Ob Baby oder Teenager, das Thema „Was isst mein Kind heute“ begleitet Eltern durch den Alltag. Damit verbunden sind viele Ängste, Sorgen und (unerwünschte) Ratschläge. Oft finden sie sich in einem echten Zwiespalt wieder: Das Kind isst nur Nudeln ohne Soße, auf Social Media begegnet ihnen eine gute Ernährungsempfehlung nach der anderen und die Warnungen vor Essstörungen werden lauter.
Ernährungspsychologin Ronia Schiftan („Wie Kinder essen“) fängt diese Verunsicherung auf. Sie möchte zeigen, woher das oft seltsam anmutende Essverhalten von Kindern kommt und was Eltern für die Ernährung Ihrer Kinder wirklich tun können.
Beikost-Start: Schon der Einstieg ins Essen ist oft unnötig kompliziert
sanego: Schon vor der ersten richtigen (Brei-)Mahlzeit sind Eltern oft verunsichert. Von Beikostplänen über Warnungen vor Eisenmangel bis hin zu möglichst viel Verschiedenes zur Allergieprävention widersprechen sich viele der Empfehlungen. Was ist aus Ihrer Sicht denn wirklich wichtig, für den Einstieg in feste Nahrung?
Ronia Schiftan: Die Verunsicherung der Eltern ist sowas von verständlich. Wir leben in einer Zeit der Informationsflut, gerade auch im Bereich der Ernährungsinformationen kursieren viele Falschinformationen, die auch über soziale Medien stark verbreitet werden. Diese treffen Eltern in einer besonders vulnerablen Zeit, dann wenn es um die Gesundheit ihrer ersten Kinder geht. Denn Eltern wollen nur das Beste für ihre Kleinen. Besonders verunsichernd ist es dann noch, wenn Empfehlungen aus pädiatrischen Settings widersprüchlich oder auch einfach zu detailliert sind. Worauf kommt es an? Vertrauen ins Lernen vom Kind. Das Kind wird essen erfahren und je entspannter wir als Eltern dabei sein, desto gesundheitsförderlicher für das Kind. Jedes Kind nach seinem Tempo und Prozess.
Welche Ernährungsregeln brauchen Kinder?
sanego: Wie geht es danach weiter? Wie viele Regeln brauchen Kinder für eine gesunde Ernährung?
Ronia Schiftan: Kinder essen vor allem aufgrund ihrer körperlichen Signale wie Hunger, Sättigung oder bestimmter Lebensmittelpräferenzen in diesem Moment. Erwachsene helfen den Kindern, wenn sie deren innere Signale nicht einfach unnötig übersteuern, sondern sie dabei unterstützen, auf diese zu hören. Kommentare zum Essverhalten sowie Bewertungen von Lebensmitteln in „gesund" oder „ungesund" tragen zu einer kognitiven Übersteuerung des Essverhaltens bei und schaden dem intuitiven Bezug des Kindes zum Essen. Um eine gesundheitsförderliche Essatmosphäre für die ganze Familie zu gestalten, bedarf es einer entspannten Situation. Für mögliche Regeln gilt also immer die Frage: Kann ich begründen, weshalb mir als Elternteil die Regel wichtig ist? Habe ich hinterfragt, woher diese Regel kommt und wie sinnvoll sie in der aktuellen Familiensituation noch ist? Und schließlich: Trägt die Durchsetzung der Regel zu einer entspannteren Atmosphäre bei oder führt sie zu Dauerkonflikten? Diese Grundfragen können helfen, mögliche Regeln zu hinterfragen.
ist Ernährungs- und Medienpsychologin in Österreich. Sie berät Familien in ihrer eigenen Praxis, hält Workshops und Vorträge und ist auch als Dozentin an unterschiedlichen Hochschulen tätig. Zudem nutzt sie ihr Wissen, um auf Social Media und in Podcasts über Mythen rund um Ernährung aufzuklären.
sanego: Reicht es, dem Kind einfach regelmäßig alle Nahrungsmittel anzubieten?
Ronia Schiftan: Es lohnt sich, wenn Erwachsene Speisen zubereiten, die sie selbst auch mögen. Denn Kinder lernen vor allem am Modell. Neues anzubieten, ohne Druck zum Probieren auszuüben, macht Sinn. Kinder dürfen dabei immer selbst entscheiden, ob sie etwas in den Mund nehmen möchten. Neue Speisen oder Geschmackserlebnisse sind für Kinder ein Lernfeld und benötigen freie „Lernenergie". Wenn ein Kind müde von der Kita kommt, lohnt es sich, ein vertrautes, „sicheres" Essen zur Verfügung zu haben – sogenanntes Safe-Food. Ein Essen, das für das Kind ein sicherer Hafen ist und keine Lernenergie erfordert.
