/
/ Krank zur Arbeit? Wie chronisch Erkrankte Schuldgefühle und Selbstfürsorge jonglieren. Prof. Dr. Mathilde Niehaus im Interview

Krank zur Arbeit? Wie chronisch Erkrankte Schuldgefühle und Selbstfürsorge jonglieren. Prof. Dr. Mathilde Niehaus im Interview

Von: Elisabeth Maußner Geprüft von: Nina Kischke
Aktualisiert: 06.07.2026
Lesezeit: 6 Min.
TippsMein KörperPatientenwissen
Ein Mann sitzt erschöpft im Büro. Er hält die Finger an die Nasenwurzel als hätte er Kopfschmerzen.
Besonders chronisch kranke Menschen sollten sich genau überlegen, ob sie ausreichend Energie für die Arbeit haben. | © Canva

„Kann ich heute arbeiten oder soll ich mich lieber krankmelden?“, diese Frage stellen sich alle Arbeitnehmer:innen hin und wieder. Sind sie chronisch krank, kommt das nicht nur häufiger vor. Oft spielen auch Scham und Schuldgefühle bei der Antwort eine große Rolle.

Prof. Dr. Mathilde Niehaus von der Uni Köln wollte für ihr Forschungsprojekt Amichro wissen: Warum gehen chronisch erkrankte Arbeitnehmer:innen zur Arbeit, auch wenn sie sich krank fühlen? Welche Folgen hat das? Und was könnte Ihnen helfen?

Warum chronisch kranke Mitarbeiter:innen krank zur Arbeit gehen

sanego: Was hat Ihre Forschung ergeben: Welche Gründe gibt es, dass chronisch Erkrankte zur Arbeit gehen, obwohl Sie sich krank fühlen?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Die Entscheidung, trotz Krankheitsgefühl arbeiten zu gehen, ist für Menschen mit chronischen Erkrankungen oft deutlich komplexer, als viele vermuten. Anders als bei akuten Erkrankungen gehören Schmerzen, Erschöpfung oder andere Beschwerden für viele Betroffene zum Alltag. Die Frage „Arbeiten – ja oder nein?“ stellt sich daher nicht nur gelegentlich, sondern häufig, gegebenenfalls täglich und damit immer wieder neu.

Unsere Forschung zeigt, dass Menschen mit chronischen Erkrankungen besonders häufig trotz Krankheitsgefühl arbeiten. Die Gründe dafür sind vielfältig: Viele möchten wichtige Aufgaben erledigen, Kollegen und Kolleginnen nicht zusätzlich belasten oder Verantwortung übernehmen. Andere berichten, dass Arbeit ihnen Struktur, soziale Teilhabe und ein Gefühl von Normalität gibt.

Gleichzeitig erleben viele Betroffene einen inneren Konflikt. Sie wägen täglich ab, was ihrer Gesundheit guttut und was sie möglicherweise überfordert. Manche beschreiben Arbeit als wichtige Ablenkung von der Erkrankung und als Quelle von Selbstwertgefühl. Andere erleben, dass sie nach der Arbeit kaum noch Energie für ihr Privatleben haben.

Prof. Dr. Mathilde Niehaus

leitet den Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität Köln. Zudem führte sie das Projekt Amichro – Arbeiten mit chronischer Erkrankung, das von 2023-2025 untersuchte, welche Faktoren gesundheitsgerechtes Arbeiten mit chronischer Erkrankung fördern und wie Entscheidungen rund um Arbeitsfähigkeit getroffen werden. Aus den Ergebnissen entstand unter anderem die Seite Arbeiten mit Krankheitsgefühl – ja oder nein? mit vielen Handlungsempfehlungen für Betroffene.

Was passiert, wenn sie krank zur Arbeit gehen?

sanego: Hat das langfristige Folgen für Ihren Alltag und Ihre Gesundheit?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Ja, langfristig kann das Arbeiten trotz Krankheit negative Folgen haben: Die Forschung zeigt, dass regelmäßiges Arbeiten trotz Krankheitsgefühl mit gesundheitlichen Risiken wie stärkere Erschöpfung, längere Krankheitsverläufe, eine geringere Leistungsfähigkeit und ein erhöhtes Risiko für Burnout oder andere gesundheitliche Beeinträchtigungen verbunden sein kann.

Besonders wichtig ist jedoch der Blick auf den Alltag der Betroffenen. Viele berichten, dass sie ihre gesamte Energie für den Arbeitstag aufwenden und danach kaum noch Kraft für Familie, Freundschaften oder Freizeitaktivitäten haben. Die eigentliche Belastung entsteht deshalb oft nicht nur am Arbeitsplatz, sondern auch dadurch, dass notwendige Erholung dauerhaft zu kurz kommt.

Gleichzeitig ist die Situation nicht schwarz-weiß. Für manche Menschen kann Arbeit auch Stabilität, soziale Kontakte und ein Gefühl von Sinn vermitteln. Entscheidend ist deshalb die individuelle Frage: „Unterstützt mich die Arbeit in meiner aktuellen Situation – oder kostet sie mich mehr Kraft, als sie mir gibt?“

„Heute melde ich mich krank“ – Was chronisch Erkrankte dafür brauchen

sanego: Was brauchen die Betroffenen, damit sie zuhause bleiben können, wenn sie sich nicht fit genug für die Arbeit fühlen?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen wissen sehr genau, wann sie eigentlich eine Pause bräuchten. Die Herausforderung besteht oft nicht im Wissen, sondern in den Rahmenbedingungen.

