Putzen, Händewaschen, Schritte zählen: Was für die einen normale Alltagstätigkeiten sind, kann für andere zu einem belastenden Zwang werden. Zwangsstörungen und Zwangsgedanken bleiben oft unsichtbar, können den Alltag aber deutlich belasten.
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, widmet sich schon seit über 30 Jahren Patienten und Patientinnen mit Zwangserkrankungen. Er weiß:
"Wenn man etwas an seinem Leben verändern will, sollte man jetzt damit beginnen und nicht auf „irgendwann“ warten. Nur Mut, jeder kann es schaffen, auch wenn es erstmal kleine Schritte sind. "
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Unterstützung finden Betroffene dafür zum Beispiel in seinem Buch „Nimm den Zwängen die Macht“. Doch was kann bei Zwängen und Zwangsgedanken noch helfen? Und woran können Sie diese erkennen? Das hat Prof. Dr. Voderholzer uns im Interview erklärt:
Woran erkenne ich eine Zwangsstörung?
sanego: Die eine prüft dreimal, ob der Herd wirklich aus ist, bevor sie das Haus verlässt, der andere muss beim Heimkommen immer erstmal die Hände waschen und die Straßenkleidung ausziehen. Ab wann beginnt aus medizinischer Sicht ein Zwang?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Die meisten von uns haben kleinere Marotten und gelegentlich unsinnige Gedanken. Das alleine ist noch keine Krankheit. Von einer Störung oder psychischer Erkrankung sprechen wir erst dann, wenn jemand darunter leidet oder z. B. in seinem Alltag beeinträchtigt ist.
Das ist meist dann der Fall, wenn diese Gedanken oder Verhaltensweisen sehr viel Zeit in Anspruch nehmen oder vieles vermieden werden muss. Zum Beispiel, wenn man die Wohnung seltener verlässt, weil dies mit Befürchtungen verbunden ist, sich verschmutzen zu können, oder es anstrengend wird, vor dem Verlassen der Wohnung zahlreiche Kontrollrituale durchzuführen. Grundsätzlich sollte man nur dann von einer psychischen Erkrankung sprechen, wenn die Betroffenen selbst darunter leiden. Allerdings kann es auch sein, dass nicht die Betroffenen selbst, sondern ihre Umgebung leidet.
sanego: Woran merke ich, dass ich selbst oder ein(e) Bekannte(r) Zwänge hat?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Zwangsstörungen sind oft heimliche Erkrankungen. Die Betroffenen versuchen, sie vor anderen zu verbergen. Das gelingt manchmal erstaunlich gut, insbesondere bei Zwangsgedanken. Bei einem Ehepaar wusste der Mann auch nach 27 Jahren Ehe nichts von den ständigen Zwangsgedanken und auch Zählzwängen seiner Frau. Ihm fiel nur auf, dass sie oft angespannt wirkte, z. B. wenn sie die Spülmaschine ausräumte, die Schritte auf dem Weg zählte oder kein Buch mehr lesen konnte, weil sie die Buchstaben jedes einzelnen Wortes zählen musste. Sie selbst empfand ihre Gedanken als lächerlich und sprach deshalb nicht darüber. Übermäßiges Waschen oder Kontrollverhalten fällt dagegen eher auf, wird jedoch häufig vor allem zu Hause in den eigenen vier Wänden ausgeübt. Viele Betroffene schaffen es, diese Zwänge nach außen hin gut zu verbergen.
Woran merkt man es selbst?
Wenn Zwangsgedanken ständig stören, Zwangshandlungen immer mehr Zeit einnehmen und den Alltag behindern.
sanego: Müssen Zwänge und Zwangsgedanken denn immer „beseitigt“ werden oder kann ich auch gut damit leben?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Man geht davon aus, dass fast alle Menschen gelegentlich unsinnige, aufdringliche Gedanken haben – ähnlich wie alle Menschen Träume haben, die sie nicht beeinflussen können. Das Gehirn produziert sozusagen nicht nur sinnvolle, sondern auch unsinnige Gedanken. Es wäre ein Fehler, all diesen unsinnigen Gedanken eine Bedeutung beizumessen. Patienten und Patientinnen mit Zwangsstörungen tun genau dies: Sie messen solchen Gedanken (wie, „ich könnte jemand anderen verletzen oder sogar töten“) eine wichtige Bedeutung bei, und entwickeln dadurch Angst. Ich sage in solchen Fällen immer: „Das Gehirn produziert nicht nur Sinnvolles, sondern auch viel Schrott“. Glaube nicht alles, was du denkst! In der Therapie vermitteln wir immer: „Gedanken können wie Wolken sein am Himmel, lasst unsinnige und aufdringliche Gedanken einfach vorüberziehen“.
ist Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee. Als Chefarzt für Psychosomatik & Psychotherapie leitet er dort die Arbeitsgruppe Psychotherapie- und Versorgungsforschung mit den Schwerpunkten Zwangsstörungen und Essstörungen.
