So können die Leser:innen vorfühlen, wie sie die Übungen in ihren Alltag integrieren können. Wir sehen, welche Aha-Momente Hannah und Timo in den Paartherapiesitzungen haben und wie sie mit Rückschlägen im Alltag umgehen. All das kann für den eigenen Prozess sehr wertvoll sein.

sanego: Die Kapitel enthalten auch 15 Übungen für den Alltag. Wie kann so eine Übung aussehen?

Anouk Algermissen: Diese Übungen stammen direkt aus der echten Paartherapiearbeit und haben sich dort über die Jahre bewährt. Ich gebe Reflexionsfragen, Kommunikationstechniken oder auch innere-Kind-Übungen an die Hand. Eine meiner liebsten Strategien ist das „Reparaturgespräch“. Hierbei lernen Paare, wie man nach Streitsituationen wieder aufeinander zugehen kann, sodass man sich gesehen fühlt und Probleme wirklich geklärt werden.

Zitat Anouk Algermissen Formulierungshilfen
Zitat Anouk Algermissen Formulierungshilfen | © sanego.de

sanego: Neben den Übungen arbeiten Sie auch mit Formulierungshilfen. Warum ist denn die richtige Formulierung in der Kommunikation so wichtig?

Anouk Algermissen: Viele Menschen wissen in der Kommunikation nicht, wo oder wie genau sie anfangen sollen. Andere haben schon so viele schlechte Erfahrungen gemacht, dass sich eine Art innere Blockade aufgebaut hat. Formulierungshilfen können den Einstieg erleichtern und einem eine grobe Richtung für das weitere Gespräch vorgeben. Ein Beispiel dafür wäre: „Ich liebe dich, ich möchte mich nicht streiten und deshalb brauche ich jetzt gerade eine kurze Pause von unserem Gespräch.“ Wenn man solche Sätze als Leitfaden im Kopf behält, findet man aus schwierigen Situationen meist schneller wieder heraus.

sanego: Am Ende des Buches sollen Leser:innen im Streit ruhig bleiben, konkrete Strategien zum Problemlösen an der Hand haben und sich mit dem oder der Partner:in als Team fühlen. Würden Sie sagen, dass sind die drei Grundbausteine für eine gute Beziehung?

Anouk Algermissen: Es sind auf jeden Fall die Grundbausteine einer gesunden Streitkultur und einer offenen Kommunikation. Diese wiederum sind zwingend notwendig, möchte man eine Beziehung aufbauen, in der man langfristig verbunden bleibt und Probleme bewältigen kann. Das gilt übrigens nicht nur für romantische Partnerschaften.

Autoreninformation

Elisabeth Maußner

Medizinische Redakteurin

Elisabeth Maußner ist studierte Journalistin und schreibt bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG seit 2017 zu medizinischen Themen. Ihr Ziel: komplexe Zusammenhänge und wissenschaftliche Hintergründe einfach und für jeden verständlich auszudrücken. Die erfahrene Autorin hat bereits über 400 Artikel zu Gesundheits- und Medizinthemen verfasst, die u.a. auf aerzte.de, sanego.de und arzttermine.de veröffentlicht wurden.

Außerdem durfte sie Erfahrung beim Radio und beim Produzieren von Videos sammeln.

Persönlich interessiert sie sich insbesondere für Kinder- und Frauengesundheit, eine ausgewogene, intuitive Ernährung und die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

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