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/ Wie beeinflusst der Klimawandel unsere Gesundheit? Medizinsoziologe Prof. Dr. phil. Sven Schneider im Interview

Wie beeinflusst der Klimawandel unsere Gesundheit? Medizinsoziologe Prof. Dr. phil. Sven Schneider im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Veröffentlicht: 08.07.2024

Lesezeit: 7 Min.

Vorsorge | Mein Körper

Person steht im Licht der untergehenden Sonne in einem Wassersprühnebel
Neben der Hitze und der UV-Strahlung kommen noch einige weitere Veränderungen durch den Klimawandel auf unsere Gesundheit zu. | © MVProductions . stock.adobe.com

Tote durch Hitze, Überschwemmungen und andere Extremwetterereignisse. In den letzten Jahren häufen sich die Schlagzeilen über Gefahren durch das Klima. Doch wie wird sich der Klimawandel auf die Gesundheit der Menschen in Deutschland auswirken?

Einige Antworten darauf gibt das Buch „Gesundheitsrisiko Klimawandel: Neue Herausforderungen für Sport, Beruf und Alltag“.  Herausgeber Prof. Dr. phil. Sven Schneider hat darin 70 Stimmen versammelt, die über die Folgen des Klimawandels, aber auch über einen möglichen Umgang damit berichten. In unserem Interview gibt es schon mal einen kleinen Einblick, wie Sie den kommenden klimatischen Veränderungen entgegentreten können, was genau auf Sie zukommt und wer bei der Prävention besonders gefragt ist.

sanego: Zu Beginn würde ich gerne auf einen großen Kritikpunkt an der Berichterstattung über den Klimawandel eingehen: In „Gesundheitsrisiko Klimawandel“ zählen Sie und die Autoren bzw. Autorinnen sehr detailliert auf, welche negativen Auswirkungen uns durch den Klimawandel erwarten. Wurde Ihnen dadurch schon mal vorgeworfen, den Menschen Angst zu machen? Und wie gehen Sie damit um?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Unsere und damit auch meine Aufgabe als Wissenschaftler ist es, die Öffentlichkeit objektiv und neutral über aktuelle Erkenntnisse und Prognosen zu informieren. Genauso wie jeder Arzt die ethische Verpflichtung hat, seine Patienten sachlich über eine wichtige Diagnose zu informieren.

Deswegen ist unser Ton stets sachlich und wir vermeiden jede Form von Alarmismus. Im Gegenteil: In unserer täglichen Arbeit und in unserem aktuellen Buch „Gesundheitsrisiko Klimawandel“ stellen wir zunächst die bereits stattfindenden und die zu erwartenden Gesundheitsrisiken neutral und objektiv dar. Im zweiten Teil des Buches geht dann ausführlich um Möglichkeiten der Prävention und der Klimaanpassung, sodass wir auch künftig sicher und gesund auf unsere Erde leben, arbeiten und etwa Sport treiben können. Aktuellste Erkenntnisse objektiv darzustellen - daran haben sich in dieser Neuerscheinung alle 70 Autoren aus den insgesamt 42 führenden Institutionen unseres Landes gehalten.

sanego: Was macht Ihnen im Zusammenhang mit dem Klimawandel Hoffnung?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Nicht nur in der universitären Forschung und Lehre bei meinen täglichen Gesprächen mit Studierenden, sondern auch bei meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten in der Jugendarbeit und nicht zuletzt als Vater zweier Kinder beobachte ich sehr viel vernünftigen und engagierten Umgang mit dem Klimawandel. Von der Generation, die nach uns kommt, können wir lernen, dass der Klimawandel nicht zwangsläufig als Bedrohung unseres bequemen und sicher geglaubten Lebensstils, sondern stattdessen als große Chance für positive Veränderungen – ökologisch, ökonomisch und sozial - gesehen werden kann.

Prof. Dr. phil. Sven Schneider

ist Sport- und Medizinsoziologe. Als Professor für Sozialmedizinische Epidemiologie forscht er an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und leitet die Abteilung Kindergesundheit. Außerdem ist er Mitglied zahlreicher Vereinigungen, darunter Deutsche Allianz für Klimawandel und Gesundheit (KLUG) und Gesellschaft zur Förderung Medizin-Meteorologischer Forschung.

