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/ Leben mit ADHS. Roxanne Emery und Richard Pink im Interview

Leben mit ADHS. Roxanne Emery und Richard Pink im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Aktualisiert: 11.02.2025

Lesezeit: 8 Min.

Krankheiten | Familie | Patientenwissen

Die Arme eines Mannes arbeiten an einem Tisch. Eine Hand tippt auf dem Laptop, die andere hält ein Stück angebissene Pizza. Drumherum viele Punkte Post-Its mit Notizen.
Mit ADHS konzentriert zu arbeiten und nichts zu vergessen kann eine Herausforderung sein. | © kreus - stock.adobe.com

Wer auf TikTok oder Instagram unterwegs ist, kommt am Thema ADHS nicht vorbei. Immer mehr Erwachsene berichten von ihrer späten Diagnose und dem Leben mit ihrem “anders arbeitenden Gehirn”. Mit dabei ist auch der Account adhd_love von Roxanne Emery und Richard Pink. Das Ehepaar aus Großbritannien hat Millionen Follower:innen, einen eigenen Podcast und veranstaltet Live-Events zum Thema ADHS. Außerdem erscheint ihr erstes Buch jetzt auch in Deutschland. “Die Spitze des Wäschebergs” aus dem Goldmann Verlag bietet 80 Strategien für den Umgang mit den gängigsten ADHS Symptomen. Für uns haben Sie einige Fragen zu ihren Ratschlägen, ihrem Alltag und ihrem Engagement beantwortet.

ADHS im Wandel: Warum es immer mehr ADHS Diagnosen gibt

ADHS ist kein neues Phänomen. Schon 1798 beschrieb der schottische Arzt Sir Alexander Crichton Zustände, die mit Konzentrationsproblemen und Ablenkbarkeit in Zusammenhang stehen. 1902 legte der britische Kinderarzt Sir George Still mit einer Veröffentlichung zu Kindern mit normaler Intelligenz, aber impulsivem und unaufmerksamen Verhalten den Grundstein für die ADHS-Forschung. Lange Zeit konzentrierten sich Experten und Expertinnen dabei jedoch auf verhaltensauffällige Kinder, die etwa den Ablauf in der Schule störten. Dadurch fielen viele Betroffene, insbesondere Mädchen, durchs Raster, die zwar unaufmerksam und abgelenkt waren, aber kein offensichtlich störendes Verhalten zeigten. Zusätzlich ging man lange davon aus, dass ADHS nur Kinder und Jugendliche betrifft. Erst 2013 wurden die Diagnosekriterien im “Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen” angepasst, um auch auf Erwachsene anwendbar zu sein. Seit 2020 wird die Forschung zu ADHS im Erwachsenenalter intensiviert, sodass immer mehr Menschen auch nach der Jugend eine Diagnose erhalten können.

"Die Spitze des Wäschebergs" ist bei folgenden Shops erhältlich:

Warum wir über ADHS sprechen sollten

sanego: Wie beeinflusst es Ihr Leben, dass Sie öffentlich so viel über ADHS sprechen?

Roxanne Emery: Öffentlich über ADHS zu sprechen, hat unser beider Leben tiefgreifend beeinflusst. Es ist unglaublich befriedigend zu wissen, dass wir dazu beitragen, das Bewusstsein zu schärfen, Stigmatisierung abzubauen und eine unterstützende Gemeinschaft für Menschen zu schaffen, die sich durch ihre ADHS-Erfahrungen möglicherweise isoliert fühlen. Indem wir unsere eigenen Geschichten teilten, konnten wir auf eine Art und Weise mit Menschen in Kontakt treten, die wir nie erwartet hätten, und dieses Gefühl der Verbundenheit ist wirklich erfüllend.

sanego: Wenn man sich Ihren TikTok-Account adhd_love ansieht, scheint es, als würde ADHS Ihr Leben bestimmen. Wie viel Platz nimmt es wirklich in Ihrem Alltag ein?

