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Leben mit Schizophrenie: Niko Andrija Rukavina über seine Schizophrenie-Erkrankung im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Aktualisiert: 09.03.2026

Lesezeit: 10 Min.

Symptome | Behandlung | Krankheiten

Ein Frau betrachtet ihr Gesicht in einem zerbrochenen Spiegel.
Anders als viele denken, ist Schizophrenie keine dissoziative Identitätsstörung (DIS), sondern zeigt eigene Symptome und Herausforderungen. | © Kirsten D/peopleimages.com - stock.adobe.com

Über Schizophrenie gibt es viele Vorurteile. Nur die Wenigsten wissen, was hinter dem Begriff steckt und wie sich die Erkrankung äußert. Das will Niko Andrija Rukavina ändern. Er ist selbst an Schizophrenie erkrankt. Auf seinem Blog und in seinem Buch „Die Seele will gesund werden“ berichtet er deshalb über seine Erfahrungen mit Schizophrenie und will Betroffenen Mut machen.

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Was ihn dazu gebracht hat, über seine Schizophrenie-Erkrankung offen zu sprechen und wie sein Alltag damit aussieht, hat er uns im Interview erklärt.

sanego: Über Schizophrenie gibt es viele Vorurteile. Wie würden Sie die Krankheit beschreiben?

Niko Andrija Rukavina: Ein klassisches Missverständnis ist, Schizophrenie sei eine Persönlichkeitsspaltung. Das ist aber Unsinn. Das ist ein völlig anderes Krankheitsbild. Zudem hört man immer wieder von Messerattacken im Zusammenhang mit Schizophrenie und man bekommt von den Medien den Eindruck diese Menschen seien gefährlich. Dabei sind nur etwa 3 % der schizophrenen Menschen fremdaggressiv (Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, 2022) und zeichnen sich eher durch starkes Misstrauen und Ängste aus.

Angst ist auch in meiner Krankheitsgeschichte ein großes Thema, das mich bis heute im Rahmen einer generalisierten Angststörung begleitet. Das Gehirn (genauer gesagt die Amygdala) scannt die Umgebung und das Innenleben nach potenziellen Gefahren und schlägt Alarm, wo objektiv keine Bedrohung herrscht. Schon ein Telefonanruf kann starke Ängste auslösen, weil man Sorge hat, eine Situation könnte eintreten, die nicht bewältigt werden kann. Insbesondere bei Geldsorgen.

Dazu kommen heftige Zwangsgedanken mit sexuellen, aggressiven und blasphemischen Inhalten, die auf mich einprasseln, wenn es mir nicht gut geht. Dann ist es so, als suche sich das Gehirn die schlimmstmöglichen Gedanken, die es nur finden kann. Es ist ein regelrechter Zwang.

Früher war auch das Thema Wahn eine große Belastung für mich. Wahn sind Überzeugungen, die die Allgemeinheit nicht teilt (eine private Realität). Ich habe in meinen vielen Psychosen zum Beispiel den Gedanken gehabt, ich sei Gott und müsse das Universum neu erschaffen, oder ich dachte ich sei in der Matrix oder ich kommunizierte in meinem Kopf mit Gott oder dem Universum. Mittlerweile habe ich wie einen eingebauten Warnblinker, der solche wahnhaften Gedanken erkennt und ich „falle nicht mehr darauf rein“. Zum Beispiel höre ich in einer Radiosendung etwas, was ich auf mein Leben beziehe und dann denke ich: „Stopp! Psychose“

Viele Menschen haben darüber hinaus akustische oder visuelle Halluzinationen. Die hatte ich zum Glück nie.

Niko Andrija Rukavina

erhielt 2006 die Diagnose „paranoide Schizophrenie“. Er berichtet offen über seine Erfahrungen damit und engagiert sich für psychisch kranke Menschen. Daneben arbeitet er seit 2011 als Web-Entwickler und User Experience Designer.

Wie sieht Schizophrenie im Alltag aus?

sanego: Welche Einschränkungen erleben Sie im Alltag?

Niko Andrija Rukavina: Ich kann leider nicht so viel leisten und bin nicht so belastbar wie ich es gerne hätte. Das musste ich erst einmal lernen zu akzeptieren. Zudem bin ich mit sozialen Situationen oder Verabredungen in der Stadt oder auch zuhause schnell reizüberflutet und überfordert. In den letzten Monaten und Jahren habe ich mich bei solchen Terminen sehr unwohl gefühlt und musste oft abbrechen und mich ins Schlafzimmer zurückziehen oder früher nach Hause, wo ich mich sicher fühle. Etwa einmal die Woche habe ich eine psychische Krise mit heftigen Zwangsgedanken. In so einem Fall muss ich mein Notfallmedikament Diazepam nehmen. Auch Menschenmengen und Einkaufen ist sehr stressig für mein sensibles Nervenkostüm. Wenn ich überlastet bin, spielt mein Gehirn verrückt und produziert gedanklichen Müll und Grübel-Schleifen, die nicht hilfreich sind. In solchen Situationen bin ich auf der Couch festgenagelt und traue mich nicht, irgendwas zu machen oder mich abzulenken. Fast immer kann ich aber irgendwann einschlafen und am nächsten Morgen ist der Spuk dann vorbei. Aber wenn es mir richtig schlecht geht, liege ich im Bett und habe heftige Zitteranfälle und muss in mein Kopfkissen schreien, weil der innere, psychische Druck raus muss.

sanego: Und was hilft Ihnen, damit umzugehen?

