„Unser Nervensystem ist der Taktgeber unserer Gesundheit.“, schreibt Dr. med. Jessica Klebe. Damit rückt sie ein Thema in den Fokus, das im Alltag oft eher eine untergeordnete Rolle spielt. Wie das Nervensystem Einfluss auf alle Bereiche unseres Körpers nimmt und warum es vor allem im Dauerstress viel Regulation braucht, hat Dr. Jessica Klebe in Ihrem Buch „Neustart fürs Nervensystem“ zusammengetragen.
In unserem Interview gibt sie wichtige Einblicke, wann und wie wir unser Nervensystem regulieren sollten.
sanego: Warum haben Sie ein Buch über das Nervensystem geschrieben? Was fasziniert Sie an diesem Thema?
Dr. med. Jessica Klebe: Viele Jahre war ich selbst eine klassisch schulmedizinisch arbeitende Internistin, für die nahezu jedes Problem eine medikamentöse Lösung hatte. Daran ist grundsätzlich nichts falsch – im Gegenteil, ich bin dankbar, dass wir diese Möglichkeiten haben. Doch ein persönlicher Schicksalsschlag hat mich dazu gebracht, mein Verständnis von Gesundheit grundlegend zu hinterfragen: Meine Mutter hat sich nach einer langjährigen depressiven Erkrankung das Leben genommen.
Dieser Verlust hat mir schmerzhaft vor Augen geführt, dass unser Körper kein Sammelsurium einzelner Organe ist, sondern ein eng vernetztes Gesamtsystem. Auch wenn wir in der Medizin Spezialisten und Spezialistinnen für Herz, Magen-Darm oder Gelenke haben, hängen die Beschwerden dieser Bereiche oft miteinander zusammen. Besonders bewusst wurde mir dabei die zentrale Rolle des Nervensystems – jenes Systems, das wie ein Dirigent unser gesamtes „Organorchester“ koordiniert.
Wenn dieser Dirigent aus dem Takt gerät, etwa durch anhaltenden Stress, wirkt sich das auf den ganzen Körper aus. Stress findet nicht nur „im Kopf“ statt, sondern verändert physiologische Prozesse von Kopf bis Fuß. Gleichzeitig habe ich in meiner Arbeit immer wieder erlebt: Wenn wir das Nervensystem dabei unterstützen wieder in eine Balance zu kommen, dann lösen sich viele weitere körperliche Probleme mit denen ich als Internistin ständig konfrontiert bin.
Diese Erkenntnis – und der Wunsch, sie für Patienten und Patientinnen verständlich und zugänglich zu machen – war der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe.
ist Fachärztin für Innere Medizin und Ansprechpartnerin für viele Patienten und Patientinnen in einer Hausarztpraxis in Handewitt. Ihr Spezialgebiet ist dabei die Ganzheitliche Medizin. Sie legt also großen Wert darauf, den ganzen Körper in den Blick zu nehmen und auf Ursachensuche für einzelne Symptome zu gehen. Dafür absolviert sie stetig Weiterbildungen, auch in den Bereichen Ernährungsmedizin, funktionelle Medizin und Mikronährstofftherapie.
Was ist das Nervensystem?
sanego: Lassen Sie uns zunächst mit einer Definition einsteigen. Was ist das Nervensystem genau?
Dr. med. Jessica Klebe: Das Nervensystem ist unsere zentrale Steuerzentrale – ein hochkomplexes Netzwerk an Nervenzellen, das alle Abläufe im Körper koordiniert und dafür sorgt, dass wir auf unsere Umwelt reagieren können. Sein höchstes Ziel ist dabei stehts Sicherheit herzustellen und unser Überleben zu sichern.
Es besteht aus zwei großen Bereichen:
Das zentrale Nervensystem (ZNS) mit Gehirn und Rückenmark – hier werden Informationen verarbeitet, Entscheidungen getroffen und Reaktionen gesteuert.
Das periphere Nervensystem (PNS) – alle Nervenbahnen, die den Körper durchziehen und Informationen zwischen Gehirn, Organen und Muskeln hin- und hersenden.