Richard Pink: Obwohl sie Teil unseres täglichen Lebens ist, nimmt sie uns nicht komplett in Anspruch. Viele Bereiche unseres Lebens drehen sich um andere Leidenschaften und Hobbys. ADHS scheint aber in gewisser Weise mit vielen Dingen zusammenzuhängen. Unsere Plattformen vermitteln die Botschaft, dass es nicht nur darum geht, mit ADHS zu leben; es geht darum, zu lernen sie komplett anzunehmen, Tipps auszutauschen und sich dabei gegenseitig zu unterstützen.

sanego: Zurzeit ist ADHS ein großes Thema in den sozialen Medien. Sie sind Teil der „Bewegung“. Wie hilft das Menschen mit ADHS?

Roxanne Emery: Die zunehmende Sichtbarkeit von ADHS auf Plattformen wie TikTok, Instagram und anderen ist für viele Menschen, die damit leben, ein Wendepunkt. Für uns bedeutet die Mitgliedschaft in dieser „Bewegung“ mehr als nur ADHS bekannter zu machen – es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem sich Menschen selbst wiederfinden, ihre Erfahrungen teilen und Bestätigung finden können, was  vorher nicht immer möglich war.  Ich habe tatsächlich zum ersten Mal in den sozialen Medien von meiner ADHS erfahren, also weiß ich, wie kraftvoll es sein kann, sich selbst, manchmal zum ersten Mal, in jemand anderem wiederzufinden.

Was ist ADHS?

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Diese beginnt häufig im Kindesalter und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Bei Betroffenen entwickelt sich das Gehirn unterschiedlich vom Rest der Bevölkerung. Je nach Ausprägung betrifft ADHS besonders drei Bereiche:

  1. Unaufmerksamkeit
    Menschen mit ADHS haben Schwierigkeiten, sich über längere Zeit zu konzentrieren, Aufgaben zu organisieren oder Details zu beachten. Sie sind oft leicht ablenkbar.

  2. Hyperaktivität
    Dies äußert sich in einer übermäßigen Aktivität, z. B. ständigem Zappeln, innerer Unruhe oder dem Bedürfnis, ständig in Bewegung zu sein, auch in Situationen, in denen Ruhe erwartet wird.

  3. Impulsivität
    Menschen mit ADHS handeln oft spontan, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, unterbrechen andere oder haben Schwierigkeiten, ihre Emotionen zu kontrollieren.

Die genauen Ursachen von ADHS sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen, biologischen und Umweltfaktoren eine Rolle spielt. Zudem sind oft Veränderungen im Gehirnstoffwechsel und in der Funktion bestimmter Neurotransmitter (wie Dopamin) beteiligt.

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Was Menschen mit ADHS helfen kann

sanego: Was kann Menschen mit ADHS außerdem helfen?

Richard Pink: Während soziale Medien und Online-Communitys für viele Menschen mit ADHS einen großen Unterschied gemacht haben, gibt es viele andere Strategien und Tools, die Menschen helfen können, ihre Symptome zu bewältigen und in ihrem Alltag erfolgreich zu sein. Manche entscheiden sich vielleicht für Medikamente, andere versuchen es mit einer Therapie und wieder andere erfahren eventuell erstaunliche positive Effekte durch Ernährungsumstellungen und Änderungen bei der Bewegung. Wir sind davon überzeugt, dass jeder für sich selbst den besten Weg findet. Wir glauben jedoch, dass Akzeptanz der Kern jedes positiven Weges ist.

sanego: Wie hat die ADHS Diagnose Ihr Leben rückblickend verändert?

Roxanne Emery: Als ich die Diagnose bekam, war es, als ginge mir ein Licht auf. Plötzlich hatten all diese Probleme einen Namen, und durch das Verständnis, dass ADHS so viele Aspekte meines Lebens beeinflusste, schien alles machbarer. Die Diagnose half mir, mir keine Vorwürfe mehr zu machen und nach Lösungen zu suchen – nach Strategien, Werkzeugen und Unterstützungssystemen, die mir das Leben leichter machen könnten. Eine der größten Veränderungen war, dass ich Mitgefühl mit mir selbst entwickelte. Anstatt mich ständig darüber zu ärgern, dass ich nicht in der Lage bin, „die Dinge richtig zu machen“, begann ich, meine einzigartige Einstellung zum Leben wertzuschätzen. Ich erkannte auch, dass viele der Herausforderungen, denen ich mit ADHS gegenüberstehe, kein Spiegelbild meiner Fähigkeiten oder meines Wertes sind – sie sind einfach Teil der Funktionsweise meines Gehirns.