Die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit

sanego: Jetzt aber zu den Fakten: Welche Auswirkungen des Klimawandels in Deutschland werden unsere Gesundheit denn besonders beeinträchtigen?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Die bereits stattfindenden und die erwarteten Klimaveränderungen bergen direkte und indirekte Gefahren für die Gesundheit. Direkte Effekte des Klimawandels umfassen die Zunahme thermischer Belastungen (z. B. durch immer häufigere, längere und extremere Hitzewellen), die Zunahme weiterer Extremwetterereignisse wie Unwetter und die Zunahme der UV-Exposition. Die daraus resultierenden Gesundheitsrisiken reichen vom Hitzschlag und anderen Hitzeerkrankungen über Unfälle und Verletzungen etwa durch Überschwemmungen, Vegetationsbrände, Sturmereignisse und Lawinen bis hin zu UV-Erythemen und Hautkrebs. Zu den indirekten Effekten des Klimawandels zählen die Zunahme der Ozon- und Feinstaubbelastung, die Zunahme allergischer Belastungen (z. B. durch mehr und aggressivere Pollen), erhöhte Infektions- und Vergiftungsrisiken sowie vermehrte mentale Belastungen. Diese indirekten Effekte haben unter anderem einen Anstieg von Atemwegserkrankungen und allergischem Asthma, Infektionen durch heimische und neue Vektoren wie Zecken und die Asiatische Tigermücke, wasserbürtigen Infektionen und psychische Belastungen zur Folge.

sanego: Der Klimawandel könnte aber auch positive Folgen, zum Beispiel mehr Bewegung im Freien, haben oder?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Natürlich hat der Klimawandel auch positive Seiten. Derzeit ist es beispielsweise Gegenstand erster Studien, ob der Klimawandel per saldo eher zu einer Zunahme oder zu einer Abnahme von zum Beispiel Outdooraktivitäten wie Spazierengehen, Radfahren und körperlicher Aktivität im Freien führen wird. Mehr Zeit im Freien bedeutet u. a. auch höhere UV-Exposition. Als positive Konsequenz kann dies depressive Symptome („Winterdepression“) vorbeugen, den Vitamin-D-Status begünstigen und das Risiko von Osteoporose reduzieren.

Wen werden die Auswirkungen des Klimawandels besonders treffen?

sanego: Wen werden die Auswirkungen des Klimawandels besonders treffen?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Den Klimawandel merken wir natürlich irgendwie alle, durch mehr Hitze, mehr Extremwetter, höhere UV-Werte und mehr Allergene in der Luft. Diese Veränderungen sind in Deutschland allerdings regional höchst unterschiedlich verteilt. Wir hier am Oberrhein erleben die Zunahme von Temperaturen an die 40° C im Sommer, Hochwasser und Überschwemmungen bereits seit Jahren. Außerdem ist unsere Region mittlerweile flächendeckend ein Hochrisikogebiet für FSME. Und nicht zuletzt breitet sich hier am Oberrhein in den letzten Jahren nicht nur die Asiatische Tigermücke, sondern auch verschiedenen Arten der Buschmücke immer weiter aus. Bei uns hier kann man also beobachten, was andere Menschen und Regionen in Deutschland in Zukunft möglicherweise ebenfalls erwartet.

Abgesehen von regionalen Unterschieden weist die Weltgesundheitsorganisation auf bestimmte Bevölkerungsgruppen hin, die durch klimabedingte Gesundheitsrisiken besonders stark gefährdet sind. Durch Hitzestress und viele der weiteren oben beschriebenen Risiken besonders gefährdet sind demnach Säuglinge, Kleinkinder, Ältere und chronisch Kranke, aber ebenso weitere vulnerable Personengruppen, wie Schwangere, sozial Benachteiligte und Wohnungslose. Kritisch ist, wenn das Thermoregulationssystem nur eingeschränkt funktionsfähig ist bzw. mangelndes Durstempfinden zu einer ungenügenden Flüssigkeitsaufnahme und damit schneller zu einer Dehydratation führt. Hinzu kommen die über 7 Millionen Außenbeschäftigten sowie ein großer Teil der rund 30 Millionen Sportlerinnen und Sportler in Deutschland, die etwa der Hitzebelastung berufs- oder sportbedingt kaum aus dem Weg gehen können.

