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/ Ist Vergesslichkeit immer ein Warnsignal? Wissenschaftlerin und Alzheimerforscherin Dr. Barbara Plagg im Interview

Ist Vergesslichkeit immer ein Warnsignal? Wissenschaftlerin und Alzheimerforscherin Dr. Barbara Plagg im Interview

Von: Nina Kischke
Aktualisiert: 09.12.2024
Lesezeit: 7 Min.
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Illustration eines menschlichen Kopfes im Profil mit einem leuchtenden Gehirn, das durch elektrische Impulse und neuronale Verbindungen dargestellt wird. Hintergrund: abstrakter Sternenhimmel mit funkelnden Lichtpunkten.
Sowohl der Körper als auch das Gedächtnis sollte im Alter trainiert werden. | © Наталья Добровольска - stock.adobe.com

Wie bleibt unser Gedächtnis auch im Alter leistungsfähig? Und kann ich demenziellen Erkrankungen wirklich vorbeugen? Je früher Sie tatsächlich mit Prävention beginnen, desto besser ist die Basis für ein langes, geistig fittes Leben.

„Ich turne bis zur Urne“ und „Ich bleibe gechillt, bis es mich killt“ sind nur zwei der Kapitel des neuen Ratgebers „Smart bis zum Sarg“ von Dr. Barbara Plagg. Hier erhalten die Leser:innen einen Einblick zu den Funktionen des Gehirns, Gedächtnistrainings und -prävention. Wir haben dazu mit Dr. Barbara Plagg gesprochen.

"Smart bis zum Sarg" ist bei folgenden Shops erhältlich:

sanego: Frau Dr. Plagg, was hat Sie dazu inspiriert, das Buch „Smart bis zum Sarg“ zu schreiben, und was möchten Sie Ihren Leser:innen damit vermitteln?

Dr. Barbara Plagg: Ich habe mein Forschungsdoktorat in der Alzheimerforschung am Uniklinikum in München gemacht. Hinter jeder Person, die eine Demenz diagnostiziert bekommt, stehen eine Familie und Freund*innen, die sich im Laufe der Zeit fragen: Was, wenn mir das auch passiert? Und kann man denn etwas dagegen tun?

Aber nicht nur Angehörige und insbesondere Kinder von Betroffenen fragen sich das, im Prinzip möchte ja jede*r so lange wie möglich so gut wie möglich denken und sich erinnern können. Jedes Wochenende, wenn ich mit Mitfahrgelegenheiten von München nach Hause nach Südtirol gefahren bin, kam die Frage auf: „Und was machst du so?“ Wenn ich dann sagte, dass ich in der Alzheimerforschung tätig war, kam zuverlässig die zweite Frage: „Kann man denn da was dagegen machen?“ Ich habe mir da jahrelang den Mund fusselig geredet und jetzt ein Buch geschrieben, wo ich den aktuellen wissenschaftlichen Stand zusammengetragen habe – dann muss ich das jetzt nicht mehr immer alles allen erklären, sondern kann den Menschen einfach mein Buch in die Hand drücken. :) Und weil ich außerdem immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass trockene Patient*inneninformation viele Leute eher abschreckt, ist das Buch witzig geschrieben und trotz der wissenschaftlichen Fundiertheit von einer sprachlichen Leichtigkeit. Wissenschaft darf auch öfter mal witzig sein!

sanego: Ihr Ratgeber enthält unter anderem viele alltagstaugliche Tipps zu Themen wie Ernährung, Bewegung, Stress und Schlaf. Können Sie einen besonders Effektiven für die Erhaltung eines gesunden Gedächtnisses hervorheben?

Dr. Barbara Plagg: Nur, wenn Sie mir zuerst sagen, wie Sie so leben. :) Es gibt nicht den einen Tipp, der für alle funktioniert und damit bleibt dann jedes Gedächtnis fit. Jedes Gedächtnis hat ein anderes Leben auf dem Buckel. Vielleicht ernähren Sie sich super, aber Sie liegen jede Nacht stundenlang wach? Vielleicht lesen Sie wahnsinnig viel, aber gehen keine hundert Schritte pro Tag? Vielleicht schlafen sie gut und ernähren sich super, haben aber einen nicht eingestellten Bluthochdruck? Das Gedächtnis besteht aus Zellen und die Zellen nehmen durch ganz viele unterschiedliche Dinge Schaden – welche Dinge das sind, das ist wissenschaftlich gut beschrieben und wir wissen dazu immer mehr. Und damit auch, was unserem Gedächtnis guttun würde bzw. wie man diese Schäden reduzieren oder ganz vorbeugen kann.

Der einzige einzelnen Tipp, den man also geben kann, ist: Es ist nie eine Sache allein, die unser Gedächtnis gesundhält, sondern sind immer viele Faktoren, die im Zusammenspiel unsere Gedächtnisleistung und -gesundheit beeinflussen. Ich weiß, das klingt jetzt erstmal unbefriedigend. Einfacher wäre es natürlich andersrum, aber wenn man sich erstmal einen Überblick verschafft, dann ist das gar nicht so kompliziert. Und den Überblick plus alttagstaugliche Tipps nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen gibt es im Buch.

Buchcover von ‚Smart bis zum Sarg‘ von Dr. Barbara Plagg, illustriert von Nicole El Salamoni. Abgebildet ist ein fröhliches Gehirn, umgeben von Symbolen wie Sternen und Glühbirnen. Text: ‚Gesundes Gehirn, starkes Gedächtnis.‘ Verlag: Raetia.
Buchcover Smart bis zum Sarg | © Verlag: Raetia.