Woran erkennen Eltern problematisches Essverhalten?
sanego: Wann ist das Essverhalten eines Kleinkindes problematisch? An welchem Punkt braucht es vielleicht professionelle Hilfe?
Ronia Schiftan: Es gibt einige Grundfragen, die ich in der Beratung jeweils den Eltern stelle. Dabei geht es nicht um das Verhalten selbst, sondern darum, wie es dem Kind geht. Ist es gesund? Verläuft die Entwicklung „kurvengerecht"? Hat es Energie? Mag es spielen, springen, lachen? Hat es soziale Beziehungen? Kann es sich konzentrieren? Stuhlgang? In vielen Fällen sind genau diese Fragen bereits ausreichend, und ein Kind kann als „gesund" wahrgenommen werden. Dann braucht es keine Anpassung beim Essverhalten. Viele Eltern haben beim Picky Eating – also einem stark wählerischen Essverhalten – die Sorge, dass ihre Kinder mangelversorgt sind. Tatsächlich sind Nährstoffmängel bei „gesunden" Kindern extrem selten, und der Körper gleicht vieles aus – wie kleine Wunder –, selbst wenn nur Pasta mit Butter gegessen wird. Selbstverständlich sollten jegliche Sorgen immer mit einer Fachperson des Vertrauens besprochen werden.
sanego: Wie ist das bei älteren Kindern? Auf welche Anzeichen sollte ich achten, um ungesundes Essverhalten oder eine Essstörung frühzeitig zu erkennen?
Ronia Schiftan: Besonderes Augenmerk ist angebracht, wenn Kinder ihr Verhalten stark verändern, sich sehr zurückziehen, heimlich zu essen beginnen, das Essen verweigern oder körperabwertende Kommentare äußern. Solche Verhaltensweisen können Hinweise darauf sein, dass genauer hingeschaut werden sollte. Bereits kleine Kinder im Alter von 7 oder 8 Jahren können Anzeichen beginnender Essstörungen zeigen.
Zucker in der Ernährung: Was empfiehlt die Ernährungspsychologin?
sanego: Beim Thema Kinderernährung müssen wir auch über Zucker sprechen. Wie sehen Sie das, möglichst lange zuckerfrei, Süßigkeiten-Konsum begrenzen oder ganz ohne Verbote bzw. Regeln?
Ronia Schiftan: Ach, die liebe Zuckerdiskussion. Ich muss immer schmunzeln, wenn es heißt: „Hey, das ist zuckerfrei, extra mit Dattelsirup gesüßt." Genau solche Irrglauben sind das Resultat verunsichernder Social-Media-Kommunikation oder unfundierter Ernährungstrends. Wichtig sind vor allem die negativen psychologischen Auswirkungen solcher Ideen. Denn was passiert, wenn wir Lebensmittel in „gesund" und „ungesund" einteilen? Kinder kommen mit einer Präferenz für Süßes auf die Welt – Fruchtwasser, Muttermilch, Formula, alles süß. Süß ist also vertraut und evolutionsbedingt als sichere und energiereiche Nahrungsquelle abgespeichert. Nun lernen Kinder auf einmal etwas anderes: Gesund ist, was bitter oder sauer schmeckt, denn Eltern betonen den gesunden Salat, das Gemüse – alles, was für Kinder noch wenig vertraute, erst zu erlernende Geschmäcker mit sich bringt. So entwickeln wir Menschen die Kopplung von gesund = weniger schmackhaft und ungesund = schmackhaft. Man sieht also, wie das Gutgemeinte der „Ernährungserziehung" hier genau ins Gegenteil umschlägt. Noch deutlicher lernen Kinder ganz simpel: Zuerst muss man durch das Schlechte (den gesunden Salat), um dann an das rare, beliebte, verknappt und belohnend Süße – die Nachspeise – zu gelangen. Lustig, oder? Darum: Keine Wertung, alle Lebensmittel in ihrer Vielfalt anbieten – und schon kann man sich als Elternteil so manche unbeabsichtigt ausgelöste Autonomieschlacht rund ums Thema Zucker sparen.
Gute Ernährung abseits von „gesund“ und „ungesund“
sanego: Wie können Eltern ihren Kindern allgemein einen guten Umgang mit Lebensmitteln beibringen, ohne in „gut“ und „böse“ oder „gesund“ und „ungesund“ einzuteilen?
Ronia Schiftan: Gelassenheit, Freude, Genuss und Entspannung als höchste Werte rund ums Essen. Gemeinsam Lebensmittel entdecken, erkunden wie sie produziert werden, Neues ausprobieren – als Familie, als Gemeinschaft, mit Genuss und Freude Vielfalt genießen. Da kann viel Potenzial für Gesundheit schlummern.
sanego: Was raten Sie zur Nahrungszusammensetzung? Sollte ich darauf achten, dass mein Kind ausreichend Proteine, Ballaststoffe oder bestimmte Vitamine zu sich nimmt?