Buchvover Gesundheitsrisiko Klimawandel
Buchvover Gesundheitsrisiko Klimawandel | © hogrefe Verlag

Klimawandel und Gesundheit - Wie können wir uns vorbereiten?

sanego: Wie können sich Verantwortliche in Sportvereinen, Unternehmen und Politik vorbereiten?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Wir unterscheiden in der Präventionsforschung Verhaltens- von Verhältnisprävention. Während Verhaltensprävention Anpassungsmaßnahmen der Individuen meinen, wie ausreichenden Sonnen- und Hitzeschutz, umfasst die Verhältnisprävention alle Maßnahmen etwa der Arbeitgeber, der Sportvereine und der Pflegeheimleitungen, die oben erwähnten Risikogruppen als Ganzes schützen. Seit Langem ist bekannt, dass gerade verhältnispräventive Maßnahmen besonders effektiv und effizient sind, weil sie auch ohne aktives Zutun der Zielgruppen dauerhaft und niederschwellig wirken. Im Bereich etwa des Hitzeschutzes ist eine solche Maßnahme der Hitzeaktionsplan. Zahlreiche Kommunen arbeiten derzeit an solchen Hitzeaktionsplänen. Am weitesten ist hier der Arbeitsschutz, der ja auch mit Hitze, UV, Extremwetter und so weiter umgeht. In der Arbeitswelt sind längst ausgearbeitete Gesetze, Regularien und Maßnahmen etabliert, weil Arbeitgeber in Deutschland für die Gesundheit ihrer Arbeitnehmer verantwortlich sind. Dort existiert ein klarer Rechtsrahmen.

Im Arbeitsschutz gibt es das TOP-Prinzip. Das ist die Abkürzung für technische, organisatorische und personenbezogene Maßnahmen. Dieses Prinzip könnte sich nun beispielsweise der Sport hervorragend zunutze machen. Auf den Sport übertragen würde das bedeuten, dass die Kampfrichterbereiche, die Ersatz- und Zuschauerbänke beschattet werden, dass mobile Sonnenschirme zur Verfügung gestellt werden, dass Spielregeln angepasst werden und auf UV-zertifizierte Trikotsätze geachtet wird.  

sanego: Was können Privatpersonen tun, um ihre Gesundheit zu schützen?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Neben den gerade dargestellten strukturellen (also verhältnispräventiven) Maßnahmen kann sich auch jeder Einzelne ganz individuell schützen und auf die anstehenden Veränderungen vorbereiten. Eine gute Orientierung über solche sogenannte verhaltenspräventive Maßnahmen geben hier gut aufbereitete Informationen etwa der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unter dem Link https://www.klima-mensch-gesundheit.de/.

sanego: Zum Schluss würde ich gerne noch auf die mentale Gesundheit eingehen. Haben Sie Tipps, wie wir mit der Angst und Sorge über den Klimawandel umgehen können?

Prof. Dr. phil. Sven Schneider: Dass der Klimawandel bereits in vollem Gange ist, steht außer Frage. Mit der Physik lässt sich leider nicht diskutieren. Allerdings reagiert jeder von uns auf Berichte über den Klimawandel unterschiedlich. Dies reicht von aggressiven und beleidigenden Kommentaren in den sozialen Medien über Verdrängung und Gleichgültigkeit bis hin zu Beunruhigung und Besorgnis. Und so sind die individuellen Reaktionen und der Widerstand, gewohntes und bequemes Verhalten aufzugeben, eines jeden einzelnen von uns höchst unterschiedlich. Aber viele, und mein Eindruck ist: immer mehr, in unserer Gesellschaft schaffen es, das negative Gefühl von Beunruhigung in positive Motivation zur Veränderung umzuwandeln. Abschließend kann ich nur für mich selbst sprechen: Ich möchte mir in einigen Jahren von meinen Enkeln nicht vorwerfen lassen, nicht alles getan zu haben, um ihnen eine lebenswerte Welt zu überlassen.

Autoreninformation

Elisabeth Maußner

Medizinische Redakteurin

Elisabeth Maußner ist studierte Journalistin und schreibt bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG seit 2017 zu medizinischen Themen. Ihr Ziel: komplexe Zusammenhänge und wissenschaftliche Hintergründe einfach und für jeden verständlich auszudrücken. Die erfahrene Autorin hat bereits über 400 Artikel zu Gesundheits- und Medizinthemen verfasst, die u.a. auf aerzte.de, sanego.de und arzttermine.de veröffentlicht wurden.

Außerdem durfte sie Erfahrung beim Radio und beim Produzieren von Videos sammeln.

Persönlich interessiert sie sich insbesondere für Kinder- und Frauengesundheit, eine ausgewogene, intuitive Ernährung und die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

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