Die Behandlung von Zwängen und Zwangsgedanken: Was hilft?
sanego: Was sind die ersten Schritte, wenn ich meinen Zwängen oder Zwangsgedanken die Macht nehmen möchte?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Der erste Schritt ist immer die Einsicht, also das Anerkennen, dass etwas geändert werden sollte, – sprich, der Wunsch nach einer Veränderung. Ohne eine bewusste Entscheidung geht es nicht. Will ich so weiterleben wie bisher, oder will ich etwas verändern? Die Erfahrung zeigt, dass Zwänge sehr hartnäckige Verhaltensweisen sind, die sich nicht von alleine so verändern, sondern nur, wenn man aktiv dagegen angeht. Es ist vergleichbar mit dem Alkoholiker, der genau weiß, dass er mit dem Trinken aufhören muss. Die meisten werden das nicht alleine schaffen, sondern nur mit Hilfe einer Therapie. Manchen Menschen schaffen es aber auch durch die radikale Entscheidung, ausgelöst durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Lebenszielen oder durch die Konfrontation mit massiven negativen Folgen. Menschen mit Zwängen rate ich, auf ihr alltägliches Leben zu schauen und sich zu fragen, ob sie so weitermachen wollen wie bisher, ob sie die viele Zeit, die sie mit Zwängen verbringen, nicht für andere schöneren Dingen nutzen wollen.
sanego: Braucht es dafür immer professionelle Hilfe?
Prof. Ulrich Voderholzer: Nein, wir alle haben die Möglichkeit, selbst etwas an unserem Leben zu verändern, aber die Fähigkeit zur Selbstregulation ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark ausgeprägt. Sind die Zwänge einmal schwer ausgeprägt, benötigen die meisten Menschen professionelle Hilfe.

sanego: Wo finde ich, neben Ihrem Buch „Nimm den Zwängen die Macht“, noch Hilfe und Unterstützung?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Der Austausch mit anderen Betroffenen, entweder in Selbsthilfegruppen oder über Internet-Foren wie z. B. bei der Deutschen Gesellschaft für Zwangserkrankungen e.V. oder über OCD Land, kann sehr hilfreich sein. Bewältigungserfahrungen anderer können auf jeden Fall von Nutzen sein.
Warum Forschung und Aufklärung zu Zwangsstörungen so wichtig ist
sanego: Zwangsstörungen sind einer Ihrer Forschungsschwerpunkte. Wie sind Sie dazu gekommen?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Vor über 30 Jahren kam ich als Stationsarzt auf eine Spezialstation für Zwänge und war von Anfang an begeistert von der Arbeit mit den Patienten und Patientinnen, die sehr dankbar für die Unterstützung waren. Diese Erfahrung hat auch die Forschung sehr stimuliert, die bei Zwangsstörungen eher ein wenig vernachlässigt wurde.
sanego: Welche Vorurteile begegnen Ihnen zu Zwangsstörungen und was antworten Sie darauf?
Prof. Dr. Ulrich Voderholzer: Immer noch begegnet mir manchmal das Vorurteil bei Therapeuten und Therapeutinnen, dass Zwangsstörungen nur schwer zu behandeln seien. Das stimmt letztendlich nicht. Ich denke, dieses Vorurteil rührt daher, dass Zwangsstörungen früher oft unspezifisch mit Gesprächstherapie behandelt wurden anstatt mit dem wirksamen Ansatz der Expositionsbehandlung. Auch begegnet mir manchmal das Vorurteil, dass Menschen mit Zwangsstörungen „zwanghaft“ sind. Zwanghaftigkeit (damit meint man, dass Menschen penibel, detailversessen, rigide, kleinlich und unflexibel sind) ist jedoch eine Persönlichkeitseigenschaft und nicht mit den typischen Zwangssymptomen von Menschen mit Zwangsstörung gleichzusetzen.
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