Innerhalb des peripheren Systems gibt es einen weiteren wichtigen Bereich, der heute besonders viel Aufmerksamkeit bekommt: das vegetative oder autonome Nervensystem. Dieses steuert alle unwillkürlichen Körperfunktionen – Herzschlag, Verdauung, Atmung, Stoffwechsel und insbesondere unsere Stressreaktionen. Wenn Menschen in den sozialen Medien vom „Nervensystem“ sprechen, meinen sie häufig genau diesen vegetativen Anteil und die sogenannte Stressachse, durch die Stresshormone ausgeschüttet werden, die wiederrum sämtliche Organsysteme in ihrer Funktion so beeinflussen, dass der Körper Energie mobilisiert und prinzipiell zu „Kampf und Flucht“ bereit ist.
Doch das ist nur ein Teil eines viel umfassenderen Systems.
Im Zentrum des Nervensystems steht das Gehirn, das eine beeindruckende Vielfalt an Aufgaben übernimmt. Es sammelt laufend Informationen von außen – über die Sinne – und gleichzeitig Signale aus dem Inneren des Körpers. Es bewertet, integriert und verarbeitet all diese Informationen und übersetzt sie in Handlungen, Körperreaktionen oder Gefühle.

Das Gehirn ist zudem verantwortlich für unsere kognitiven Funktionen: Denken, Planen, Entscheiden, Impulse kontrollieren. Es ermöglicht Erinnerung und Lernen, reguliert Emotionen und ist damit entscheidend für unser Erleben, Verhalten und Wohlbefinden. Früher hat man diese unterschiedlichen Funktionen oft mit dem Modell des „dreieinigen Gehirns“ erklärt – einem vermeintlich alten, instinktgetriebenen Bereich, einem emotionalen Teil und einem rationalen Teil. Heute weiß man, dass diese Aufteilung zu einfach ist: Das Gehirn arbeitet viel vernetzter, keine dieser Ebenen existiert isoliert. Dennoch zeigt das Modell anschaulich, dass es im Gehirn unterschiedliche Funktionseinheiten gibt – für Instinkt, Emotion und bewusste Kognition.
Wichtig ist: Alle Bereiche des Nervensystems – zentral, peripher und vegetativ – sind eng miteinander verknüpft wie ein großes Netzwerk.
Körperzustände beeinflussen Gedanken und Gefühle, Gedanken beeinflussen Stressprozesse und das vegetative Nervensystem übersetzt all das in körperliche Reaktionen.
So entsteht ein dynamisches Gesamtsystem, das uns durch den Alltag trägt – und dessen Balance entscheidend für unsere Gesundheit ist.
sanego: Und was ist mit „Nervensystem regulieren“ gemeint?
Dr. med. Jessica Klebe: Wenn wir vom „Regulieren des Nervensystems“ sprechen, meinen wir in erster Linie das vegetative Nervensystem – den Teil, der im Hintergrund unsere Körperprozesse steuert: Herzschlag, Atmung, Verdauung, Blutdruck, Stoffwechsel und die gesamte Stressreaktion.
Dieses System reagiert automatisch, wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen. Das klassische Bild ist der Tiger: Innerhalb von Sekunden schüttet der Körper Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus, die Atmung beschleunigt sich, der Herzschlag steigt, Blut fließt in die Muskeln, der Darm wird weniger versorgt. Alles dient dazu, schnell handeln zu können.
Problematisch wird es, wenn dieses System dauerhaft im Alarmzustand bleibt – auch ohne echte Gefahr. Dann sprechen wir von einem dysregulierten Nervensystem. Es findet kein natürlicher Wechsel mehr zwischen Anspannung und Entspannung statt. Das innere „Temperaturniveau“ bleibt zu hoch, und auf dieser Höhe kommt es immer wieder zu zusätzlichen Stressspitzen.
Auf hormoneller Ebene bedeutet das: dauerhaft erhöhtes Adrenalin und Cortisol, überlastete Stresshormon-Rezeptoren, gestörte Rückkopplung im Gehirn – was wiederum andere Hormonachsen beeinträchtigen kann, etwa den weiblichen Zyklus.
