Wer Übergewicht hat, isst zu viel und sollte sich einfach mehr bewegen.“ – ein weit verbreitetes Vorurteil, das viele Betroffene immer wieder zu hören bekommen. Oft stecken ganz andere Ursachen dahinter, die wir auf einen flüchtigen Blick nicht beurteilen können. So wie bei Julie. Sie hat Lipödem – eine Fettverteilungsstörung, die nicht nur für besonders dicke Oberschenkel oder Oberarme sorgt, sondern vor allem starkes Druckgefühl und Schmerzen verursacht.
Lipödem bezeichnet eine Fettverteilungsstörung. Bei Betroffenen vermehren sich die Fettzellen in Oberschenkeln und Oberarmen unverhältnismäßig stark. Mit der Zeit bekommt die Hautoberfläche Dellen, das Gewebe wird knotiger und härter. Zudem werden die kleinsten Blutgefäße, die Kapillaren, dünner und durchlässiger, was Wassereinlagerungen begünstigt.
Anzeichen für ein Lipödem können sein:
plötzliche Gewichtzunahme an Beinen und Armen
Das Gewebe spannt und schmerzt
Beine und / oder Arme sind druckempfindlich und bekommen leicht blaue Flecken
Nach langem Stehen oder Sitzen schmerzen die Beine • Arme und Beine sind oft kalt
Obwohl die chronische Erkrankung heute wesentlich bekannter ist, als noch vor einigen Jahren, begegnen Julie auch heute noch viele Vorurteile dazu. Was das Lipödem für ihren Alltag bedeutet und welche Maßnahmen ihr am besten gegen die Beschwerden geholfen haben, hat sie uns im Interview erklärt.
Wie sah Ihr Weg zur Diagnose Lipödem aus, Julie?
sanego: Wann haben Sie das erste Mal von Lipödem gehört?
Julie: Das erste Mal von Lipödem habe ich schon vor über 10 Jahren gehört. Damals war das - zumindest in meinem Empfinden - noch gänzlich unbekannt und wurde oft als Ausrede abgetan, dass man einfach zu viel isst und sich zu wenig bewegt.
sanego: Und wann war da der Gedanke: Vielleicht bin ich selbst davon betroffen?
Julie: Ziemlich lange dachte ich, ich bin einfach furchtbar unsportlich, weil meine Beine bei Anstrengung so schnell schmerzen und ich unglaublich schnell Blutergüsse bekomme. Als dann Druckschmerzen dazu kamen, sobald ein kleiner Kinderzeh den Oberschenkel piekste oder eine Falte im Bettlaken mich wach hielt, habe ich angefangen zu recherchieren und war mir ziemlich schnell sicher, dass ich davon auch betroffen bin.
sanego: Wie war Ihr Weg zu einer Diagnose? Haben Sie gleich den richtigen Ansprechpartner gefunden?
Julie: Nachdem auch Ärzte und Ärztinnen oftmals einfach nur mein Übergewicht zum Thema machten, statt sich um die wirklichen Ursachen zu kümmern, habe ich das ziemlich lange mit mir selbst ausgemacht, bevor ich vor ein paar Jahren die Empfehlung einer langjährigen Bekannten zu einem Arzt bekam, der weder fettfeindlich noch voreingenommen war. Dieser Arzt ist kein Phlebologe, aber selbst betroffen, hatte ziemlich schnell einen Termin frei und hat mir die Diagnose, von der ich insgeheim schon lange selbst wusste, gestellt.
sanego: Wie haben Sie sich nach der Diagnose gefühlt?
Julie: Für mich war die Diagnose erleichternd. Endlich konnte ich auch klipp und klar "mit Arzt und Siegel" sagen, dass das nicht einfach nur "angefressen", sondern krankhaftes Fettgewebe ist. Die Schmerzen meiner Beine waren damit einfach keine Ausrede mehr, sondern medizinisch bestätigt. Auch, wenn es sich erstmal krass anhört, chronisch krank zu sein, ist eine Diagnose immerhin etwas, womit man arbeiten kann.
ist sechsfache Mutter und berichtet auf Instagram als @madam_puddingklecks vom Alltag in ihrer Großfamilie. Sie spricht dort nicht nur offen über die Herausforderungen des Familienalltags, sondern auch über ihre Erfahrung mit Lipödem und Migräne, um Vorurteile abzubauen.
Welche Lipödem Symptome haben Sie?
sanego: Wie beeinflusst das Lipödem Ihren Alltag?
