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/ Wie Sie Ihr Gehör pflegen und Hörbeschwerden vermeiden. Osteopathen und Hörexperten Tobias Knop und Daniel Niehaus im Interview

Wie Sie Ihr Gehör pflegen und Hörbeschwerden vermeiden. Osteopathen und Hörexperten Tobias Knop und Daniel Niehaus im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Aktualisiert: 28.10.2024

Lesezeit: 9 Min.

Behandlung | Mein Körper

Mann mit grauem Bart. Brille und kariertem Fedora hält sich die Hand hinter das Ohr, um besser zu hören.
Erst wenn das Hörvermögen nachlässt, merken wir, wie wichtig unser Gehör für den Alltag ist. | © Yakobchuk Olena - stock.adobe.com

Ob sanftes Vogelzwitschern oder lautes Hupen, unsere Ohren nehmen alle Geräusche in der Umgebung war. Doch lässt das Hörvermögen nach, kann das Ihren Alltag nachhaltig beeinflussen. Die Osteopathen Daniel Niehaus und Tobias Knop beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Hörbeschwerden und Hörschwächen. Betroffene von Hörminderung, Tinnitus oder Ohrgeräuschen kommen in Ihre Praxis, um die Auswirkungen zu reduzieren.

Die Erkenntnisse daraus haben Sie in Ihrem Buch „Neustart für das Gehör - Warum dein gesamter Körper von einem gesunden Hörvermögen profitiert und wie du es mit ganzheitlichen Maßnahmen optimal unterstützt“ aus dem Riva Verlag zusammengefasst. Wie Ihr Lebensstil das Hören beeinflusst und welche Tipps und Übungen helfen können, erfahren Sie in diesem Interview.

"Neustart fürs Gehör" ist bei folgenden Shops erhältlich:

sanego: Welche Bedeutung hat das Hören für unsere Gesundheit?

Tobias Knop: Hören ist essentiell für unsere Gesundheit, weil es weit mehr leistet, als nur Geräusche wahrzunehmen. Unser Gehör ist tief mit verschiedenen körperlichen Funktionen verknüpft, die unsere Lebensqualität maßgeblich beeinflussen. Ein gut funktionierendes Gehör trägt nicht nur dazu bei, dass wir Informationen aufnehmen und klar kommunizieren können, es spielt auch eine zentrale Rolle für unsere kognitive Gesundheit. Durch das ständige Hören werden geistige Prozesse angeregt und gefördert, was besonders wichtig ist, um unser Gehirn fit und aktiv zu halten.

Soziale Interaktionen sind stark vom Hören abhängig, da wir durch das Zuhören und Verstehen von Sprache Teil der Gemeinschaft bleiben und Isolation vermeiden. Darüber hinaus ist das Gehör ein wichtiger Schutzmechanismus, der uns vor potenziellen Gefahren warnt, zum Beispiel herannahende Autos oder Alarmsignale.

Ein häufig unterschätzter Aspekt ist die Verbindung zwischen Hören und unserem emotionalen Wohlbefinden. Hörstörungen, wie Tinnitus, können zu erheblichem Stress, Schlafproblemen oder sogar Depressionen führen. Ein Beispiel: Menschen, die an altersbedingtem Hörverlust leiden, berichten häufig von sozialem Rückzug, da sie sich in Gesprächen unsicher fühlen oder sogar komplett missverstehen, was gesagt wird. Das führt oft zu einem Gefühl der Isolation und Einsamkeit, was sich wiederum negativ auf ihre mentale Gesundheit auswirkt.

Das Gehör ist außerdem stark mit unserem Gleichgewichtssinn verbunden, der im Innenohr verankert ist. Wenn es beeinträchtigt ist, etwa bei Hörverlust oder durch Lärmschäden, kann dies zu Schwindel oder Unsicherheiten in der Körperhaltung führen. Menschen mit Hörproblemen neigen deshalb oft dazu, einen unsicheren Gang zu entwickeln oder sich generell weniger sicher in ihrer Umgebung zu bewegen.

Tobias Knop und Daniel Niehaus

lernten sich bei der Ausbildung zum Physiotherapeuten kennen. Im Anschluss schlossen Sie gemeinsam das Osteopathie-Studium und die Heilpraktiker-Ausbildung ab. Inzwischen haben beide ihre eigene Praxis und Tobias Knop ist etwa als Dozenten der Osteopathie tätig. Gleichzeitig betreuen Tobias Knop und Daniel Niehaus gemeinsame Projekte, zum Beispiel den Youtube- Channel Knop & Niehaus oder die Ratgeber „Superpower Atmung", „Verspannungen loswerden" und „Neustart für das Gehör“.

Ursachen für Hörverlust und Hörbeschwerden

sanego: Dennoch sind Probleme wie Hörverlust im Alter oder Ohrgeräusche und Tinnitus weit verbreitet. Wie beeinflusst unser Lebensstil denn das Gehör?

