Knapp jede(r) sechste in Deutschland hat chronische Schmerzen. Die Beschwerden können den Alltag stark einschränken, gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Forschungsansätze und Therapien, die die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können. Schmerzforscherin Dr. Afton L- Hasset hat daraus in Ihrem Buch “chronische Schmerzen überwinden” aus dem riva Verlag einen 30-Tage-Reset zusammengestellt, der besonders das Selbstmanagement der Patienten und Patientinnen verbessern soll. Was bei chronischen Schmerzen besonders wichtig ist, erklärt sie in diesem Interview.
sanego: Wie sind Sie zur Expertin für chronische Schmerzen geworden? Was fasziniert Sie an diesem Thema?
Dr. Afton L. Hasset: Schmerz ist nicht nur eine Sinneserfahrung. Gedanken und Emotionen können beeinflussen, wie Schmerz empfunden wird. Als Psychologin hat mich diese Idee fasziniert. Wir wissen heute, dass viele Bereiche des Gehirns, die Schmerz verarbeiten, auch Gedanken und Emotionen verarbeiten. Deshalb fühlen sich Schmerzen viel schlimmer an, wenn wir Angst haben oder deprimiert sind. Die gute Nachricht ist, dass wir Schmerzen als weniger störend empfinden, wenn wir Dinge machen, die wir lieben, zum Beispiel wenn wir lachen, eine gute Show oder Musik genießen oder eine schöne Zeit mit unseren Lieben verbringen.

Was hilft bei chronischen Schmerzen?
sanego: Die Diagnose „chronische Schmerzen“ kann in den ersten Stunden und Tagen niederschmetternd sein. Was raten Sie Menschen in der ersten Zeit nach der Diagnose?
Dr. Afton L. Hasset: So herausfordernd chronische Schmerzen auch sein können, oft ist die Diagnose eine Erleichterung. Denn sie bedeutet erstmal, dass Sie keine lebensbedrohliche Krankheit haben. Dennoch kann das Wissen natürlich niederschmetternd sein, dass etwas so Schwieriges wie chronische Schmerzen wahrscheinlich noch lange Zeit einen großen Teil Ihres Lebens einnehmen wird. Mein Rat: Es gibt Hoffnung!
Wir wissen, dass einige Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit chronischen Schmerzen hilfreich sein können, aber nicht alle wirken bei allen Menschen. Etwa ein Drittel der Patienten und Patientinnen spricht auf jede evidenzbasierte Behandlung an. Ein Großteil unserer aktuellen Forschung beschäftigt sich damit, Patienten und Patientinnen mit chronischen Schmerzen besser einer bestimmten Behandlung zuzuordnen. Dieser Ansatz wird als personalisierte Medizin bezeichnet. Der wichtigste Ratschlag ist, erstens mithilfe Ihres Arztes oder Ihrer Ärztin immer wieder Dinge auszuprobieren und zweitens, zu wissen, dass es viele Möglichkeiten gibt, Ihre Schmerzen besser in den Griff zu bekommen. Alle Menschen mit chronischen Schmerzen können Strategien zur Selbstbewältigung lernen!
sanego: Neben Schmerzmitteln gibt es noch viele weitere Therapien gegen chronische Schmerzen. Welche Bereiche sind dabei besonders erfolgversprechend (z.B. Entspannungstechniken, Sport etc.)?
Dr. Afton L. Hasset: Zu den erfolgversprechendsten Therapien gegen chronische Schmerzen gehören Physiotherapie sowie das Entwickeln einer Übungspraxis, die Ihnen wirklich Spaß macht. Das können Spaziergänge in der Natur sein, Tanzen, Schwimmen, Yoga oder was auch immer Sie ein paar Mal pro Woche gerne machen. Auch die Verbesserung Ihres Schlafs ist sehr wichtig. Die meisten Menschen mit chronischen Schmerzen schlafen nicht gut. Dabei gibt es viele einfache Dinge, die Sie ändern können, um Ihren Schlaf erheblich zu verbessern. Zuletzt gibt es sehr vielversprechende Brain Retraining Programme und Therapien, die Ihrem Gehirn helfen können, Schmerzsignale zu unterdrücken. Diese werden in meinem Buch „Chronische Schmerzen überwinden“ ausführlich besprochen.
ist Professorin und Direktorin des Forschungsbereichs “Schmerz und Opioide" an der University of Michigan. Sie gilt als Expertin in den Bereichen Schmerz und Resilienz. Als klinische Psychologin forscht sie zudem überwiegend im interdisziplinären Bereich.
sanego: Welchen Rat haben Sie für chronische Schmerzpatienten und -patientinnen, die sich unzureichend behandelt und versorgt fühlen?
