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Leben mit Borderline: Joelle Westerfeld über Ihre Borderline Erkrankung im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Aktualisiert: 13.03.2026

Lesezeit: 6 Min.

Behandlung | Krankheiten | Mein Körper

Eine Person steht vor einem bunten Graffiti mit vielen unterschiedlichen Farbklecksen.
Joelle Westerfeld beschreibt ihr Leben mit Borderline wie ein großes, buntes Bild. Viele aufregende farbenfrohe Farbkleckse treffen auf einige eintönige, graue Abschnitte. | © PerOlav - stock.adobe.com

Starke Gefühle, die sich innerhalb von Minuten verändern. Intensive Nähe und ebenso intensive Angst vor dem Verlassenwerden. Für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung kann der Alltag emotional extrem fordernd sein. Hinzu kommt, dass Außenstehende oft nicht nachvollziehen können, was im Inneren der Betroffenen geschieht. Menschen mit Borderline ziehen sich deshalb oft zurück und fühlen sich missverstanden.

Ähnlich beschreibt auch Joelle Westerfeld Ihre Erfahrungen in „Extrem fühlen Mein schrecklich schönes Leben mit Borderline“. Das Buch richtet sich vor allem an Betroffene, die sich mehr Unterstützung und Einordnung ihrer Erkrankung wünschen.

In unserem Interview gibt Joelle Westerfeld ihnen, aber auch Angehörigen und Interessierten, die mehr über die Persönlichkeitsstörung Borderline erfahren möchte, wichtige Einblicke.

sanego: Schon zu Beginn Ihres Buches betonen Sie: Es wird besser. Warum ist es Ihnen so wichtig, Betroffenen mit Borderline Hoffnung zu geben?

Joelle Westerfeld: Borderline bleibt selten ein Leben lang. Über 80 % der Betroffenen erfüllen zehn Jahre nach ihrer Diagnose nicht mehr genug Kriterien, um die Krankheit noch einmal diagnostiziert zu bekommen. Es gibt wirksame Therapiemethoden, außerdem gibt es bei Persönlichkeitsstörungen eine Art natürliche Altersremission. Das bedeutet: Je älter man wird, desto schwächer können Symptome werden. Viele Betroffene wissen all das nicht, genauso wenig wie ihre Angehörigen. Denn es ist das, was im Diskurs nie Platz findet – und das, was Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen und Ärzte und Ärztinnen häufig vergessen, ihren Patienten und Patientinnen mitzugeben.

Was ist Borderline?

Borderline gilt heute als Persönlichkeitsstörung, die drei Hauptproblematiken mit sich bringt: eine Störung der Emotionsregulierung, der Selbstwahrnehmung und der Beziehungsgestaltung. Die Ausprägungen der einzelnen Bereiche sind sehr individuell. Typische Merkmale können sein:

  • starke Stimmungsschwankungen

  • intensive, oft konflikthafte Beziehungen

  • ausgeprägte Angst vor dem Verlassenwerden

  • impulsives Verhalten (z. B. riskanter Konsum, selbstschädigendes Verhalten)

  • chronisches Gefühl von innerer Leere

  • instabiles Selbstbild

  • wiederholte Selbstverletzungen oder suizidale Krisen

Die Symptome beginnen meist im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter und können im Verlauf schwanken. Ursache ist eine Kombination aus mehreren Faktoren, darunter genetische Vulnerabilität, neurobiologische Faktoren und belastende Beziehungserfahrungen. Die Behandlung erfolgt in erster Linie psychotherapeutisch, insbesondere mit störungsspezifischen Verfahren wie der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT).

Wie haben Sie Ihre Borderline Erkrankung erlebt, Joelle Westerfeld?

sanego: Menschen mit Borderline sollen ihre Gefühle bis zu neunmal stärker wahrnehmen. Wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie wirklich anders fühlen als andere und deshalb ganz andere Herausforderungen haben?

Joelle Westerfeld: Als Mädchen, ungefähr seit ich elf war, habe ich meine Gefühle und Gedanken als Gedichte und Texte in meinem Tagebuch verschriftlicht. In meinen späteren Teenagerjahren habe ich diese Texte immer wieder gelesen und war selbst darüber schockiert, dass eine zwölfjährige so fühlt und schreibt. Mir war schon früh bewusst, dass ich Gefühle wie beispielsweise Schuld auf eine Weise fühle, die nicht „normal“ ist. Ich wusste nur nicht, wie ich mit diesem Wissen umgehen sollte. Es hat dazu geführt, dass ich mit niemandem über meine Gefühle gesprochen habe, sondern sie in mir versteckt hielt, so gut es ging.

sanego: Gab es einen Moment oder eine Behandlung, von der Sie rückwirkend sagen würden: Ab da habe ich meinen Weg gefunden?

Joelle Westerfeld: Ich könnte sicher einen einzelnen Moment finden, der prägend war. Tatsächlich hat mich aber die Gesamtsituation dahingeführt, wo ich bin: jede Diagnose, jede Therapie, auch die, die ich abgebrochen habe, jeder Zusammenbruch und jeder einzelne Kampf, den ich geführt habe, um wieder aufzustehen. Ich habe auf meinem Weg glücklicherweise viel richtig gemacht, zum Beispiel niemals chemische Drogen angefasst. Substanzmissbrauch kann Krankheitsverläufe massiv verschlimmern. Bei anderen Dingen hatte ich Glück, zum Beispiel, dass ich immer liebende Menschen um mich herum hatte und habe.

