Ob Zahnfüllung, grippaler Effekt oder wichtige Operation, wer stillt und eine ärztliche Behandlung benötigt, steht vor der Frage: Muss ich jetzt abstillen?
Zum Thema Stillen und Medikamente gibt es viele widersprüchliche Informationen. Immer wieder berichten Frauen von Fachärzten und Fachärztinnen, die zur Sicherheit zum Abstillen vor einer Behandlung raten. Stillexperten und Stillexpertinnen sagen dagegen, dass es in den meisten Fällen nicht nötig ist. Was ist in Sachen Medikamenten beim Stillen erlaubt und was nicht?
Darf ich beim Stillen Medikamente einnehmen?
„Über 90 % Prozent aller Medikamente sind mit dem Stillen vereinbar.“, meint Dr. med. Wolfgang E. Paulus, Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie an der Universitätsfrauenklinik Ulm. Für die meisten Beschwerden gibt es stillverträgliche Medikamente. Oft lohnt sich also die Suche nach einer Alternative, wenn sich ein Wirkstoff nicht eignet.
Neben der Anwendungsdauer und der Dosis kommt es bei Medikamenten während der Stillzeit auch auf das Alter des Kindes an. Insbesondere Frühgeborene und voll gestillte Säuglinge in den ersten zwei Monaten müssen besonders geschützt werden. Bei älteren gestillten Kindern sind auch deutlich mehr Wirkstoffe und Medikamente anwendbar.
Worauf sollte ich bei der Medikamenteneinnahme in der Stillzeit achten?
Zunächst sollte natürlich geprüft werden, ob der ausgewählte Wirkstoff ungefährlich für das gestillte Kind ist. Dr. Paulus erklärt: „Die Beipackzettel vieler Arzneimittel verunsichern häufig durch den pauschalen Hinweis, dass für die Stillzeit keine Daten vorlägen.“ Hier können Arztpraxen, Apotheken und Hebammen weiterhelfen, aber auch spezielle Stillberater:innen. Zusätzlich gibt es für die Stillenden selbst, aber auch Fachkräfte wie Ärzte und Ärztinnen Informationen bei den Beratungsstellen www.embryotox.de und www.reprotox.de.
Abgepumpt und entsorgt muss Muttermilch während der Einnahme von Medikamenten nur selten. Wird ein Wirkstoff schnell im Körper abgebaut, können zusätzlich Stillabstände sinnvoll sein. Ein fester Abstand zwischen der Einnahme und der Stillmahlzeit kann die Belastung des Kindes über die Muttermilch senken. Auch hierzu sollten Sie sich aber im Voraus beraten lassen.
Wo finde ich stillfreundliche Hilfe?
Apotheken sind auch für Stillende die wichtigste Anlaufstelle bei Fragen zu Medikamenten. Der Verein Babyfreundliche Apotheke e. V. zertifiziert deshalb Apotheken in ganz Deutschland, die großen Wert auf eine kompetente Beratung für Schwangere und Stillende legen. Für Kliniken empfiehlt Dr. Paulus: „babyfreundlich, zertifizierte Kliniken, die sich zu stillfreundlichen Standards verpflichten. Unter www.babyfreundlich.org kann man gezielt nach Postleitzahl suchen.“
Die Universitätsfrauenklinik Ulm bietet zusätzlich mit www.reprotox.de, die Charitee in Berlin mit www.embryotox.de eine Beratungsstelle an. Dort bekommen Fachkräfte und Laien Informationen, zum Beispiel über einen Online Fragebogen oder in der telefonischen Sprechstunde. So können Sie etwa nachfragen, ob in Ihrem individuellen Fall abstillen nötig ist oder es vielleicht eine Alternative gibt.
Welche Medikamente sollte ich beim Stillen auf keinen Fall nehmen?
„Müssen z. B. bei Tumortherapien der stillenden Mutter Zytostatika oder radioaktive Substanzen verabreicht werden, wäre dies mit dem Stillen im Allgemeinen nicht vereinbar. Auch bei hochdosierten Kombinationstherapien mit Psychopharmaka sollte man die Lage individuell beleuchten.“, meint Dr. med. Wolfgang E. Paulus.
Dringend erforderliche Behandlungen sollten dennoch nie aus Sorge vor belasteter Muttermilch unterlassen werden. „Es gilt immer das Prinzip: „So wenig wie möglich, so viel wie nötig“, so Dr. Paulus. Wenn Sie unsicher sein sollten, welche Entscheidung in Ihrem Fall die richtige ist, wenden Sie sich am besten an die genannten Beratungsstellen.
Häufig gesuchte Medikamente während der Stillzeit
Interview mit Dr. med. Wolfgang E. Paulus, Pränatalmediziner und Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie an der Universitätsfrauenklinik Ulm (reprotox)
sanego: Kann ich Ibuprofen während dem Stillen einnehmen?
Dr. med. Wolfgang E. Paulus: Ibuprofen gilt neben Paracetamol als Schmerzmittel der ersten Wahl in der Stillzeit. Ibuprofen geht nur geringfügig in die Muttermilch über. Ein Säugling nimmt über die Muttermilch 0,0008% der mütterlichen Dosis pro kg Körpergewicht auf. Tagesdosen bis 1.800 mg sind in der Stillzeit akzeptabel.
sanego: Kann ich Kombipräparate gegen Erkältungen wie Aspirin complex beim Stillen einnehmen?
Dr. med. Wolfgang E. Paulus: Orale Kombipräparate mit gefäßverengenden Wirkstoffen aus der Gruppe der Sympathomimetika sollten vermieden werden, da sie die Milchproduktion verringern. Es wurde festgestellt, dass Pseudoephedrin (z. B. in Aspirin complex) die Milchproduktion bereits nach einmaliger Einnahme deutlich reduziert. 20 % der Säuglinge, die Pseudoephedrin über die Muttermilch ausgesetzt waren, litten unter Reizbarkeit.
sanego: Kann ich Nasenspray in der Stillzeit nutzen?
Dr. med. Wolfgang E. Paulus: Abschwellende Nasensprays (z. B. mit Xylometazolin) sind für die Anwendung in der Stillzeit sicher. Die lokale Verabreichung und die begrenzte Aufnahme durch die Mutter führen bei moderaten Dosen nicht zu einer relevanten Belastung des Säuglings über die Muttermilch. Die Therapiedauer soll allerdings 5 bis 7 Tage nicht überschreiten, da sonst eine vom Medikament ausgelöste Schädigung der Nasenschleimhaut auftreten kann.