Ein dysreguliertes Nervensystem entsteht oft schon in der Kindheit, wenn sichere Bindung und Co-Regulation fehlen. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen helfen, mit starken Gefühlen umzugehen. Fehlt das – etwa in einem Umfeld mit Streit, Instabilität, psychischer Krankheit oder sogar Gewalt – dann entwickelt das Nervensystem häufig ein Grundmuster der ständigen Alarmbereitschaft. Es ist dann auch alarmiert, obwohl man in Sicherheit auf dem heimischen Sofa sitzt und lässt sich bereits durch Kleinigkeiten, wie ein „komischer Blick“ des Chefs aus der Bahn werfen.
Heute werden in sozialen Medien unter dem Stichwort „Nervensystem regulieren“ häufig akute Beruhigungsübungen gezeigt: Atemtechniken, sanftes Bewegen oder das Abklopfen des Körpers. Und es ist wichtig zu betonen:
Diese Übungen können sehr hilfreich sein. Sie können die Stressspitze eines Moments senken, den Körper beruhigen und einen Zugang zu innerer Ruhe ermöglichen, dadurch, dass der Entspannungsnerv, der sogenannte Vagusnerv als Gegenspieler zum Stresssystem aktiviert wird.
Aber – und das ist entscheidend: Ein paarmal den Körper abklopfen oder eine Atemübung allein bringt kein dauerhaft dysreguliertes Nervensystem wieder in Einklang.
Diese Übungen helfen im Moment, sie „kochen“ den Stress kurzfristig herunter – doch die innere Grundanspannung bleibt bestehen, wenn die Ursache tiefer liegt. Menschen brauchen dann oft nach kurzer Zeit wieder eine neue Übung, weil das System von sich aus nicht stabil ist.
Regulation bedeutet etwas anderes:
Ein reguliertes Nervensystem springt nur dann in den Stressmodus, wenn auch wirklich eine Belastung da ist, nicht bei jeder Kleinigkeit– und findet von selbst wieder aus dem Stress heraus, sobald die Situation vorbei ist. Es braucht nicht ständig aktive Eingriffe, um Ruhe zu finden, sondern hat ein robustes Gleichgewicht.
Ein Mensch mit einem regulierten Nervensystem kann nach einer Anforderung herunterfahren, auf der Couch sitzen und sich dort wirklich entspannen – ohne sofort wieder eine Übung machen zu müssen. Das ist der Unterschied zwischen Beruhigen und Regulieren: Beruhigen wirkt kurzfristig, Regulation ist die Fähigkeit, langfristig stabil zwischen Anspannung und Entspannung wechseln zu können.
Mentale Gesundheit und das Nervensystem

sanego: Wie nimmt das Nervensystem Einfluss auf die mentale Gesundheit?
Dr. med. Jessica Klebe: Eigentlich müsste man die Frage fast umdrehen: Mentale Gesundheit ist zu einem großen Teil ein Ausdruck unseres Nervensystems. Denn unser Erleben, unsere Gefühle, unser Denken und unsere Stressfähigkeit entstehen nicht im luftleeren Raum – sie beruhen auf biologischen Prozessen, die im Nervensystem ablaufen.
Unser Nervensystem beeinflusst unsere mentale Gesundheit auf mehreren Ebenen:
Das vegetative Nervensystem bestimmt unseren Grundzustand.
Ob wir uns sicher oder bedroht fühlen, innerlich ruhig oder ständig angespannt sind, entscheidet sich auf körperlicher Ebene. Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem führt dazu, dass wir emotional schneller reagieren, uns schlechter konzentrieren können und anfälliger für Angst oder depressive Verstimmungen werden. Ein reguliertes Nervensystem dagegen schafft den inneren Boden für Gelassenheit, Stabilität und emotionale Belastbarkeit.Unser Gehirn verarbeitet Gefühle, Erinnerungen und Belastungen.
Emotionale Erfahrungen, Stress, Traumata und sogar wiederkehrende Alltagssorgen verändern die Verschaltung im Gehirn. Das beeinflusst, wie wir Situationen bewerten, welche Gefühle auftauchen, wie gut wir uns beruhigen können und wie stabil unser Selbstbild ist.
