/
/ Stalking: Wie Betroffenen geholfen werden kann – Psychologe Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß im Interview

Stalking: Wie Betroffenen geholfen werden kann – Psychologe Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß im Interview

Von: Nina Kischke

Veröffentlicht: 03.06.2024

Lesezeit: 6 Min.

Psychologie | Behandlung | Patientenwissen

Eine Person geht nachts durch eine dunkle Gasse und wird von einer anderen Person im Hintergrund verfolgt. Das Bild symbolisiert das Gefühl des Verfolgtwerdens und die Bedrohung durch Stalking.
Stalking wird oft von Ex-Partnern bzw. Ex-Partnerinnen ausgeübt. | © Firn - stock.adobe.com

Was würden Sie tun, wenn Sie ständig beobachtet und verfolgt werden? Diesem Thema widmet sich der Psychologe Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß in seinem Buch „Stalking – Aufklärung und Hilfe für Betroffene“. Darin beleuchtet er die verschiedenen Formen und Ursachen von Stalking inklusive rechtlicher Rahmenbedingungen. Auch die Unterstützung für Opfer und Täter:innen werden hierbei thematisiert. In unserem Interview haben wir einen kleinen Einblick in sein neues Buch erhalten.

sanego: In Ihrem Buch „Stalking – Aufklärung und Hilfe für Betroffene“ beschreiben Sie die verschiedenen Formen und Ursachen von Stalking sowie Strategien und rechtliche Rahmenbedingungen zur Unterstützung der Opfer. Was hat Sie dazu inspiriert, ein Buch über dieses Thema zu schreiben?

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß: Einer großen Zahl an Publikationen zu Stalking oder Nachstellung – sie reichen von romanhaft angelegter Trivialliteratur bis hin zu wissenschaftlich fundierten Einzeldarstellungen – stehen die Bedürfnisse der betroffenen Personen – Opfer, aber auch Täter – nach einer möglichst praxisnahen, aber dennoch ausreichend wissensbasierten Darstellung des Themas gegenüber. Die diesbezüglich aus meiner Sicht unbefriedigende Situation soll durch die vorliegende Publikation verbessert werden, indem eine Form der Darstellung gewählt wurde, die auch einer breiteren Leserschaft den Zugang zum Thema erleichtert und vor allem auch konkrete Hinweise auf Ansätze zu einer frühzeitigen Abwehr und zu einer Bewältigung der negativen Folgen des Stalkings vermittelt.

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß

arbeitet freiberuflich als Gerichtsgutachter. Im Familienrecht spezialisiert er sich auf Sorgerechts- und Umgangsrechtsfragen. Im Strafrecht liegt sein Schwerpunkt auf der aussagepsychologischen Begutachtung von Kindern und Jugendlichen sowie auf der Bewertung von Delikt- und Schuldfähigkeit.

sanego: Können Sie uns eine genaue Definition von Stalking geben? Welche Verhaltensmuster fallen darunter?

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß: Unter Stalking verstehen wir alle Formen von Nachstellung im privaten, öffentlichen und im sog. „virtuellen“ Raum (Cyberstalking), welche geeignet sind, eine Zielperson – als Einzelperson oder auch als Mitglied einer Gruppe, einer sozialen Einrichtung oder auch als Angehöriger einer politischen Gruppierung oder Partei – zu verunglimpfen, zu bedrohen oder sonst wie deren körperliche und/oder psychische Unversehrtheit zu gefährden oder zu beeinträchtigen. In Abgrenzung zu den verschiedenen Einzeldelikten des Strafgesetzbuches (z. B. Beleidigung, Hausfriedensbruch, Bedrohung, Körperverletzung) liegt Stalking dann vor, wenn die Tathandlungen mit gleicher Absicht wiederholt ausgeführt werden. Über die Anzahl der für eine „Diagnose“ des Stalkings erforderlichen Handlungswiederholungen gibt es keine verbindlichen Festlegungen.

sanego: Sie erläutern unter anderem die verschiedenen Formen von Stalking. Können Sie uns ein Beispiel für eine weniger bekannte Form nennen?

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß: Im Unterschied zu solchen Formen von Stalking, bei denen die Tathandlung relativ offenbar als direkte Einwirkung auf die Zielperson erscheint und damit leicht nachvollziehbar und „objektivierbar“ ist, gibt es Tathandlungen, die eher indirekt und auf „subtile“ Weise das Opfer beeinträchtigen. Zwei Beispiele, die im Buch als mit Stalking „verwandte Phänomene“ beschrieben werden, sind: das wenig bekannte „Gaslighting“ (ein schleichender Prozess, bei dem eine Person durch gezieltes Einwirken durch eine andere Person – zumeist ein Intimpartner – allmählich die Selbstkontrolle verliert und sich selbst als „psychisch krank“ begreift) – und das sog. „Stalking-by-proxy“, bei welchem der Täter eine dem Opfer nahestehende Person (Familienangehöriger, Arbeitskollege) unbemerkt dazu einsetzt, die Zielperson auszukundschaften oder sonst wie zu beeinträchtigen.

sanego: Ein Abschnitt Ihres Buches enthält das Thema Cyberstalking. Wie unterscheidet sich diese Form des Stalkings von anderen?