Daniel Niehaus: Unser Lebensstil hat einen sehr großen Einfluss auf die Gesundheit unseres Gehörs und viele alltägliche Gewohnheiten tragen (oft auch) unbemerkt zu Hörproblemen bei. Eine der häufigsten Ursachen für Hörverlust ist die dauerhafte Lärmbelastung. Das betrifft nicht nur laute Musik, die wir durch Kopfhörer hören, sondern auch alltägliche Geräuschquellen wie Straßenverkehr, Baulärm oder laute Arbeitsumgebungen. Besonders berufliche Belastungen in lauten Bereichen – wie in der Industrie, im Baugewerbe oder bei Veranstaltungen – können das Gehör auf Dauer schädigen. Häufig wird der Schutz vor Lärm massiv unterschätzt, obwohl die langfristigen Auswirkungen gravierend sein können.

Zusätzlich spielt unsere Ernährung eine wichtige Rolle für das Gehör. Bestimmte Nährstoffe wie Omega-3-Fettsäuren, Vitamine und Mineralien sind entscheidend für eine gesunde Durchblutung des Ohrs und die Funktion der Hörnerven. Ein ungesunder Lebensstil mit schlechter Ernährung und Bewegungsmangel kann die Blutversorgung des Innenohrs beeinträchtigen und das Risiko für Hörprobleme erhöhen.

Dann ist noch chronischer Stress ein erheblicher Faktor, der das Gehör negativ beeinflusst. Er führt häufig zu Verspannungen im Nacken- und Kieferbereich, was wiederum Symptome wie Tinnitus oder Ohrgeräusche verstärken beziehungsweise auslösen kann. Menschen, die unter starkem beruflichem oder privatem Stress stehen, neigen oft dazu, ihre Zähne zusammenzupressen oder die Schultern hochzuziehen, was den gesamten Bereich um die Ohren herum belastet, weil Muskeln und Gelenke unmittelbaren Kontakt zu ihnen haben. Daher ist es wichtig, neben Lärmschutz und gesunder Ernährung auch Techniken zur Stressbewältigung in den Alltag zu integrieren, um das Gehör langfristig zu schützen.

Hörschwäche und Hörbeschwerden vorbeugen

sanego: Und können unsere Leser:innen dem entgegenwirken?

Tobias Knop: Ja, wie vorhin bereits erwähnt, können die Leser:innen einiges tun, um Hörproblemen entgegenzuwirken und ihre Ohren aktiv zu schützen. Zunächst einmal ist der bewusste Umgang mit Lärm entscheidend. In lauten Umgebungen, sei es im Beruf oder im Alltag, sollte immer auf geeigneten Gehörschutz geachtet werden.

Ernährung und Bewegung spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Eine ausgewogene Ernährung, reich an Vitaminen und Mineralstoffen, unterstützt die Durchblutung und die Nervenfunktion des Innenohrs. Regelmäßige Bewegung fördert ebenfalls die Blutzirkulation, was den Ohren zugutekommt.

Besonders im Umgang mit Stress können Techniken zur Entspannung, wie Yoga, Meditation oder progressive Muskelentspannung, helfen. Diese Methoden lösen Verspannungen im Nacken- und Kieferbereich, die oft mit Tinnitus und Ohrgeräuschen in Verbindung stehen. Zusätzlich kann gezieltes Kiefertraining dabei helfen, die Muskulatur zu entspannen und mechanischen Stress auf die Ohren zu verringern.

In unserem Buch haben wir viele wichtige Übungen zusammengefasst, um an allen möglichen Hebeln ansetzen zu können. Vom Nervensystem, Kiefergelenk, der Halswirbelsäule, den Ohren selbst oder auch dem Zwerchfell samt der Atmung ist alles dabei, was Einfluss auf das Gehör- und Gleichgewichtsorgan hat.

sanego: In Ihrem Buch „Neustart fürs Gehör“ geben Sie auch Tipps zur Ernährung und Hygiene. Was ist in diesen Bereichen denn besonders wichtig?

Daniel Niehaus: In unserem neuen Buch legen wir großen Wert darauf, dass Ernährung und Ohrhygiene eine entscheidende Rolle für die Gesundheit des Gehörs spielen. Eine ausgewogene Ernährung ist unerlässlich, um das Ohr optimal zu versorgen, da sie die Durchblutung fördert und das Nervensystem unterstützt. In Bezug auf die Hygiene ist es wichtig, das Ohr nicht zu überreinigen. Viele Menschen verwenden Wattestäbchen, um ihre Ohren zu säubern, was jedoch kontraproduktiv sein kann. Dabei wird das Ohrenschmalz oft tiefer in den Gehörgang geschoben, was zu Verstopfungen und sogar Entzündungen führen kann. Das Ohr hat ein selbstreinigendes System, das den Abtransport von Ohrenschmalz von allein regelt. Ein übermäßiger Eingriff in die Hygiene des Gehörgangs ist also nicht notwendig und möglicherweise sogar schädlich.