Ein Nervensystem, das ständig auf Alarm eingestellt ist, interpretiert neutrale Situationen schneller als bedrohlich – was Angst und Grübeln verstärken kann.Stresshormone wirken direkt auf Denken und Stimmung.
Chronischer Stress führt zu dauerhaft erhöhtem Cortisol. Das wirkt sich nachweislich auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit und emotionale Regulation aus. Dies kann man beispielsweise auch in Gehirnscans sehen. So weiß man, dass unsere Gedächtniszentrale, der sogenannte Hippocampus, schrumpft, während die Amygdala – ein Bereich unseres Gehirns, der bei der Entstehung von Ängsten eine besondere Rolle spielt – größer wird. Menschen fühlen sich dann erschöpft, überfordert, gereizt und ängstlich.Mentale und körperliche Zustände sind untrennbar verbunden.
Wir können keinen klaren Strich zwischen „Psyche“ und „Körper“ ziehen. Der Bauch meldet Emotionen, der Herzschlag beeinflusst unser Sicherheitsempfinden, die Atmung reguliert unser Stresssystem.
Wenn das Nervensystem aus dem Gleichgewicht gerät, zeigt sich das nicht nur körperlich, sondern auch mental: Schlafprobleme, Grübelneigung, emotionale Instabilität oder innere Unruhe sind typische Folgen. Das Gefühl von innerer Sicherheit – nicht als Gedanke, sondern als körperlicher Zustand – ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für mentale Gesundheit.
Das Nervensystem ist die biologische Basis unserer mentalen Gesundheit. Es beeinflusst, wie wir fühlen, denken, reagieren, uns beruhigen, Beziehungen gestalten und Stress verarbeiten. Mentale Gesundheit entsteht dort, wo das Nervensystem nicht dauerhaft Feuer löschen muss, sondern in einem flexiblen Gleichgewicht arbeiten kann.
sanego: Welche Anzeichen deuten darauf hin, dass das Nervensystem dysreguliert sein könnte?
Dr. med. Jessica Klebe: Ein dysreguliertes Nervensystem zeigt sich meist durch eine dauerhaft erhöhte innere Anspannung. Typische Anzeichen können sein:
Körperliche Hinweise
chronische Muskelspannung
Herzrasen, flache Atmung
Magen-Darm-Beschwerden
Schlafprobleme
ständige Erschöpfung
Emotionale und mentale Hinweise
innere Unruhe, Getriebensein
leichte Reizbarkeit
schnelle Überforderung
Grübeln oder vermehrte Ängstlichkeit
Schwierigkeiten, Gefühle zu regulieren
Verhalten und Stressverarbeitung
Probleme, wirklich zur Ruhe zu kommen – selbst in entspannten Situationen
das Gefühl, ständig „auf Habtacht“ zu sein
häufige Stressspitzen ohne klaren Auslöser
das Bedürfnis, immer wieder Übungen zu machen, um sich zu beruhigen
Beziehungsebene
erhöhte Empfindlichkeit in Konflikten
Rückzug oder Überanpassung
ein generelles Gefühl innerer Unsicherheit
Diese Signale bedeuten nicht, dass etwas „kaputt“ ist. Sie zeigen vielmehr, dass das Nervensystem gerade zu viel leisten muss und nicht mehr gut zwischen Anspannung und Entspannung wechseln kann.
So können Sie Ihr Nervensystem regulieren
sanego: Wo kann ich anfangen, wenn ich mein Nervensystem regulieren möchte?

Dr. med. Jessica Klebe: Viele Menschen wünschen sich die eine besondere Übung, die ihr Nervensystem beruhigt und alles wieder ins Gleichgewicht bringt. Das erlebe ich täglich in meiner Praxis. Wir wollen oft direkt „das große Werkzeug“ – Atemtechniken, Vagusnerv-Impulse, Klopfübungen.