Ronia Schiftan: Eine ausgewogene Ernährung ist sinnvoll. Kinder essen aber oft nicht eine ausgewogene Mahlzeit mit allen Komponenten, sondern nehmen über den Tag oder die Woche hinweg alle Bausteine in Etappen zu sich. Mal nur Milch, dann wieder nur Gurkenscheiben oder Pasta mit Butter. Viel wichtiger als einzelne Nährstoffe zu zählen sind der entspannte Umgang mit Essen, das genussvolle Vorleben von Ausgewogenheit und die Einbindung der Kinder bei der Zubereitung von Speisen.
sanego: Wie ist es mit Nahrungsergänzungsmitteln? Oft werden ja zum Beispiel Vitamingummibärchen für schlechte Esser:innen empfohlen.
Ronia Schiftan: Ob Nahrungsergänzungsmittel benötigt werden, sollte in ärztlicher Absprache entschieden werden. Wie bereits erwähnt, sind Nährstoffmängel bei Kindern extrem selten.
sanego: Die ersten 1.000 Tage sollen laut einer Studie das Essverhalten prägen. Gleichzeitig ist das auch die Zeit, in der Kinder gerne mal nur Nudeln essen. Wie passt das zusammen?
Ronia Schiftan: Die Prägung geschieht nicht nur über das, was Kinder zu sich nehmen, sondern auch über das, was sie mitbekommen. Kinder lernen Essen bereits beim Zuschauen, beim Selbstentdecken – mit allen Sinnen. Wie zuhause gekocht, gegessen und über Essen gesprochen wird, sind ebenso wichtige Faktoren. Darum sind diese 1.000 Tage maßgeblich für die Grundlage. Werden die inneren Reize in dieser Zeit nicht übersteuert, ist das bereits die beste Voraussetzung für eine positive Körperwahrnehmung bei Kindern.
Kinder und Essen – ganz ohne Druck?
sanego: Wie schaffe ich es, mich von solchen Studien nicht unter Druck setzen zu lassen?
Ronia Schiftan: Der Druck entsteht in der Vorstellung, dass wir es perfekt machen müssen bzw. dem Kind das Essen einflößen müssen. Das ist genau der Irrglaube. Zunächst geht es darum, dass Eltern ihre eigene Prägung ihres Essverhaltens entdecken, im eigenen Prozess daran arbeiten, wie sie mit Essen umgehen möchten, und sich dann die Frage stellen, wie ein entspanntes Miteinander möglich ist. Oft stammt viel Druck aus den eigenen inneren Stimmen, die wir durch unsere Kindheit und Erziehung in uns tragen und die oft nur noch marginal zu unseren aktuellen Werten passen. Daraus resultieren Bewertungen und Regeln, die wir vielleicht nicht ungefiltert an unsere Kinder weitergeben möchten.
sanego: Viele Erwachsene achten heute stark auf eine gesunde Ernährung. Wie können sie trotzdem Leichtigkeit zum Thema Essen in der Familie bringen?
Ronia Schiftan: Genau da beginnt die Selbstreflexion. Wie entspannt gehe ich selbst mit dem Thema Essen um? Wo sind meine Prägungen und Erfahrungen damit? Was wünsche ich mir für mein Kind? Oft stecken dahinter stark körperorientierte, gewichtsnormative Wertvorstellungen wie Schlank = gut = schön = gesund. Gerade solche Ideen sind für ein positives Körperbild von Kindern sehr schädlich und können den Boden für Essstörungen bereiten. Aus diesem Grund ist es so wichtig, sich bewusst mit dem Thema auseinanderzusetzen, um Kinder erst gar nicht in Schlankheitsnormen und Diätspiralen zu drängen.
sanego: Gibt es etwas, das Ihnen noch wichtig ist?
Ronia Schiftan: Break the Cycle: Gerade wenn wir die intergenerationalen Prägungen rund um Körper und Essen anschauen, dann sind es die Millennial-Eltern – also jene, die heute junge Kinder haben –, die mit diätenden Müttern aufgewachsen sind und viele Normen wie „Teller leer essen", Kalorienzählen oder die Einteilung in „gute" und „schlechte" Lebensmittel verinnerlicht haben. Diese Generation trägt diese Prägungen oft unbewusst weiter – und hat gleichzeitig die Chance, den Kreislauf zu durchbrechen. Bewusstsein ist der erste Schritt: Wer erkennt, woher die eigenen Glaubenssätze rund um Essen und Körper stammen, kann aktiv entscheiden, was er an die nächste Generation weitergeben möchte – und was nicht.




