Kinder mit Autismus oder ADHS sind längst nicht mehr nur die Menschen, die den Unterricht stören und sich nicht anpassen können. Das hat nicht nur mit der Forschung zu tun, sondern vor allem mit den vielen Betroffenen, die offen über ihren Alltag und ihre Herausforderungen mit Neurodivergenz sprechen. Eine davon ist Isabel Demirel.
Neurodivergenz ist ein Sammelbegriff für neurologische Unterschiede in der Informationsverarbeitung des Gehirns, die von der als „typisch“ geltenden Norm abweichen. Dazu zählen unter anderem Autismus, ADHS, Legasthenie oder Dyskalkulie.
Auf ihrem Blog, auf Instagram und in ihrem Buch „Anders glücklich“ berichtet Isabel Demirel über ihren Alltag mit ihrem autistischen Sohn. Wie seine Herausforderungen das Familienleben verändern, hat sie uns im Interview erzählt.
Der Weg zur Autismus Diagnose für das eigene Kind
sanego: Wussten Sie schon von Anfang an, dass das Gehirn Ihres Kindes anders funktioniert oder gab es einen Zeitpunkt, an dem es Ihnen plötzlich klar wurde?
Isabel Demirel: Ich erinnere mich noch genau an den Moment als ich zum ersten Mal gespürt habe, dass mein Kind „irgendwie anders“ ist. Mein Sohn war damals sechs Monate alt und lag bei mir auf der Krabbeldecke. Er war ein sehr forderndes Baby, konnte keine 10 Sekunden ohne Interaktion auf der Decke liegen bleiben, forderte ständigen Körperkontakt ein und fiel motorisch im Vergleich zu seinen Altersgenossen immer weiter zurück. Damals hatte ich noch keine Ahnung von Autismus oder anderen Formen der Neurodivergenz. Ich war einfach nur eine 29-jährige Frau, die vor einigen Monaten zum ersten Mal Mutter wurde – und die völlig überrascht und überfordert davon war, wie anstrengend dieser Alltag mit Baby ist. Damals dachte ich: „Ich bin wohl einfach zu wenig robust fürs Mama sein.“ Ich dachte, allen anderen ginge es ähnlich, und sie steckten das einfach viel besser weg als ich. Heute weiß ich: Mein Sohn war ein enorm herausforderndes Baby, weil er autistisch ist – und war – und unser Alltag völlig anders als der der meisten anderen frischgebackenen Familien.“
sanego: Wie war der Weg zur Diagnose bei Ihnen? Würden Sie sagen, Sie haben gute Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem gemacht und fühlten sich dort unterstützt?
Isabel Demirel: Unser Weg zur Diagnose war ein sehr langer und steiniger. Es war eine große Hürde für mich, offen über meine Sorgen und Ängste in Bezug auf mein Kind zu sprechen und mich dem Kinderarzt schließlich nach über zwei Jahren des inneren Zweifels anzuvertrauen. Leider nahm mich dieser nicht ernst und tat mich als „Helikopter-Mutter“ ab. Dann äußerten die Erzieherinnen in der Kindertagesstätte erste Zweifel, weil unser Sohn mit zweieinhalb Jahren noch immer nicht sprach und auch weiterhin motorisch deutlich hinter der Norm war. Ich ging erneut zum Kinderarzt und bestand auf eine Überweisung an ein SPZ (Sozialpädiatrisches Zentrum). Nach zehn Monaten Wartezeit und einigen Tests, die ernüchternde Aussage der zuständigen Psychologin: „Ihr Sohn ist ganz bestimmt kein Autist. Schlagen Sie sich diesen Verdacht ein für alle Mal aus dem Kopf.“. Erst zwei Jahre später, als unser Sohn auf einen heilpädagogischen Kindergarten ging, und dort alle einstimmig Autismus vermuteten, wurden wir zur offiziellen Diagnostik zugelassen und bekamen sechs Monate später die Diagnose Autismus.
ist Journalistin, Yogalehrerin und Podcasterin. Nach der Autismus-Diagnose ihres Kindes (2021) und ihrer eigenen ADHS-Diagnose (2025) setzt sie sich aktiv für neurodivergente Familien ein.
Der Alltag mit Neurodivergenz ist anders
sanego: Welche Herausforderungen gibt es in Ihrer Familie, die neurotypische Familien nicht haben?