Doch in Wahrheit beginnt Regulation fast immer mit ganz einfachen, unspektakulären Dingen, die viele gerne überspringen möchten. Dinge wie:
trinken, wenn wir Durst haben
essen, wenn wir Hunger haben
aufhören zu essen, wenn wir satt sind
schlafen, wenn wir müde sind
Pausen machen, bevor wir völlig erschöpft sind
Allein damit würden wir schon einen großen Teil der täglichen Stresshormonausschüttung reduzieren. Unser Körper ist sehr direkt: Wenn seine Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, steigt automatisch die innere Alarmbereitschaft. Deshalb ist die Basis immer das Erste, was stimmen muss.
Ein zweiter wichtiger Schritt: Kontakt zum eigenen Nervensystem aufnehmen Bevor wir regulieren können, müssen wir überhaupt wahrnehmen, wie es uns gerade geht. Viele Menschen leben so lange im Stressmodus, dass sie ihre Körpersignale gar nicht mehr bewusst bemerken und sind von ihrer inneren Körperwahrnehmung wie abgekoppelt.

Ich empfehle daher meinen Patienten und Patientinnen, mehrmals am Tag ganz kurz innezuhalten und sich zu fragen:
Wie fühle ich mich gerade?
Bin ich ruhig, angespannt, innerlich aufgewühlt?
Wie atme ich?
Wie fühlt sich mein Körper an?
Und dann auf die körperlichen Stresssignale achten:
angespannter Kiefer
hochgezogene Schultern
flache Atmung
Herzklopfen oder Herzstolpern
ein zuckendes Augenlid
ein „komisches“ Gefühl im Bauch
Diese Signale sind oft da – aber sie wurden über Jahre zum Normalzustand. Deshalb ist Bewusstsein der erste regulierende Schritt.
Genauso wichtig ist zu beobachten: Welche Situationen im Alltag feuern meine Stressachse an? Also: Was sind meine persönlichen Trigger?
Wenn wir verstehen, was unser Nervensystem belastet, können wir gezielt dort ansetzen. Langfristig ist es entscheidend abzuklären, ob traumatische Erfahrungen oder chronischer Stress aus der Kindheit im Hintergrund wirken. Denn: Ein Nervensystem kann sich nicht wirklich regulieren, wenn im Inneren ständig eine Alarmleuchte blinkt.
Dann braucht es professionelle Unterstützung – idealerweise traumatherapeutisch, gerne kombiniert mit körperorientierten Ansätzen (z. B. Somatic Experiencing, körperbasierte Psychotherapie). Denn Trauma sitzt nie nur „in der Psyche“, es zeigt sich immer im Körper: in Muskelspannung, Faszien, Atmung, Haltung, Reflexen.
Regulation beginnt nicht mit der spektakulären Übung, sondern mit dem einfachen, ehrlichen Kontakt zum eigenen Körper, der Erfüllung grundlegender Bedürfnisse und dem Verstehen der eigenen Stressmuster. Darauf baut alles Weitere auf.
sanego: Was ist für ein reguliertes Nervensystem außerdem wichtig?
Dr. med. Jessica Klebe: Neben der psychoemotionalen Ebene braucht ein Nervensystem auch ganz grundlegende biologische Voraussetzungen, um gut arbeiten zu können – nämlich Nährstoffe.
Wenn wir bestimmte Neurotransmitter bilden wollen, wie etwa unser „Glückshormon“ Serotonin, dann braucht der Körper dafür nicht nur die Aminosäure Tryptophan, sondern eine ganze Reihe an Co-Faktoren, also unterstützenden Nährstoffen. Fehlen diese, kann das Nervensystem biochemisch gar nicht leisten, was wir emotional von ihm erwarten.
Genau hier sehe ich in meiner Praxis große Lücken: Viele Menschen ernähren sich in einem hektischen Alltag unausgewogen, lassen Mahlzeiten aus, essen „nebenbei“ oder greifen zu sehr nährstoffarmen Lebensmitteln.
Hinzu kommt, dass chronischer Stress das Nervensystem nicht nur belastet – er wirkt sich auch negativ auf die Darmgesundheit aus. Und der Darm ist nun einmal der Ort, an dem die Nährstoffe aufgenommen werden. Wenn die Darmbarriere, die Verdauungsenzyme oder die Darmflora aus dem Gleichgewicht geraten sind, kann selbst eine gute Ernährung nicht optimal verwertet werden.