"Smart bis zum Sarg" ist bei folgenden Shops erhältlich:

sanego: Ihr Buch richtet sich an Leser:innen ab 30 Jahren. Warum ist gerade dieses Alter ein guter Zeitpunkt, um mit der Prävention zu beginnen?

Dr. Barbara Plagg: Aus wissenschaftlicher Sicht richtet sich das Buch eigentlich an alle, aber aus verkaufs- und verlagstechnischer Sicht wurde die Zielgruppe auf Ü30 festgelegt – aber auch nur aus dem Grund, weil man vorher eher weniger Bewusstsein und Interesse für sein Gedächtnis haben wird. Aber eigentlich ist das schade! Gesundheitskompetenz sollte schon viel früher eine selbstverständliche Bildungsangelegenheit sein, weil sie entscheidend dazu beiträgt, wie gut es uns später geht. Es ist zwar nie zu spät, sich zu informieren und mit ein paar Kniffen positiv auf sein Gedächtnis einzuwirken, aber die Grundlagen, die wir in jungen Jahren legen, ist einfach ein fantastisches Fundament! Eigentlich sollten die Inhalte und Tipps im Buch also Schullektüre sein, denn bekanntlich muss man, wenn man jung bleiben will, früh damit anfangen. Aber davon sind wir einfach noch weit entfernt.

Auf jeden Fall aber hat die Ü30-Empfehlung nichts damit zu tun, dass 30 oft als „magische Grenze“ wahrgenommen und dass es ab dann schon schön langsam „bergab“ geht. Diese Wahrnehmung ist nicht nur übertrieben, sondern auch falsch, da man erst dann beginnt, die sogenannte „kristalline Intelligenz“ (also das Wissen und die Erfahrungen, die man über die Jahre angesammelt hat) richtig gut einzusetzen. Außerdem ist die Bildung von neuen Synapsen sowieso immer möglich und wie man seit kurzem weiß, kann man auch bis ins hohe Alter in bestimmten Hirnarealen neue Neurone wachsen lassen! Das Alter ist also keine Bremse, sondern Möglichkeit.

Dr. Barbara Plagg

Dr. Barbara Plagg ist Wissenschaftlerin am Institut für Allgemeinmedizin der Landesfachhochschule für Gesundheitsberufe Claudiana in Bozen. Sie unterrichtet als Lehrbeauftragte an der Freien Universität Bozen und engagiert sich zudem als Aktivistin. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist sie auch als Autorin tätig.

sanego: Sie beleuchten in Ihrem Buch auch, dass Krankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck Gedächtnisstörungen begünstigen können. Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang eine gute medizinische Versorgung?

Dr. Barbara Plagg: Zentral. Das muss man ganz klar sagen: Demenzen können von Vorerkrankungen, die sich irgendwo im Körper und nicht vordergründig und gefühlt im Kopf abspielen, beeinflusst werden. Aus meiner Erfahrung unterschätzen die Menschen den Zusammenhang zwischen Vorerkrankungen und Demenzrisiko, weil sie den Kopf oft irgendwie als etwas „isolierter“ zum Rest vom Körper wahrnehmen. Wenn ich irgendwo eine Entzündung im Körper habe, wenn ich Bluthochdruck habe und wenn der Zucker nicht gut eingestellt ist – was hat das dann mit meinem Köpfchen zu tun? Leider sehr viel! Denn unser Gehirn ist eben nicht irgendwie isoliert, sondern Teil des Systems und trägt dann auch Schaden davon, indem es z.B. Ablagerungen bildet oder kleine Gefäßschäden davonträgt. Deswegen ist eine gute medizinische Versorgung, die Krankheiten früh abfängt und therapiert, für die Prävention von Demenzerkrankungen zentral.

sanego: Was möchten Sie den Leser:innen zum Abschluss mitgeben, die bereits erste Anzeichen von Gedächtnisstörungen bei sich bemerken? Gibt es konkrete Maßnahmen, die sie sofort ergreifen können?

Dr. Barbara Plagg: Unser Gedächtnis liefert nicht immer so ab, wie wir es wollen. Es ist ein empfindliches Tierchen, das sehr aufmerksam darauf reagiert, ob wir etwa zu wenig geschlafen haben, ob wir gestresst sind, was wir gegessen haben und wieviel Druck wir in unserer Arbeitsstelle ausgesetzt waren. Vergessen ist also bis zu einem gewissen Grad auch normal, denn unser Gedächtnis muss zwischen all den Dingen, die wir in unserer komplexen Welt erledigen, priorisieren. Dabei fallen dann oft einige Dinge durch den Rost und das verunsichert natürlich. Deswegen stellen sich fast alle Menschen Zeit ihres Lebens mehr oder weniger oft die Frage „Ist meine Vergesslichkeit noch normal?“. Im Prinzip ist auch das nur individuell zu beantworten: Wenn das schusselige Vergessen länger anhält und vor allem wenn man Dinge, die man sich immer gut merken oder erledigen konnte, plötzlich nicht mehr gut merken oder erledigen kann, dann ist eine Abklärung sinnvoll. In jedem Fall – egal ob eine Erkrankung vorliegt oder nicht – ist und bleibt es aber sinnvoll mit den im Buch beschriebenen Lebensstilfaktoren die Gesundheit des Gedächtnisses zu unterstützen. Diese Lebensstilfaktoren wirken wie ein Schutzschild, das das Gehirn widerstandsfähiger gegen Stress, Alterungsprozesse und potenzielle Erkrankungen machen kann.

"Smart bis zum Sarg" ist bei folgenden Shops erhältlich:

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