Buchcover Extrem fühlen
Buchcover Extrem fühlen | © Rowohlt

Wie ist es mit Borderline in der Öffentlichkeit zu stehen?

sanego: Viele Jahre haben Sie nicht über Ihre Erfahrungen mit Borderline gesprochen. Warum haben Sie sich entschieden, sie öffentlich zu machen?

Joelle Westerfeld: Als Journalistin habe ich oft an sehr persönlichen Themen gearbeitet. Über Borderline wollte ich erst jedoch nicht sprechen. Aus Angst, verurteilt zu werden, keine Jobs mehr zu finden, einen Stempel zu kriegen. Im Endeffekt war es die Aktivistin in mir, die gesagt hat: Du hast eine Plattform und du kannst sie nutzen, um gegen Vorurteile zu kämpfen. Ich möchte außerdem ein Positivbeispiel für Betroffene sein und ihnen zeigen, wo das Leben einen hinführen kann, trotz Krankheit. Ich hätte das vor 5 oder 10 Jahren gut gebrauchen können, als ich dachte, dass das Leben nichts mehr für mich bereithält.

sanego: Mit welchen Vorurteilen gegenüber Borderline wurden sie konfrontiert?

Joelle Westerfeld: Ich denke, mir sind die gängigen Vorurteile begegnet: Von Menschen mit Borderline solle man sich fernhalten, Borderliner:innen sind per se beziehungsunfähig, für immer krank oder wollen bloß Aufmerksamkeit. Was mir auch häufig begegnet, ist: „Wow, das hätte ich bei dir ja gar nicht gedacht!“ Daran lässt sich erkennen, dass viele die Krankheit missverstehen. Bei vielen Betroffenen spielen sich ein Großteil der Symptome im Innen ab und sind für Freunde und Freundinnen, Arbeitskollegen und Arbeitskolleginnen etc. nicht erkennbar.

sanego: Gab es auch positive Entwicklungen, seit Sie offen über Boderline sprechen?

Joelle Westerfeld: Definitiv, sogar deutlich mehr als negative. Mir sagen und schreiben sehr regelmäßig Menschen, dass ihnen mein offener Umgang mit dem Thema hilft. Diese Momente und Nachrichten sind sehr emotional und sehr, sehr schön. Viele sagen mir, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben verstanden fühlen. Genau dafür mache ich das alles. Es gibt schöneres, als sich mit meiner psychischen Krankheit in die Öffentlichkeit zu stellen. Ich bin ausgebildete Journalistin und könnte mich auch anderen Themen widmen. Aber: wenn das Erzählen meiner Geschichte am Ende des Tages nur einer einzigen Person hilft, dann habe ich alles erreicht.

Joelle Westerfeld

arbeitet als freie Journalistin in Hamburg und Frankfurt. Sie ist besonders für ihr Engagement zu Themen wie Körperakzeptanz, mentaler Gesundheit und Feminismus bekannt. So berichtet sie unter anderem immer wieder über ihre Erfahrungen mit Borderline.

Tipps für Borderline Betroffene und Angehörige

sanego: Was möchten Sie Betroffenen zum Thema Borderline mit auf den Weg geben?

Joelle Westerfeld: Du bist wertvoll, du wirst geliebt, und es wird besser werden. Versprochen.

sanego: Was ist aus Ihrer Sicht für Angehörige wichtig?

Joelle Westerfeld: Es ist wichtig, extreme Gefühle in ihrer Intensität anzuerkennen. Damit meine ich nicht, dass jegliches Verhalten immer akzeptiert werden muss. Sondern: Angehörige können vielleicht nicht nachvollziehen, wie ihr Gegenüber in einer schwierigen Situation fühlt, trotzdem sind die Gefühle real. Sätze wie „du übertreibst“ oder „stell dich nicht so an“ können Situationen und Selbstbild stark negativ beeinflussen. In meiner schweren Krankheitsphase habe ich mir von besonders nahestehenden Person gewünscht, dass sie sich mit der Krankheit auseinandersetzen. Auch, damit sie eine Idee haben, was in extremen Anspannungszuständen mit mir los ist.

sanego: Heute wird diskutiert, ob Borderline ähnlich wie Autismus und ADHS als Spektrum verstanden werden sollte. Wie stehen Sie zu dieser Diskussion?

Joelle Westerfeld: Es ergibt insofern Sinn, dass Borderline sich bei verschiedenen Betroffenen extrem unterschiedlich äußern kann, ähnlich wie Autismus oder ADHS. Auch der Begriff der Persönlichkeitsstörung ist möglicherweise veraltet, führt zu Stigmatisierung und ist schmerzhaft. Andererseits bin ich keine Ärztin. Ich versuche, mich nicht übermäßig viel mit Labels zu befassen. Für mein persönliches Erleben spielt dieser Diskurs keine besondere Rolle.

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