Außerdem gilt: Stress erhöht den Verbrauch von Nährstoffen. Der Körper brennt in Stressphasen mehr B-Vitamine, Magnesium und andere Mikronährstoffe regelrecht „durch“. Die Folge: Ich sehe in meiner Praxis bei sehr vielen Menschen deutliche Nährstoffmängel. Diese Mängel aufzufüllen wird kein Trauma heilen. Aber sie sorgen dafür, dass das Nervensystem überhaupt wieder „Material“ hat, um seine Arbeit zu machen.
Omega-3-Fettsäuren (EPA/DHA)
Vitamin D
B-Vitaminkomplex (B1, B2, B3, B6, B9/Folat, B12)
Magnesium
Zink
Selen
Jod
Eisen
Aminosäuren (z. B. Tryptophan, Tyrosin)
Cholin
Probiotika
Wenn wir im Bild bleiben: Viele Menschen sitzen sowieso schon mit angezogener Handbremse und Gaspedal gleichzeitig da – und fahren dann auch noch mit platten Reifen los. Kein Wunder, dass nichts vorwärtsgeht.
Darum erlebe ich täglich: Allein das Auffüllen der Nährstoffe macht einen großen Unterschied. Menschen haben plötzlich wieder etwas mehr Kraft, Energie, Konzentrationsfähigkeit und Resilienz, um sich auch ihren emotionalen oder traumatischen Themen zuzuwenden.
Ein Beispiel dafür ist die Schilddrüse: Sie arbeitet deutlich besser, wenn Selen-, Eisen- und Jodmängel behoben sind. Und eine gut arbeitende Schilddrüse wiederum stabilisiert die Stimmung, die Energie und die innere Widerstandsfähigkeit. So hängt alles zusammen – auch die mentale Gesundheit wird stabiler, wenn der Körper bekommt, was er biologisch braucht.
Tägliche Übungen um das Nervensystem zu regulieren

sanego: Gibt es etwas, dass Sie selbst jeden Tag für Ihr Nervensystem tun?
Dr. med. Jessica Klebe: Ja, absolut – aber vieles davon läuft inzwischen so selbstverständlich ab, dass ich es kaum noch als „Übung“ wahrnehme. Es ist zu einem natürlichen Teil meines Alltags geworden, so automatisiert wie das Zähneputzen.
Über den Tag hinweg spüre ich immer wieder in meinen Körper hinein und achte darauf, wie ich mich gerade fühle: Gibt es Anspannung? Wie atme ich? Wie ist mein innerer Zustand? Das passiert oft ganz beiläufig, zwischen Terminen, beim Gehen oder Schreiben.
Nach schwierigen Patientengesprächen nehme ich mir meist nur eine kurze Minute Zeit, bevor ich in den nächsten Kontakt gehe. Wenn dabei Emotionen auftauchen, gebe ich ihnen erst einmal Raum. Ich frage mich: Wie fühlt sich das körperlich an? Wo sitzt die Anspannung? Und ich akzeptiere das, was da ist: Ja, das Gespräch hat dich gerade innerlich bewegt. Dann richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Signale von Sicherheit – ich spüre bewusst meine Füße auf dem Boden, den Kontakt meines Rückens zur Lehne, und nehme ein paar natürliche Atemzüge wahr.
Was viele nicht wissen: Ich bin ausgebildete Hypnosetherapeutin und nutze Selbsthypnose ebenfalls regelmäßig im Alltag, um meinem Nervensystem schnell eine Pause zu gönnen, wenn es nötig ist. Dafür habe ich ein persönliches Ankerwort, das mich innerhalb von Sekunden in einen tranceartigen, tief regulierten Zustand bringen kann.
Selbsthypnose bedeutet dabei nicht, dass ich mich eine halbe Stunde hinsetze und „ausklinke“. Im Gegenteil: Oft reichen fünf Minuten, manchmal sogar weniger. Ich kann sie gezielt einsetzen – zwischen zwei Patienten, im Auto auf dem Parkplatz, während ich kurz die Augen schließe. Es ist ein sehr effektives Werkzeug, das mein Nervensystem in kurzer Zeit wieder in einen ruhigen, geordneten Zustand bringt.
sanego: Sie behandeln in Ihrer Praxis täglich Patienten und Patientinnen. Welchen Gesundheitstipp würden Sie jedem oder jeder mit auf den Weg geben?
