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Was hilft bei Knieschmerzen? Physiotherapeutin Gabriele Kiesling im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Veröffentlicht: 19.03.2024

Lesezeit: 4 Min.

Symptome | Behandlung

Knieschmerzen können den Alltag erheblich einschränken. | © anut21ng Stock - stock.adobe.com

Ob Knieschmerzen beim Gehen, beim Beugen oder im Ruhezustand – Kniebeschwerden gehören zu den häufigsten Gelenkerkrankungen. Physiotherapeutin Gabriele Kiesling behandelt sie deshalb regelmäßig in ihrer Praxis. Mit gezielten Übungen möchte sie den Teufelskreis aus Schmerzen und Bewegungsverlust stoppen.

In ihrem Buch „Knie – schmerzfrei in 30 Tagen“ (riva Verlag) erläutert sie nicht nur die Grundlagen dafür, sondern liefert auch konkrete Anleitungen und Übungen. Auch im Interview mit uns beantwortet Physiotherapeutin Gabriele Kiesling nicht nur grundsätzliche Fragen, sondern gibt vor allem wertvolle praktische Tipps, was bei Knieschmerzen helfen kann.

sanego: Woher kommen Schmerzen im Knie?

Gabriele Kiesling: Schmerzen können akut nach einer Verletzung oder Überbelastung auftreten. Chronische Knieschmerzen entstehen nach und nach beispielsweise durch Arthrose, Beinachsenfehstellung oder von nicht auskurierten Traumata.

sanego: Wie kann ich Knieschmerzen vorbeugen?

Gabriele Kiesling: Durch eine „Knieschule“. Sie ist vergleichbar mit einer Rückenschule. Hier sind Entlastungsstellungen, gesunde Kniebewegungen im Alltag oder auch ein gezieltes Übungsprogramm wichtig.

Gabriele Kiesling

ist seit mehr als 50 Jahren Physiotherapeutin. Neben der Tätigkeit in ihrer eigenen Praxis in Berlin, engagiert sie sich für die Anerkennung und Weiterentwicklung der Physiotherapie, etwa als Geschäftsführerin des Deutschen Instituts für Qualität in der Physiotherapie (digp, Berlin) und Mitbegründerin des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten (IFK).

sanego: Worauf sollte ich im Alltag bei Knieschmerzen besonders achten?

Gabriele Kiesling: In meinem Buch habe ich eine grafische Darstellung verschiedener Belastungsparameter für das Kniegelenk abgebildet. Das Treppenabgehen ist zum Beispiel enorm belastend für das Knie.  Das „Beinebaumeln lassen“, am besten noch mit einer Gewichtmanschette am Unterschenkel, entlastet wunderbar. Praktisch gesagt: Nach einer Anstrengung, wie Radfahren bergauf oder einer langen Wanderung, gibt es nichts besseres, als sich einfach auf einen stabilen Tisch für ca. 10 Minuten zum Baumeln zu setzen.

sanego: Wie fange ich am besten an, wenn ich etwas gegen meine Schmerzen im Knie unternehmen möchte?

Gabriele Kiesling: Am besten helfen die Entlastungslagerungen. So wird das Gelenk leicht auseinandergezogen und dadurch kommt Ruhe ins Gelenk. Sehr gut sind die in meinem Buch gezeigten Maßnahmen aus der „Physiotherapie-Hausapotheke“, wie Akupressur, Einreibungen, Cupping, Wärme oder Kälte usw.

sanego: Kann jede(r) Ihr „Knie – schmerzfrei in 30 Tagen Programm“ machen? Wann sollte ich erst mit meinem Arzt oder meiner Ärztin sprechen? Gabriele Kiesling: Die allermeisten Menschen können mein Programm problemlos selbst machen. Im Buch sind Kontraindikationen aufgeführt, die zunächst einen Arztbesuch erforderlich machen:

  • Manifeste Kniearthrose Grad 4

  • Knochentuberkulose

  • Metastasen einer Krebserkrankung

  • Infektionen nach Operation oder Injektionen

  • Frische Frakturen

  • Bandscheibenvorfall mit Nervenbeteiligung,

aber auch: Wenn der oder die Leser:in sich das einfach nicht gleich zutraut.

sanego: Was wird bei Ihrem Programm genau trainiert?

Buchcover Knie schmerzfrei in 30 Tagen
Buchcover Knie schmerzfrei in 30 Tagen | © Riva Verlag

Gabriele Kiesling: Zunächst geht es ja um die Schmerzbefreiung. Aber ab der 3. Woche meines Programms kommt dann die medizinische Trainingstherapie ins Spiel. Hier gibt es koordinatives Training z. B. auf flexiblen Unterlagen, Kraftausdauer-Training und spielerische Aspekte, die auch als Partnerübungen taugen.

sanego: Können Sie eine der Übungen kurz erläutern, damit wir uns etwas unter Ihrem Programm vorstellen können?

Gabriele Kiesling: Huch, das ist nicht so einfach, eine Übung aus 100 in meinem Buch zu beschreiben. Aber: Wenn die Schmerzen vollständig abgeklungen sind und dann die Lust auf ein effektives Selbsttraining anstatt Muckibude kommt, empfehle ich die Treppe zum koordinativen, dreidimensionalen Kraftausdauer-Training. Sie nehmen dabei ein Gewicht, beispielsweise einen Getränkekasten in beide Hände und gehen langsam damit die Treppe herunter. Achten Sie dabei auf die korrekte Beinachsen-Stellung.

sanego: Was kann ich tun, wenn ich auch nach 30 Tagen noch Beschwerden habe?

Gabriele Kiesling: Das sollte eigentlich nicht passieren. Ich beschreibe in meinem Buch das Erfolgsprogramm so, dass bei Nichterfolgen wie Schmerzen oder Bewegungseinschränkungen nicht direkt Tag für Tag weiter geübt, sondern die zurückliegenden Tage wiederholt werden sollten. So könnte es durchaus sein, dass es mehr als 30 Tage dauert, bis die Beschwerden verschwinden und Sie das Programm erfolgreich abgeschlossen haben.

sanego: Welchen Tipp möchten Sie unseren Leser:innen noch mitgeben?

Gabriele Kiesling: Bewegen Sie sich im Alltag möglichst medizinisch kniefreundlich und vermeiden Sie        Überbelastungen.

Autoreninformation

Elisabeth Maußner

Medizinische Redakteurin

Elisabeth Maußner ist studierte Journalistin und schreibt bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG seit 2017 zu medizinischen Themen. Ihr Ziel: komplexe Zusammenhänge und wissenschaftliche Hintergründe einfach und für jeden verständlich auszudrücken. Die erfahrene Autorin hat bereits über 400 Artikel zu Gesundheits- und Medizinthemen verfasst, die u.a. auf aerzte.de, sanego.de und arzttermine.de veröffentlicht wurden.

Außerdem durfte sie Erfahrung beim Radio und beim Produzieren von Videos sammeln.

Persönlich interessiert sie sich insbesondere für Kinder- und Frauengesundheit, eine ausgewogene, intuitive Ernährung und die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

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