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß: Cyberstalking nutzt alle Vorteile von elektronischen Medien – gegenüber dem Offline-Stalking: hauptsächlich die schwer oder gar nicht aufzuhebende Anonymität des Täters und, damit zusammenhängend, die oftmals hohe (verbale) Intensität der Bedrohung, Verleumdung und Entwürdigung des Opfers. Der „bequeme“ Zugang zu den Medien führt zudem zu einer hohen Frequenz der einzelnen Tathandlungen, d.h. das Opfer kann mit Leichtigkeit und ohne größeres Risiko mit den „Botschaften“ bombardiert werden. Die Möglichkeit, private Daten und Informationen des Opfers auszuspähen (Internetauftritte, Diskussionsforen, Blogs, Chatrooms, E-Mail, WhatsApp etc.) erhöht das Risiko, gestalkt zu werden und erleichtert es dem Täter zugleich, seine Attacken zu „privatisieren“, d.h. auf die Person des Opfers zuzuschneiden und somit umso mehr dessen Privatsphäre und Intimität zu beeinträchtigen.

Das Cover zeigt eine Silhouette einer Person im Hintergrund.
Buchcover „Stalking – Aufklärung und Hilfe für Betroffene“ | © Springer Verlag

sanego: Was sind im Durchschnitt die häufigsten Motive hinter dem Verhalten von Stalkern bzw. Stalkerinnen?

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß: In etwa der Hälfte aller Fälle ist die Zielperson des Stalkings die Ex-Partnerin (seltener der Ex-Partner). Hauptmotiv des zurückgewiesenen Teils (also zumeist der Partner) ist Rache und Vergeltung für das (vermeintlich) erlittene Unrecht und für die oftmals tiefe (narzisstische) Kränkung. Anfänglich mag Stalking hier noch dem Motiv entsprechen, die vormalige intime Beziehung wiederherzustellen. Bei anhaltender Zurückweisung stellt sich dann das Rache-Motiv ein. Bei einem anderen Typus steht der Wunsch nach Aufnahme einer (intimen und oftmals sexuell motivierten) Beziehung im Vordergrund. Die Skala reicht hier von dem eher schüchternen „stillen Verehrer“, der sich eher selten aus der Deckung hervorwagt, - bis hin zu dem permanent intrusiven und auch vor angsteinflößenden Handlungen nicht zurückschreckenden Verfolger. Beim sogenannten Prominentenstalking (hier ist der Anteil der weiblichen Stalker etwas höher als in den anderen Kategorien) besteht der Anreiz bzw. der „Gewinn“ des Stalkings in der „Selbsterhöhung“ (narzisstischen Vereinigung mit dem Opfer), indem das Gefühl, von der prominenten Person „gesehen“ und beachtet zu werden (das mag sogar negative Reaktionen miteinschließen), der Erhöhung des Selbstwertes einen mächtigen Schub verleiht.

sanego: Auch mögliche Hilfsangebote für Stalker:innen werden in dem Buch thematisiert. Können Sie uns hierzu einen kleinen Einblick geben und erklären, welche Ansätze es gibt, um diesen Menschen zu helfen und weitere Taten zu verhindern?

Prof. Dr. Hans-Georg W. Voß: Da es sich hier (nur!) um Angebote handeln kann (eine „verordnete“ Therapie oder Beratung ist oftmals bereits im Ansatz wirkungslos), ist eine positive Haltung des Täters oder der Täterin und eine entsprechende Übereinkunft mit den Anbietern für Hilfe (die sog. „compliance“) zwingend erforderlich. Einen niederschwelligen Zugang zu Beratung und Therapie bieten fachlich begleitete Gesprächsgruppen (auch „Männergruppen“), sowie Beratung durch Fachinstitutionen (im Internet aufzufinden). Für den einzelnen Stalker/die einzelne Stalkerin ist Hilfe in Form einer (psychotherapeutischen) Begleitung zu empfehlen. Die wichtigsten Ziele sind hierbei: eventuell eigenes Leiden zu mindern (viele Stalker leiden unter Depressionen, innerer Unruhe, Schlafstörungen etc.), die Bewusstmachung des Leidens der Zielperson und des eigenen (psychischen und physischen) Aufwandes, die Stärkung der Impulskontrolle (Beherrschung und Eingrenzung von negativen Affekten), die De-Fokussierung  (Wegführen von der Zielperson als die das Alltagsleben übermäßig bestimmende Person), sowie die Änderung und Neuanpassung von bestimmten Denkmustern („kognitiven Stilen“), wie z. B. Alles-oder-Nichts-Denken („wenn ich sie nicht haben kann, soll sie keiner bekommen“), Schwarz-Weiß-Malerei („Schubladendenken“, es gibt nur gut oder böse) oder Wahrnehmungsverzerrungen (dazu gehört u.a. auch die sog. Erotomanie). Beruht Stalking maßgeblich auf einer schweren psychischen Erkrankung (eher selten), ist eine Therapie im Rahmen einer stationären psychiatrischen oder klinisch-psychologischen Einrichtung unumgänglich.

Autoreninformation

Nina Kischke

Medizinische Redakteurin

Seit dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Medienkauffrau Digital und Print im Jahr 2022 ist Nina Kischke als Medizinische Junior Redakteurin bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG angestellt. Außerdem studiert sie derzeit Medienmanagement an einer Fernuniversität.

Ihren Spaß an Medien und Marketing kann sie beim Schreiben für Portale wie aerzte.de, sanego.de oder arzttermine.de hervorragend mit dem Interesse an Gesundheitsthemen kombinieren. Sie trainiert in ihrer Freizeit im Fitnessstudio und beschäftigt sich daher auch außerhalb ihres Arbeitsalltags gerne mit dem Thema Ernährung und Fitness.

Links

Entdecken Sie weiterführende Informationen über die Autorin: