Haben Sie heute schon etwas vergessen? Dann sind Sie damit nicht alleine. Denn Vergesslichkeit ist hin und wieder ganz normal – sie ist aber auch das bekannteste Anzeichen von Demenz. Wie Sie normales Vergessen von einer (beginnenden) Demenz unterscheiden und was vorbeugend helfen kann, hat uns Dr. Julia Fischer im Interview erklärt.
Demenz im Alltag: Wichtige Anzeichen
sanego: In der aktuellen Staffel von „Die Notärztin“ geht es unter anderem um Demenz. Würden Sie sagen, die Serie zeigt einen typischen Krankheitsverlauf, der viele Menschen betrifft?
Dr. Julia Fischer: Serien verdichten Realität – das gilt auch für Demenz. Den einen typischen Verlauf gibt es so eher nicht. Meist entwickelt sich Demenz schleichend über Jahre, oft mit zunächst subtilen Veränderungen: Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen, Orientierungsschwierigkeiten.
Viele Menschen kennen vor allem die Alzheimer-Krankheit – sie ist die häufigste Form und verläuft in der Regel langsam fortschreitend.
Andere Formen können aber ganz anders beginnen, zum Beispiel mit Persönlichkeitsveränderungen oder Problemen im Alltag.
Kurz: Die Serie kann einzelne Aspekte gut zeigen – aber sie bildet nie die ganze Bandbreite ab. Gleichzeitig finde ich es sehr wichtig, dass solche Themen überhaupt in Serien vorkommen – weil sie helfen können, Berührungsängste abzubauen und Gespräche darüber anzustoßen.
sanego: Was können Zuschauer:innen aus der Folge mitnehmen: Wann sollten sie Vergesslichkeit beim Arzt oder bei der Ärztin abklären lassen? Und worauf sollten sie darüber hinaus achten?
Dr. Julia Fischer: Vergesslichkeit gehört zum Leben dazu – gerade unter Stress oder im Alter.
Hellhörig sollte man werden, wenn:
Dinge immer häufiger vergessen werden
Alltagsaufgaben nicht mehr gelingen (z. B. Rechnungen, Termine)
man sich in vertrauter Umgebung schlechter orientiert
oder Angehörige Veränderungen bemerken, sagen, der- oder diejenige ist „nicht mehr wie früher“
Dann lohnt sich eine ärztliche Abklärung.
sanego: Muss Vergesslichkeit denn immer Demenz sein oder können auch andere Erkrankungen dahinterstecken?
Dr. Julia Fischer: Vergesslichkeit ist nicht automatisch Demenz. Dahinter können auch Stress, Schlafmangel, Depressionen, Medikamente, Alkohol, Schilddrüsenprobleme oder andere behandelbare Ursachen stecken. Genau deshalb ist eine frühe Abklärung sinnvoll: Nicht jede Gedächtnisstörung ist Demenz - aber jede neue, anhaltende Veränderung verdient eine Abklärung.
sanego: Welche Anzeichen deuten denn klar auf eine Demenz hin?
Dr. Julia Fischer: Typische Warnzeichen sind wiederholtes Fragen, das Verlegen von Dingen an unplausible Orte, Probleme mit Sprache, Orientierung oder Alltagsaufgaben sowie Veränderungen von Verhalten, Persönlichkeit und/oder Urteilskraft. Je mehr solche Veränderungen zusammenkommen und je stärker sie den Alltag stören, desto eher sollte man an Demenz denken. Wichtig: Es geht nicht um einzelne Aussetzer - sondern um Muster und Entwicklung über Zeit.
ist Ärztin, Journalistin und Moderatorin. Ihre große Leidenschaft ist es, medizinische Themen kompetent und unterhaltsam zu erklären. Das macht sie zum Beispiel auf Ihrem Instagram-Account @doc.fischer, auf dem youtube-Kanal ARD Gesund oder in der SWR Sendung Doc Fischer.
Hilfe und Prävention: Wie können Sie Demenz vorbeugen?
sanego: Was kann ich tun, wenn ich bei mir oder einem Angehörigen bzw. einer Angehörigen Demenz vermute. Wer ist hier der oder die beste Ansprechpartner:in?
Dr. Julia Fischer: Der erste Ansprechpartner ist meist der Hausarzt oder die Hausärztin; von dort geht es bei Bedarf weiter zur Neurologie oder in eine Gedächtnissprechstunde. Früh erkannt lässt sich besser unterscheiden, ob es eine Demenz, eine Depression, ein Medikamentenproblem oder etwas anderes ist.
sanego: Im Idealfall können wir präventiv etwas tun. Schon kleine Dinge, zum Beispiel Kreuzworträtsel lösen oder selbst kochen, sollen Demenz vorbeugen können. Funktioniert das wirklich?
Dr. Julia Fischer: Zur Vorbeugung ist die gute Nachricht: Vieles ist beeinflussbar. Die aktuelle Lancet-Kommission schätzt, dass rund 45 Prozent der Demenzfälle weltweit über veränderbare Risikofaktoren mitbedingt sein könnten; dazu zählen unter anderem körperliche Aktivität, gutes Hören, Blutdruckkontrolle, Rauchverzicht, Diabetes- und Gewichtsmanagement sowie soziale und geistige Aktivität.
Kreuzworträtsel oder Kochen allein sind also keine Demenz-Impfung. Sie können sinnvoll sein, weil geistige Aktivität und Alltagskompetenz mit besserer kognitiver Gesundheit zusammenhängen, aber am stärksten ist der Effekt, wenn solche Dinge Teil eines insgesamt aktiven Lebensstils sind. Ein großer Faktor davon sind auch soziale Kontakte und Hobbys sowie auch im Alter noch Neues zu lernen - kurz: körperlich sowie geistig möglichst aktiv bleiben.
sanego: Was können Sie – nach aktuellem Stand der Wissenschaft – empfehlen, um Demenz vorzubeugen?
Dr. Julia Fischer: Für unseren Alltag heißt das oben gesagte: regelmäßig bewegen, Blutdruck und Stoffwechsel gut behandeln, das Gehör überprüfen und möglicherweise ein Hörgerät nutzen, nicht rauchen, Alkohol begrenzen, sozial in Kontakt bleiben, geistig aktiv bleiben und den Alltag abwechslungsreich gestalten. Das ist weniger spektakulär als ein Gehirn-Workout, aber wissenschaftlich deutlich solider
sanego: Tun Sie selbst auch regelmäßig etwas, um Ihr Gehirn fit zu halten?
Dr. Julia Fischer: Ich versuche, genau diese Dinge im Alltag umzusetzen:
Bewegung, gesunde Ernährung, Austausch mit anderen, neugierig bleiben, vieles ausprobieren. Und vielleicht am wichtigsten: Nicht nur funktionieren - sondern dem Gehirn auch echte Pausen gönnen.