Was kann ich tun, wenn ich vermute, ADHS zu haben?

sanego: In Ihrem Buch erwähnen Sie zehn Hauptsymptome von ADHS. Was würden Sie empfehlen, wenn sich jemand selbst oder einen Verwandten darin erkennt?

Richard Pink: Obwohl das Erkennen der Symptome ein hilfreicher erster Schritt sein kann, ist eine professionelle Diagnose unerlässlich. Ein Arzt oder eine Ärztin sollte die Symptome beurteilen, die Krankengeschichte überprüfen und möglicherweise weitere Tests durchführen, um andere Erkrankungen auszuschließen. Eine richtige Diagnose öffnet die Tür zu einer Reihe von Behandlungsmöglichkeiten, sei es Therapie, Medikamente oder Bewältigungsstrategien.

Buchcover Die Spitze des Wäschebergs
Buchcover Die Spitze des Wäschebergs | © Goldmann Verlag

Wie können ich und meine Angehörigen mit ADHS umgehen?

sanego: Sie, Richard Pink, sind – als Person ohne ADHS – eine Art Gegenspieler. Was braucht Ihrer Meinung nach ein Partner oder Familienmitglied, um mit einem Menschen mit ADHS zusammenzuleben?

Richard Pink: Das Zusammenleben mit jemandem, der ADHS hat, kann unglaublich bereichernd sein, bringt aber auch seine eigenen Herausforderungen mit sich – insbesondere, wenn Sie, wie ich, selbst kein ADHS haben. In unserem Fall habe ich festgestellt, dass Geduld, Verständnis, offene Kommunikation und Flexibilität die wichtigsten Zutaten sind, damit es funktioniert! Der Schlüssel ist zu wissen, dass sie es nicht mit Absicht tun und wahrscheinlich genauso frustriert darüber sind, was passiert, wie Sie. Liebevolle und offene Gespräche können die Familiendynamik wirklich verändern!

sanego: Waren Wertschätzung und Empathie schon immer die Basis Ihrer Beziehung oder hat sich das erst nach der Diagnose entwickelt?

Roxanne Emery: Wertschätzung und Empathie sind definitiv der Kern, wie wir gemeinsam mit ADHS durchs Leben gehen, aber sie waren nicht von Anfang an so tief in unserer Beziehung verwurzelt. Tatsächlich haben wir beide vieles davon erst nach der Diagnose gelernt und sind hineingewachsen! Wir haben beide viel Therapie gemacht und sind beide trocken, also haben wir viele Jahre lang versucht, uns selbst und einander zu verstehen. Wir mussten viele Fähigkeiten erlernen, die wir nicht hatten!

sanego: Wenn man Ihre Ratschläge zu ADHS hört oder liest, hat man den Eindruck, dass Sie immer gefasst und einfühlsam mit den „Spleens“ des oder der anderen umgehen. Gibt es bei Ihnen noch Momente, in denen Sie einfach nur wütend oder unempathisch miteinander sind?

Richard Pink: Die kurze Antwort lautet: Ja, absolut! Auch wenn wir so in unseren Ratschlägen und in den sozialen Medien rüberkommen, wir sind beide nur Menschen und haben definitiv Momente, in denen wir wütend, ungeduldig oder nicht so verständnisvoll sind, wie wir es gerne wären.

sanego: Haben Sie einen finalen Tipp für Menschen, die mit ADHS leben?

Roxanne Emery und Richard Pink: Seien Sie nett zu sich selbst und nehmen Sie die Reise an. Wir versuchen, gegen unsere ADHS anzukämpfen, sie auszutreiben, und das endet oft damit, dass wir uns schämen und das Gefühl haben, versagt zu haben. Wir können uns ADHS nicht wegwünschen oder wegarbeiten. Aber wir können sie unterstützen! Und in der richtigen Umgebung können sich die Symptome drastisch verbessern. ADHS ist eine komplexe Erkrankung, und obwohl sie einzigartige Herausforderungen mit sich bringen kann, ist sie auch eine Gelegenheit, Ihr Gehirn besser zu verstehen. Erkennen Sie Ihre Stärken sowie Ihre Kämpfe und versuchen Sie, ADHS nicht als etwas zu sehen, gegen das Sie kämpfen müssen, sondern als Teil Ihrer Persönlichkeit, mit sowohl positiven als auch herausfordernden Aspekten.

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