Julie: Tatsächlich nimmt diese Krankheit, genauso wie meine Migräne, einiges an Raum ein. Ich achte streng auf meine Ernährung, bewege mich viel, bin aber auch oft erschöpft, weil das Lipödem viel Energie saugt, da sie eine stille Entzündung im Fettgewebe beinhaltet. Der Körper kämpft quasi ständig damit. Meinen Kindern fällt das aber höchstens auf, wenn ich abends erschöpft auf dem Sofa sitze oder sie im Urlaub mit meinem Mann den Berg erklimmen, während ich in meinem Tempo mit vielen Pausen nachtrotte. Und natürlich frustriert es, wenn man manchmal einfach nicht so kann, wie man es gern hätte.
sanego: Sie zeigen ganz offen Ihren Körper und berichten über Ihre Lipödem-Diagnose. Warum haben Sie entschieden, in der Öffentlichkeit darüber zu sprechen?
Julie: Gerade auf Social Media wird so viel "gefiltert", wegretuschiert und bearbeitet, dass es mir eine Herzensangelegenheit ist, echte Körper in einem echten Umfeld zu zeigen. Ohne Glättung. Mein Körper trägt mich durch dieses Leben, hat 6 Kinder geboren und vollbringt Höchstleistung. Und genau das will ich vermitteln. Unsere Figur, die Zahl auf der Waage, sagt nichts über unseren Wert oder Charakter aus. Die Sehgewohnheiten müssen sich weg von diesen patriarchal pädophil geprägten Schönheitsidealen (nämlich möglichst zart, ohne Körperbehaarung oder Alterungserscheinungen) wegentwickeln. Wir sind alle unterschiedlich und das ist unglaublich gut so!
sanego: Wie waren die Reaktionen darauf?
Julie: Die, denen das meist sauer aufstößt, sind tatsächlich Männer. Dabei sind wir im Jahr 2026 und wissen eigentlich, dass man fremde Körper nicht bewertet und Menschen aufgrund ihrer Optik nicht beleidigt. Von Frauen bekomme ich allerdings sehr viel Zuspruch, weil sie sich durch mich endlich gesehen fühlen in einer scheinbar perfekten Social Media Welt.
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Welche Maßnahmen gegen das Lipödem helfen Ihnen?
sanego: Auf Instagram berichten Sie auch darüber, was Sie schon alles gegen das Lipödem unternommen haben. Was hat Ihnen bisher am besten geholfen?
Julie: Wir leben als Familie seit einigen Jahren vegan. Mittlerweile ernähre ich mich zudem ketogen, um sämtliche "Trigger" für das Lipödem so klein wie möglich zu halten. Alles, was entzündungsfördernd ist, wie bspw. Weizen oder Zucker, wird komplett gemieden. Dafür gibt es für mich eine große Auswahl an Nussmusen, grünem Gemüse, Tofu und Beeren. Das klingt im ersten Moment sehr spartanisch, hilft aber ungemein. Außerdem gehe ich jeden Tag meine 6-10 Tausend Schritte, weil das den Lymphfluss anregt und die Beine leichter macht. Mittlerweile bleibt auch die Erschöpfung nach der großen Morgenrunde aus. Und ich versuche, Stress zu meiden. Denn durch Stress wird Cortisol ausgeschüttet, das wieder Wasser bindet und so Spannung in die Beine bringt. Bewegung, Ernährung und Stressmanagement sind die Schlüssel, die mir nun bisher wirklich am effektivsten helfen.
sanego: Welche Tipps zum Lipödem können Sie nicht weiterempfehlen?
Julie: "Iss einfach, worauf du Lust hast", war einer der dümmsten Ratschläge überhaupt. Wenn ich das machen würde, würde ich noch immer dauererschöpft mit Schmerzen auf dem Sofa sitzen, statt aktiv am Leben teilzunehmen. Auch die meisten Ärzte und Ärztinnen haben keine bis kaum Ahnung von der Erkrankung und raten dann einfach völlig absurde Dinge an, wie FDH oder einfach mehr Krafttraining. Diese Krankheit ist noch immer stigmatisiert als "zu faul für gesunde Ernährung und Bewegung", auch oder gerade bei medizinischem Personal. Sich davon einschüchtern zu lassen und zu resignieren kann ich nicht empfehlen. Das hat mich einiges an Zeit gekostet, bis ich da die Kurve raus bekommen habe.
sanego: Gibt es sonst etwas, was Betroffene über das Lipödem wissen sollten?
Julie: Lipödem ist nicht bei allen mit den gleichen Ausmaßen oder Schmerzen. Auch sehr schlanke Menschen können davon betroffen sein. Mir hat die KI bisher (leider) besser weitergeholfen als jeder Arzt, was Ernährung, Stressmanagement und Sport angeht, um die Krankheitssymptome zu mildern. Wichtig ist einfach, dass du weißt: An dir ist nichts falsch, du bist einfach chronisch krank und dein Körper muss dementsprechend anders - und mit ebenso viel Liebe wie ein gesunder - behandelt werden. Ich bin nicht meine Krankheit, sie ist ein Teil von mir, mit dem ich gut leben kann, solange ich sie in die Schranken weise.