Isabel Demirel: Fragen Sie besser, welche Herausforderungen wir mit neurotypischen Familien gemeinsam haben! Ich glaube, da wäre ich schneller fertig. Beide meiner Kinder sind sehr wählerisch beim Essen. In der Regel essen sie weder im Kindergarten noch im Hort etwas zu Mittag. Sie kommen also nach Hause und haben großen Hunger. Wir haben auch keine Playdates und meine Kinder treffen sich am Nachmittag auch nicht mit Freunden, sondern sind in der Regel zu Hause. Jeder Supermarkt-Einkauf mit Kind muss akribisch geplant werden. Jeder Ausflug, jeder Besuch ebenfalls. Mein Kind schläft nachts nur mit Körperkontakt, also liegt immer ein Elternteil im Kinderbett. Und morgens beginnt der Tag immer um 5:40 Uhr weil dann das Melatonin im Körper bereits abgebaut ist. Je älter mein Kind wird, desto öfter eckt er, mit seiner ungefilterten, sehr ehrlichen und echten Art bei anderen Menschen an. Sie empfinden ihn als unerzogen, frech und manipulativ. Aktivitäten außerhalb unserer eigenen vier Wände sind also in der Regel ein Spießrutenlauf und wir Eltern überlegen uns inzwischen sehr genau, ob wir die Energie dafür haben oder nicht. Gleichzeitig haben wir uns mit den Jahren ein Umfeld geschaffen, das zu uns passt und Menschen gefunden, die uns als Familie so akzeptieren, wie wir sind. Das ist enorm heilsam und befreiend.
sanego: Ihre Familie besteht aus neurotypischen und neurodivergenten Mitgliedern. Welche besonderen Herausforderungen entstehen dadurch?
Isabel Demirel: Für neurotypische Menschen ist es oft schwierig, sich in neurodivergente Menschen hinein zu denken und ihnen die Toleranz entgegenzubringen, die es oft braucht. Wir haben noch eine kleine Tochter, die natürlich häufig aufgrund der Behinderung ihres großen Bruders zurückstecken muss. Das ist für uns Eltern oft sehr schwierig, ihr die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, wie ihrem großen Bruder, der sie oft viel intensiver einfordert. Unsere Tochter klarzumachen, dass sie genauso wichtig ist und wir sie genauso sehr lieben, ist mir sehr wichtig und ich lege einen besonderen Fokus auf Alleinzeit mit ihr – um ihr nicht das Gefühl zu geben, weniger zu zählen.
Raus aus dem Hamsterrad – trotz Herausforderungen
sanego: Sie beschreiben in Ihrem Buch einen Punkt, an dem Sie nicht mehr kämpfen und funktionieren, sondern wieder Leichtigkeit in Ihr Leben bringen wollten. Was glauben Sie, haben Sie zuvor falsch gemacht?
Isabel Demirel: Ich beschreibe nicht einen Punkt, sondern einen Weg, weg von Erschöpfung, Überforderung, Sorgen, Ängsten und Unsicherheit zu mehr Klarheit, Freude und Energie. Es gibt nicht die eine Sache, die man anders machen kann und Schwuppdiwupp ist die Energie wieder da. Es sind vielmehr viele kleine Stellschrauben, an denen man ganz individuell drehen kann, um so den eigenen Alltag Schritt für Schritt zu entlasten und individueller zu gestalten. Ich glaube, ein elementarer Punkt ist, sich frei vom Vergleich mit anderen Familien zu machen und aus dem Leistungsdruck unserer Leistungsgesellschaft auszusteigen. So viele Eltern versuchen krampfhaft, ihr Kind doch irgendwie in dieses System zu pressen. Sie wollen für ihr Kind Freunde finden, Hobbys und probieren eine Sache nach der anderen aus, in der Hoffnung, das Kind so mehr in die Norm zu bringen. Mich davon frei zu machen und mein Kind so zu akzeptieren, wie es ist und darin auch jede Menge Wunder und Schönes zu finden, hat bei mir ganz viel Druck und Traurigkeit rausgenommen.
sanego: Was waren die ersten Schritte, um aus diesem Hamsterrad herauszukommen?