Niko Andrija Rukavina: Die Medikamente sind eine große Unterstützung und helfen mir insbesondere bei wahnhaften Gedanken. Ansonsten habe ich das therapeutische Schreiben für mich entdeckt. Ich schreibe sehr viel Tagebuch und habe seit 2023 einen Blog, auf dem ich regelmäßig Beiträge über Tipps, Tricks und Bewältigungsstrategien für Betroffene und Angehörige poste. Dazu habe ich mein Buchmanuskript „Die Seele will gesund werden“ fertiggestellt und am 9.3.26 kommt das Buch auf den Markt. Schreiben ist also ein wichtiger Teil meiner mentalen Gesundheit. Ein anderer Punkt ist das Thema Glaube. Insbesondere bei Sorgen hilft mir der Gedanke, dass ich die Kontrolle an eine höhere Macht abgeben kann, die es gut mit mir meint. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche und singe in der Kirchenband. Die Gemeinschaft ist eine große Unterstützung und ich mag die schönen Lieder und die Predigten. Das ist Balsam für meine Seele.

Dazu versuche ich jeden Tag meine Morgenroutine und meine Tagesstruktur einzuhalten, jeden Tag mache ich eine „Stunde für mentale Gesundheit“ mit Tanzen, schreiben, heiß duschen, Body Scan, progressive Muskelrelaxation und 10 Minuten formale Sitzmeditation. So bleibe ich die meisten Tage stabil. Faulenztage sind aber auch mal erlaubt. Lesen hilft mir mich abzulenken und auch das Malen in meinem Malbuch. Wenn ich mich mal richtig gut fühle, singe ich oder spiele E-Gitarre. Da komm ich in den Flow.

Buchcover Die Seele will gesund werden
Buchcover Die Seele will gesund werden | © Vandenhoeck & Ruprecht

sanego: Gibt es Therapien oder Behandlungsansätze, die Ihnen besonders gut geholfen haben?

Niko Andrija Rukavina: Ich empfand die Acceptance Commitment Therapy als sehr hilfreich. Da geht es darum achtsam das Leben anzunehmen und bereit zu sein, schlechte Gedanken zu haben. Auch das Thema Werte spielt dabei eine wichtige Rolle.

Bewegungstherapie und Frühsport finde ich auch sehr sinnvoll. Dazu Tai-Chi, Qi-Gong und Yoga.

Aber vor allem das therapeutische Schreiben. Improvisationstheater für psychisch Kranke ist auch ein spannendes Thema (drama therapy).

Ich gehe gerne in den Wald und die Natur. Waldbaden ist auch eine anerkannte Therapieform.

Was sollten Angehörige und Freunde über Schizophrenie wissen?

sanego: Wie hat Ihr Umfeld auf die Diagnose reagiert?

Niko Andrija Rukavina: Die meisten Freunde versuchten, mich zu unterstützen so gut sie konnten. Mein Ex-Freundin hat mich durch eine lange schwierige, Phase sehr gut und verständnisvoll begleitet. Manche Freunde haben sich irgendwann von mir abgewandt, das gehört dazu. Sie wollten sich irgendwann nicht mehr so viel Sorgen um jemanden machen. Meine Mutter hat mit wenig Verständnis reagiert, weil sie meine Krankheit an meinen Vater erinnert hat, der auch psychisch krank war. Sie war immer für mich da, aber fühlte sich oft macht und hilflos, wurde manchmal wütend und machte sich viele Vorwürfe, was sie falsch gemacht haben könnte.

sanego: Was sollten Angehörige über Schizophrenie wissen?

Niko Andrija Rukavina: Schizophrene Menschen sind nicht so belastbar wie gesunde Menschen und bei zu vielen Reizen wie einem gemeinsamen Abendessen sind sie schnell überfordert. Dazu haben sie ein großes Ruhebedürfnis und müssen sich viel erholen. Zu viel Ruhe (im Rahmen der „Negativ-symptomatik“ die Ähnlichkeit mit einer Depression hat) ist aber auch nicht gut. Sie haben oft einen hohen Leidensdruck und versuchen am Leben teilzuhaben, so gut es eben geht. Hier sollte man Rücksicht nehmen, wenn der Angehörige mal etwas absagt. Er/Sie gibt sein/ihr Bestes.

sanego: Haben Sie einen Rat, wie Angehörige Betroffene am besten unterstützen können?