Wer Sorge hat, Kollegen und Kolleginnen im Stich zu lassen, wichtige Termine zu verpassen oder als weniger belastbar wahrgenommen zu werden, entscheidet sich häufiger dafür, trotz Beschwerden zu arbeiten. Deshalb brauchen Betroffene nicht nur flexible Arbeitsmodelle oder Homeoffice-Möglichkeiten, sondern vor allem ein Arbeitsumfeld, das Krankheit nicht als Schwäche bewertet.

Hilfreich sind beispielsweise offene Gespräche mit Führungskräften, ein wertschätzendes und verständnisvolles Umfeld, flexible Arbeitszeiten, individuelle Anpassungen des Arbeitsplatzes oder die Möglichkeit, Arbeitsaufgaben zeitweise anders zu gestalten. Ebenso wichtig ist die Botschaft, dass Gesundheit Priorität haben darf.

sanego: Hat das Umfeld wie Freunde und Freundinnen, Familie aber auch Kollegen und Kolleginnen ebenfalls einen Einfluss darauf?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Entscheidungen über Arbeit und Krankheit werden selten völlig allein getroffen. Das soziale Umfeld beeinflusst oft stärker, als vielen bewusst ist. Unterstützende Kollegen und Kolleginnen, verständnisvolle Führungskräfte oder Angehörige können dazu beitragen, dass Betroffene ihre Grenzen ernster nehmen und sich notwendige Erholung erlauben. Umgekehrt können direkte oder indirekte Erwartungen zusätzlichen Druck erzeugen.

Besonders Menschen mit nicht sichtbaren Erkrankungen erleben häufig, dass ihre Beschwerden nicht unmittelbar erkennbar sind. Das kann dazu führen, dass sie sich rechtfertigen müssen oder das Gefühl entwickeln, ihre Belastungen beweisen zu müssen. Ein offenes und vertrauensvolles Umfeld kann also einen wichtigen Beitrag leisten. Es schafft Sicherheit und erleichtert Entscheidungen, die langfristig der Gesundheit dienen.

Wie belastend sind Schuldgefühle und Co. für chronisch Kranke?

sanego: Bleibt trotzdem ein schlechtes Gewissen oder das Gefühl, nicht gut genug zu sein?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Ja, dieses schlechte Gewissen spielt für viele Betroffene eine große Rolle. Menschen mit chronischen Erkrankungen berichten häufig, dass sie sich fragen, ob ihre Beschwerden „ausreichen“, um zuhause zu bleiben. Viele haben über Jahre gelernt, durchzuhalten, Symptome zu relativieren und Leistung über das eigene Wohlbefinden zu stellen. Dadurch kann selbst eine medizinisch sinnvolle Krankmeldung emotional belastend sein.

Hinzu kommt die Sorge, Kollegen und Kolleginnen zusätzlich zu belasten oder Erwartungen nicht zu erfüllen. Das führt dazu, dass manche Menschen deutlich länger arbeiten, als es ihrer Gesundheit guttut. Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht ist deshalb wichtig zu betonen, dass sich auszuruhen, wenn der Körper oder die Psyche es benötigt, kein Zeichen von Schwäche ist. Es ist ein wichtiger Bestandteil langfristiger Gesundheit und Arbeitsfähigkeit.

sanego: Sie wollen arbeiten gehen, fühlen sich manchmal aber nicht gesund genug dafür: Wie belastend ist diese Situation insgesamt für chronisch erkrankte Personen?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Für viele Menschen mit chronischen Erkrankungen ist die Frage „Kann ich heute arbeiten?“ keine Ausnahme, sondern Teil ihres Alltags.

Während andere diese Entscheidung vielleicht nur wenige Male im Jahr treffen müssen, stehen manche Betroffene regelmäßig vor der Herausforderung abzuwägen: Hilft mir Arbeit heute – oder schadet sie mir eher? Bin ich belastbar genug? Wo liegen meine Grenzen? Welche Konsequenzen hat meine Entscheidung für mich selbst und für andere?

Diese ständige Abwägung kann psychisch belastend sein. Sie erfordert Aufmerksamkeit für die eigenen Symptome, die Arbeitsanforderungen und das soziale Umfeld. Viele Betroffene beschreiben dies als täglichen Balanceakt zwischen Gesundheit, Verantwortung und dem Wunsch nach Normalität. Gerade deshalb gibt es keine allgemeingültige Antwort auf die Frage, ob man trotz Krankheitsgefühl arbeiten sollte. Jede Situation muss individuell betrachtet werden.

sanego: Haben Sie zum Schluss noch etwas, was Sie Betroffenen mit auf den Weg geben möchten?

Prof. Dr. Mathilde Niehaus: Viele Menschen mit chronischen Erkrankungen leisten jeden Tag deutlich mehr, als ihr Umfeld wahrnimmt. Sie bewältigen nicht nur ihre Arbeit, sondern gleichzeitig Beschwerden, Erschöpfung, Arzttermine, Therapien oder die Unsicherheit, wie belastbar sie an einem bestimmten Tag sein werden.

Dabei bedeutet Stärke nicht, immer weiterzumachen. Stärke kann auch bedeuten, die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, Unterstützung anzunehmen oder sich bewusst für Erholung zu entscheiden. Die Frage „Arbeiten oder nicht?“ hat selten eine einfache Antwort. Wichtig ist deshalb nicht, immer dieselbe Entscheidung zu treffen, sondern eine Entscheidung, die in der jeweiligen Situation zur eigenen Gesundheit und zum eigenen Wohlbefinden passt.

Niemand kennt die eigene Erkrankung und die eigenen Belastungsgrenzen besser als die betroffene Person selbst. Sich selbst ernst zu nehmen und gut für sich zu sorgen, ist keine Schwäche – sondern eine wichtige Voraussetzung dafür, langfristig gesund und arbeitsfähig zu bleiben.