Isabel Demirel: Bei mir begann alles mit sehr viel Selbstreflektion. Mein Sohn war ein Jahr alt, da fing ich wieder an zu arbeiten, und plötzlich klappte ich zusammen. Gar nichts ging mehr, und es war auch niemand da, der mir helfen wollte oder konnte. Ich begann damals mit geführten Meditationen. Das tat mir enorm gut. Ich habe gemerkt: Erst wenn ich in Verbindung mit mir selbst bin, kann ich auch in echte Verbindung mit meinem Kind gehen. Erst wenn ich aus dem hektischen Alltag Ausstieg und mir wirklich Zeit zum Fühlen und Nachdenken nahm, kamen Erkenntnisse und Ideen – die vieles zum Positiven verändert haben. Mein Nervensystem konnte runterfahren, und ich sah vieles klarer, entspannter und deutlich optimistischer.
sanego: Sie sprechen immer wieder von „die Neurodiversitäts-Welle reiten“. Was ist damit genau gemeint?
Isabel Demirel: Das Leben mit neurodivergenten Kindern empfinde ich oft, als wäre ich eine Surferin auf hoher See. In der Regel lernt man surfen erst einmal am Strand und bekommt die Theorie und die Technik in Ruhe beigebracht. Das vergleiche ich gerne mit Eltern, die ein typisches „Anfängerbaby“ bekommen. Wenn du ein neurodivergentes Baby bekommst, wirst du mit einem Helikopter über einem Tornado ins Meer geworfen – das Surfbrett hinterher, friss oder stirb. Schau, wie du zurechtkommst. So hat sich das für mich zumindest angefühlt. Dann musst du eben mitten auf hoher See lernen, Wellen zu reiten. Diese Wellen, das sind die intensiven Gefühlsausbrüche unserer besonderen Kinder. Je mehr Tools du aus meinem Buch berücksichtigst und dir aneignest, desto besser wirst du im Neurodiversitäts-Wellenreiten. Aber es ist eben etwas für das es Technik, Wissen und das richtige Arbeitsmaterial braucht. Genauso wie beim Wellenreiten in echt eben.
Was hilft und welche Veränderungen braucht es noch?
sanego: Glauben Sie, Sie haben einen leichteren Zugang zu Ihrem neurodivergenten Kind, weil Sie selbst ADHS haben?
Isabel Demirel: Auf jeden Fall! Von Anfang an habe ich intuitiv gespürt, was mein Sohn gerade braucht oder warum er sich gerade so oder so verhält. Wo viele verständnislos die Stirn gerunzelt haben, war mir oft klar, was das Problem ist. Ich konnte das nie in Worte fassen. Bin mir heute aber sicher: ich weiß das, weil ich vieles als Kind selbst so oder ähnlich erlebt habe.
sanego: Welche drei Ratschläge würden Sie anderen Eltern mit neurodivergenten Kindern mitgeben?
Isabel Demirel: Wenn sie ganz frisch von der Diagnose ihres Kindes erfahren haben, möchte ich Ihnen zuerst sagen: Habt keine Angst. Neurodivergenz ist im Grunde überhaupt nichts Schlimmes und auch überhaupt nichts Dramatisches. Es ist einfach, eine andere Form zu sein, und auch neurodivergente Menschen können ein wunderbares, schönes und erfülltes Leben haben.
Mein zweiter Ratschlag wäre: Entspannt euch, sonst verpasst ihr die ganzen Wunder.
Mein dritter Ratschlag: Experten und Expertinnen sind wichtig und gut doch die wichtigsten Entscheidungen und Leitplanken für das Leben eures Kindes trefft ihr als Eltern. Ihr seid die absoluten Experten und Expertinnen eures Kindes. Und es ist eure Aufgabe, für euer Kind einen Alltag voller Würde und Freude zu gestalten.
sanego: Und was sollte sich insgesamt ändern, damit es neurodivergenten Menschen leichter haben?
Isabel Demirel: Das Thema Inklusion ist immer noch ein Randthema unsere Gesellschaft. Für neurodivergente Kinder gibt es noch keine richtige Schulform beziehungsweise die aktuelle Regelschule ist für viele neurodivergente Kinder nicht tragbar. Auch Kita und Kindergarten sind so, wie sie aktuell gestaltet sind, für viele neurodivergente Kinder eine absolute Überlastung. Es bräuchte mehr Wissen und Toleranz in Bezug auf neurodivergente Menschen, denn im Grunde ist eine Neurodivergenz keine Behinderung, aber unsere Gesellschaft macht aktuell eine daraus.