Niko Andrija Rukavina: Wahnideen geduldig entkräften, den kranken Menschen in seiner Lebensrealität und seinem Leiden annehmen und respektieren, einen „safe space“ bieten, akzeptieren dass der kranke Mensch (wenn er erwachsen ist) selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist. Man kann ihn/sie nur gelassen begleiten, nicht heilen. Es ist für Angehörige wichtig, die eigenen Grenzen zu wahren und zum Beispiel andere Freunde zu treffen, um die Batterien wieder aufzuladen. Es ist niemandem geholfen, wenn alle gemeinsam in einen Abgrund stürzen. Wenn Sie Schizophrenie kranke Kinder haben, machen Sie sich bitte keine Vorwürfe und grübeln darüber was schiefgelaufen ist. Das nützt niemandem.

Manche Menschen „erwischt“ es einfach und das muss man akzeptieren. Im Alltag, wenn man mit dem Erkrankten zusammenwohnt, einfache Aufgaben wie Einkaufen oder Staubsaugen oder Abspülen teilen. Das hilft dem Kranken weg von der seelischen Fixierung auf sich selbst.

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Wie ist es, mit Schizophrenie in der Öffentlichkeit zu stehen?

sanego: Warum haben Sie entschieden, öffentlich über Ihre Diagnose zu sprechen?

Niko Andrija Rukavina: Ich möchte kranken Menschen Mut machen. Wenn ich es schaffe Menschen zu helfen eine Hospitalisation, eine psychotische Episode zu vermeiden oder ihnen Hoffnung machen kann, dann war all das Leid, was ich erleben musste, nicht umsonst, sondern hat einen Sinn. Mit meinem Buch möchte ich auch Fachleuten einen einfühlsamen Blick auf meine Erkrankung geben, damit sie kranke Menschen besser verstehen und ihnen gezielter helfen können. Ich glaube daran, dass mit dem richtigen Wissen und der richtigen Einstellung zwar nicht immer eine 100%-ige Genesung, aber eine deutlich bessere Lebensqualität erreicht werden und viel Leid vermieden werden kann. Als ich 2006 krank wurde, hat es ein Jahr gedauert, bis ich professionelle Hilfe bekam, denn ich wusste gar nicht, was eine Schizophrenie überhaupt ist und so geht es vielen neu erkrankten Menschen.

Ich bin der Ansicht, dass man schon in der Schule als junger Mensch schon mal davon gehört haben sollte, dass es so etwas gibt. Alles andere wäre grob fahrlässig. Auch über Schizophrenie im Beruf will ich aufklären. Kranke Mitarbeiter:innen rechtzeitig zu begleiten ist wesentlich wirtschaftlicher als Trennung und Neubesetzung. Dafür muss es aber ein besseres Verständnis für die typischen Symptome einer Schizophrenie in Beruf und Gesellschaft geben. Nur so können kranke Menschen weiter ein Teil der Gesellschaft sein statt ausgegrenzt und diskriminiert zu werden. Das sehe ich als meine Mission und meinen Auftrag, daher mein Schritt in die Öffentlichkeit mit meinem Buch.

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sanego: Welchen Vorurteilen begegnen Ihnen seitdem und wie gehen Sie damit um?

Niko Andrija Rukavina: Ich habe tendenziell eher positive Rückmeldungen zu meiner Arbeit bekommen. Sowohl von Betroffenen als auch von Angehörigen und Fachpersonal. Ich gebe vielen kranken Menschen eine Stimme in dem ich meine eigene Geschichte mit der Krankheit erzähle. Zum Beispiel in diesem Interview mit mir mit psychcast und dr. jan dreher.

sanego: Was würden Sie anderen Betroffenen gerne mit auf den Weg geben?

Niko Andrija Rukavina: Nicht aufgeben, es wird besser! Mit der richtigen Medikation, den richtigen Tools und einer geduldigen Einstellung. Das dauert alles seine Zeit. Aber in jeder Krise steckt eine Chance. Hätte ich die Krankheit nicht gehabt, ich hätte nie mein Schreibtalent und meine Berufung, kranken Menschen zu helfen, entdeckt. Ich hätte nicht diese Disziplin und Empathie, die ich heute habe. Auch zum Glauben hätte ich nicht gefunden. Man muss akzeptieren, wenn manche Freunde, Freundinnen und Bekannte sich abwenden, das gehört dazu. Pflegen Sie ihr soziales Netzwerk, dieses ist sehr wichtig für die Genesung. Vertrauen Sie den Ärzten und Ärztinnen und verhandeln Sie Medikamentenänderungen auf Augenhöhe; nie eigenmächtig absetzen, wenn man denkt man braucht die Tabletten nicht mehr. Sonst ist ein Rückfall vorprogrammiert. Wenn eigen- oder Fremdgefährdung droht auf jeden Fall mit Fachpersonal darüber sprechen, bevor etwas passiert, was hätte vermieden werden können. Rechtzeitig ins Krankenhaus gehen, wenn die Situation eskaliert, im Zweifelsfall die 112 wählen und auf Hilfe warten.

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