Dr. med. Jessica Klebe: Eines der wichtigsten Dinge, die ich jedem Patienten mitgebe, ist etwas, das ich auch meinen Kindern immer sage: Es kommt nicht darauf an, was du manchmal machst – sondern darauf, was du immer machst.
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Unser Körper verzeiht kleine „Sünden“. Wir dürfen auch mal eine Cola trinken oder mal einen Tag nichts tun. Aber wenn Cola plötzlich jeden Tag der einzige Durstlöscher ist, dann wird es problematisch. Gesundheit entsteht durch das, was wir regelmäßig tun – nicht durch Perfektion.
Ich betone immer: Sie müssen nicht von heute auf morgen alles umkrempeln. Menschen, die Stück für Stück achtsam Dinge verändern, erzielen am Ende die nachhaltigsten Erfolge. Wenn Bewegung ein Thema ist, dann reicht es völlig, erst einmal abends 10 Minuten um den Block zu gehen oder fünf Minuten ein paar Kniebeugen und leichte Kräftigungsübungen zu machen. Oft kommt der Rest ganz automatisch, weil man merkt, wie gut es tut.
Schlaf ist nicht verhandelbar. Viele Menschen unterschätzen, wie wichtig guter Schlaf für körperliche und mentale Gesundheit ist. Wir sitzen abends oft viel zu lange vor Bildschirmen, das künstliche Licht drosselt unsere Melatoninproduktion – und dann wundern wir uns, dass wir nicht einschlafen können. Dabei findet im Schlaf extrem viel Verarbeitung und Regeneration statt.
Ich empfehle deshalb:
tagsüber viel natürliches Licht
abends weniger künstliches Licht und keine intensiven Aktivitäten
keine schweren Sporteinheiten oder emotional aufwühlenden Filme direkt vor dem Schlafen
stattdessen ein abendliches Ritual, das dem Körper signalisiert: Jetzt wird es ruhig.
Ebenso wichtig ist es, in Kontakt mit den eigenen Gefühlen zu kommen. People Pleasing – also das ständige „Es allen recht machen wollen“ – ist extrem verbreitet, vor allem bei Frauen. Es führt dazu, dass wir unsere Grenzen übergehen, uns übernehmen und uns innerlich verlieren. Hier achtsam zu werden, ist einer der größten Gesundheitsfaktoren.
Und ein Thema, das ich immer wieder betone, weil es so fundamental ist: Einsamkeit ist ein massiver Risikofaktor. Wir sind soziale Wesen. Wir brauchen nicht 30 Bekannte – aber wir brauchen ein paar wirklich gute Menschen, bei denen wir uns sicher fühlen und wir selbst sein können. Beziehungen, in denen wir gehalten werden, sind zutiefst regulierend für das Nervensystem. Wenn es schwerfällt, solche Kontakte zu finden oder zu halten, ist es sinnvoll, sich Unterstützung zu holen – auch therapeutisch.
Und ja – ich gehe meinen Patienten und Patientinnen auch regelmäßig mit einem weiteren Thema „auf die Nerven“: bestimmten Nährstoffen.
Denn einige von ihnen fehlen heute nahezu jedem, selbst wenn man sich gesund ernährt. Dazu gehören vor allem:
Omega-3-Fettsäuren
Vitamin D
Selen (wir leben in einem ausgeprägten Selenmangelgebiet)
Jod, das die meisten Menschen nicht in ausreichender Menge aufnehmen
Diese Nährstoffe spielen in zahlreichen hormonellen, neurologischen und entzündungshemmenden Prozessen eine große Rolle. Ich habe in der kassenärztlichen Sprechstunde nicht immer Zeit ganz ausführlich darauf einzugehen, aber ich schreibe es sehr, sehr oft auf kleine gelbe Zettel.
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