Dr. Afton L. Hasset: Leider ist das ein weit verbreitetes Problem. Einige Praxen und Kliniken kennen die neueste Forschung zu chronischen Schmerzen nicht, die erklärt, was chronische Schmerzen sind und wie sie am besten behandelt werden können. Ich rate Ihnen, Praxen und Kliniken aufzusuchen, die auf chronische Schmerzen spezialisiert sind. Sprechen Sie mit anderen Menschen mit chronischen Schmerzen und fragen Sie, ob sie mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin zufrieden sind – vielleicht könnten Sie den Arzt bzw. die Ärztin wechseln. Zudem sind - wie bei jeder chronischen Krankheit - die Patienten und Patientinnen der wichtigste Teil des Behandlungsteams. Sie können selbstständig Strategien zur Selbstbehandlung von Schmerzen erlernen, die Ihre Schmerzen lindern, Ihre Funktionsfähigkeit verbessern und Ihnen die Mittel an die Hand geben, trotz chronischer Schmerzen ein sinnvolles Leben zu führen.
Der 30-Tage-Reset
sanego: Mit Ihrem Buch können Patienten und Patientinnen mit chronischen Schmerzen ihr eigenes 30-Tage-Programm zusammenstellen. Können Sie kurz beschreiben, wie das funktioniert?
Dr. Afton L. Hasset: Das Buch beginnt mit einem Überblick über die Wissenschaft von Schmerz und Resilienz (um zu erklären, warum die Ratschläge und Tipps funktionieren) und führt dann zu einem 30-tägigen Experiment, bei dem Sie 30 verschiedene Aktivitäten oder Strategien ausprobieren, eine pro Tag. Am Ende dieser Erkundungsphase wählen Sie Ihre beliebtesten Routinen, um einen langfristigen Erfolgsplan zu erstellen. Das Wichtigste ist, Strategien zu finden, die Spaß machen und die Sie gerne umsetzen. Wer hat nicht gerne ein bisschen Spaß und wird dabei resilienter?
sanego: Können Sie eine Übung exemplarisch vorstellen?
Dr. Afton L. Hasset: Es gibt so viele interessante Möglichkeiten, dass es schwer ist, nur eine auszuwählen. Trotzdem ist die “feste Zeit für Schönes” vielleicht eine meiner Lieblingsmethoden. Nehmen Sie sich zweimal pro Woche ein paar Stunden Zeit, um etwas zu tun, das Sie lieben. Menschen mit chronischen Krankheiten verzichten oft auf die Dinge, die sie lieben, und erledigen stattdessen lieber die freudlosen Dinge, die sie tun müssen. Tragen Sie also einen Termin in Ihren Kalender ein und behandeln Sie ihn mit dem gleichen Respekt wie einen Arzttermin.
Der wichtigste Tipp von Dr. Afton L. Hasset
sanego: Haben Sie einen letzten Tipp für Patienten und Patientinnen mit chronischen Schmerzen?
Dr. Afton L. Hasset: Ja. Menschen mit chronischen Schmerzen haben in der Regel gute und schlechte Tage. An schlechten Tagen machen diese Menschen fast nichts, an guten Tagen machen sie zu viel, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Aber wenn sie an guten Tagen zu viel tun, kann dies einen Schmerzschub auslösen. Die Schmerzen sind danach manchmal tagelang viel schlimmer. Eine bessere Strategie besteht darin, an den schlechten Tagen nur ein wenig zu machen, z. B. sich strecken, einen schönen Spaziergang, ein oder zwei kleine Aufgaben erledigen oder einem Hobby nachgehen, bei dem Sie sich bewegen. An guten Tagen machen Sie dann nur ein bisschen mehr, als Sie an einem normalen Tag machen würden, aber nicht viel mehr!
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