Buchcover Neustart für das Gehör
Buchcover Neustart für das Gehör | © Riva Verlag

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Übung für ein gutes Gehör

sanego: Zu Ihrem Programm gehören mehrere Übungen. Können Sie uns eine Übung exemplarisch vorstellen?

Tobias Knop: Eine der Übungen, die wir in „Neustart fürs Gehör“ empfehlen, ist die sogenannte Kieferentspannungsübung, die besonders effektiv ist, um Spannung im Kieferbereich zu lösen und damit Ohrgeräusche wie Tinnitus lindern kann.

So funktioniert die Übung:

  1. Setzen Sie sich aufrecht hin, entspannen Sie Ihre Schultern und schließen Sie die Augen.

  2. Legen Sie beide Zeigefinger auf die Kaumuskeln, also auf den Bereich knapp unterhalb der Wangenknochen, wo sich der Kiefer beim Kauen bewegt.

  3. Öffnen und schließen Sie langsam den Mund, während Sie sanften Druck auf diese Muskeln ausüben.

  4. Führen Sie diese Bewegung für etwa 10 bis 15 Wiederholungen durch, und achten Sie darauf, dass der Kiefer locker bleibt und nicht angespannt ist.

Da das Kiefergelenk eng mit dem Ohr verbunden ist, kann die Entspannung dieser Region oft spürbare Erleichterung bringen.

sanego: Wobei können diese Übungen helfen?

Daniel Niehaus: Die Übungen, die wir vorstellen, bieten eine ganzheitliche Unterstützung für die Gesundheit des Gehörs und helfen bei der Linderung typischer Beschwerden. Ein zentrales Ziel der Übungen ist die gezielte Ansprache von Symptomen, wie Schwindel, Tinnitus und Ohrgeräuschen. Viele der Übungen lösen Verspannungen in der Kiefer- und Nackenmuskulatur, die häufig zu diesen Beschwerden führen können.

Besonders wichtig war uns bei der Zusammenstellung der Übungen die Berücksichtigung der ganzheitlichen Auswirkungen auf Körper, Geist und Seele. Das heißt, dass immer mehrere Systeme angesprochen und positiv beeinflusst werden sollen, zum Beispiel das vegetative Nervensystem in Bezug auf Stressreaktionen, die Durchblutung zusammenhängender Körperstrukturen oder der Einfluss der Atmung.

Außerdem tragen die Übungen zur Verbesserung des Gleichgewichts bei, da sie zum Beispiel Blockaden und Verspannungen in der Halswirbelsäule lösen können, welche für das Gleichgewichtsorgan im Innenohr wichtig sind. Darüber hinaus wirken die Übungen stressabbauend – ein wichtiger Aspekt, da Stress häufig zu Ohrgeräuschen und anderen Hörproblemen führen kann. Mit gezielten Atem- und Entspannungsübungen wird der Körper in einen Ruhezustand versetzt, sodass Stress reduziert werden kann.

Nicht zuletzt dienen die Übungen auch der Vorbeugung von Hörproblemen. Durch regelmäßige Anwendung wird das Zusammenspiel zwischen den Ohren und anderen Körpersystemen verbessert. So fördern die Übungen insgesamt ein gesundes und entspanntes Hörsystem, indem sie sowohl physische als auch psychische Ursachen für Hörprobleme gezielt angehen​.

Ein letzter Tipp zum Schluss

sanego: Haben Sie zum Abschluss noch einen ultimativen Tipp für ein gesundes Gehör?

Daniel Niehaus: Ja, unser ultimativer Tipp für ein gesundes Gehör ist, das Gehör ganzheitlich zu betrachten und nicht nur als isoliertes Organ. Unser Hörsinn steht in enger Verbindung mit vielen anderen Körpersystemen und Mechanismen – von der Muskulatur im Kiefer- und Nackenbereich über die Durchblutung und Atmung bis hin zu unserem Stresslevel. Daher ist es entscheidend, nicht ausschließlich auf den Lärmschutz zu achten, sondern das Gehör im Kontext des gesamten Körpers zu pflegen.

Ein weiterer, total unterschätzter Hinweis in der ganzheitlichen Betrachtung des Gehörs ist der rechtzeitige Einsatz eines Hörgeräts. Viele Menschen zögern, ein Hörgerät zu benutzen, obwohl der Hörverlust schon fortgeschritten ist. Doch ein Hörgerät frühzeitig zu verwenden, kann das Gehirn dabei unterstützen, weiterhin aktiv auf akustische Reize zu reagieren, und verhindert, dass das Hören weiter nachlässt. Wer nämlich zu lange wartet, riskiert, dass das Gehirn die Fähigkeit verliert, bestimmte Töne zu verarbeiten, was auch das Verständnis von Sprache erschweren kann.

Ein Hörgerät ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern ein wichtiger Schritt, um die Lebensqualität und geistige Gesundheit zu erhalten. Kombiniert mit einem ganzheitlichen Ansatz, der auf Entspannung, Bewegung, gesunde Ernährung und Stressmanagement setzt, kann es wesentlich dazu beitragen, das Gehör langfristig zu schützen und zu verbessern​.

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