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/ Gelenkschmerzen lindern und vorbeugen: Sportmediziner Dr. Wolfgang Schillings im Interview

Gelenkschmerzen lindern und vorbeugen: Sportmediziner Dr. Wolfgang Schillings im Interview

Von: Elisabeth Maußner
Aktualisiert: 21.03.2025
Lesezeit: 6 Min.
BehandlungPhysiotherapieKrankheitenSymptome
Person hält sich den rechten Ellenbogen. Darauf sieht man eine Darstellung des Gelenks und der Knochen.
Bei Gelenkschmerzen können ausgewählte Übungen die Behandlung unterstützen, | © Clement C/peopleimages.com - stock.adobe.com

Ob durch eine Verletzung, bei Arthrose, Rheuma oder Gicht – schmerzende Gelenke können den Alltag erheblich einschränken. Doch können Gelenkerkrankungen und -Verletzungen auch ähnlich behandelt werden? Sportmediziner Wolfgang Schillings empfiehlt – in Absprache mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin – ein Übungsprogramm für alle Gelenkprobleme. Denn Gelenke wollen gefordert, aber nicht überfordert werden. Wie das genau funktioniert, hat er uns im Folgenden beantwortet.

Dr. Wolfgang Schillings

ist Sportmediziner und Mannschaftsarzt des HSV. Neben seinem Studium der Medizin schloss er 2002 auch sein Studium der Sportwissenschaften ab. Als Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin betreut er Patienten und Patientinnen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dort ist er sowohl im Ambulanzzentrum als auch im UKE Athleticum – Kompetenzzentrum für Sport- und Bewegungsmedizin tätig.

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Woher kommen Gelenkschmerzen?

sanego: Unter dem Begriff „Gelenk“ kann sich jede(r) grob etwas vorstellen. Doch die genaue Definition und Funktion kennen die wenigsten. Was sagen Sie als Experte: Was ist ein Gelenk?

Dr. Wolfgang Schillings: Ein Gelenk verbindet zwei Knochen miteinander und ermöglicht unserem Skelett Bewegung. Allerdings wird man der Komplexität eines Gelenks nicht gerecht, wenn man es lediglich definiert als Stelle im Körper, an dem zwei Knochen aufeinandertreffen. Damit ein Gelenk funktioniert, bedarf es eines harmonischen Zusammenspiels aus Knochen, Knorpel, Gelenkkapsel und -flüssigkeit sowie Schleimbeutel, Bändern, Sehnen und Muskeln.

sanego: Warum kommen Gelenkschmerzen so häufig vor?

Dr. Wolfgang Schillings: Eben genau, weil ein Gelenk ein so komplexes Gebilde ist und aus vielen Bestandteilen besteht, müssen für eine einwandfreie Funktion alle Zahnräder ineinandergreifen. Auf dieses sensible Konstrukt können im Laufe eines Lebens zahlreiche Störfaktoren einwirken, die sich negativ auf das Gelenkspiel auswirken können – und letztendlich zu Beschwerden führen. Das sind zum Beispiel mechanische Belastungen wie ein Sturz oder Umknicken sowie Fehl- und Überlastungen, außerdem biochemische Einwirkungen wie Entzündungen oder Infektionen und generalisierte Erkrankungen, die sich insbesondere an Gelenken manifestieren wie beispielsweise Gicht oder Rheumatische Erkrankungen. Und nicht zu vergessen: Wenn wir jahrzehntelang unser Gelenksystem nutzen und täglich gebrauchen, dabei möglicherweise auch schon mal übers Ziel hinausgeschossen haben, setzen Verschleißprozesse ein. Damit wären wir dann beim großen Thema der Gelenkarthrosen.

sanego: Wie kann ich erkennen, wann ich Gelenkschmerzen ernst nehmen sollte und wann schonen ausreicht?

Dr. Wolfgang Schillings: Gelenkschmerzen nach einem Unfallgeschehen mit hoher Krafteinwirkung, zum Beispiel nach einem Ausrutschen bei Glatteis und schmerzhaftem Abfangen mit dem Handgelenk, einem Verdrehen des Knies beim Sport oder etwa einem Aufprall der Hüfte bei einem Treppensturz, sollten grundsätzlich vom Arzt untersucht werden. Ein Arztbesuch ist auch zu empfehlen, wenn Beschwerden an Gelenken ohne erkennbare Ursache auftreten, insbesondere wenn diese zu einer Bewegungseinschränkung des Gelenks führen, das Gelenk geschwollen ist, die Haut um das Gelenk gerötet ist und sich erwärmt anfühlt und wenn begleitend zum Gelenkschmerz Fieber vorliegt. Ein Verschleppen dieser Symptome und damit eine verspätet eingeleitete Therapie könnten die Beschwerden verschlimmern.

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Buchcover fitte und starke Gelenke | © Stiftung Warentest

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Was kann bei Gelenkschmerzen helfen?

sanego: In Ihrem Buch „Fitte und starke Gelenke“ erläutern Sie ein ganzes Trainingsprogramm, um Gelenkbeschwerden zu verbessern. Warum können die Übungen bei zahlreichen Gelenkerkrankungen helfen?

Dr. Wolfgang Schillings: Einerseits sollte man die Gelenke nicht überlasten, aber auch eine dauerhafte Schonung im Sinne einer Unterforderung wirkt sich negativ auf das Gelenkspiel aus. Deshalb eignen sich am besten gezielte Übungen zur Kräftigung und Verbesserung der Beweglichkeit von Gelenken – und dies gilt nicht nur zur Vorbeugung von Beschwerden, sondern auch zur Behandlung von bereits bestehenden Gelenkerkrankungen. Denn wenn man die Gelenke bei Erkrankungen zu sehr schont, werden die Einschränkungen in der Regel mit der Zeit immer größer. Natürlich sollte niemand in akuten Schmerzphasen oder Entzündungsschüben Sport treiben, aber auch ein bereits verletztes beziehungsweise erkranktes Gelenk benötigt regelmäßige und gezielte Beübung, um seine Funktion zu erhalten. Diese muss natürlich vom Experten auf die individuellen Einschränkungen abgestimmt sein.

sanego: Gibt es eine Übung, die Sie uneingeschränkt jedem bzw. jeder empfehlen und hier vorstellen können?

Dr. Wolfgang Schillings: Insbesondere mit zunehmendem Alter wird das Thema Gleichgewicht immer wichtiger, vor allem zur Sturzprophylaxe. Aber auch für jüngere Sportler ist eine gute Standfestigkeit und Balancefähigkeit existentiell, um Verletzungen vorzubeugen. Und diese lässt sich durch eine ganz einfache Übung verbessern: Zähneputzen auf einem Bein, jeweils im Seitenwechsel, auf einer wackligen Unterlage wie zum Beispiel auf einem sogenannten Balance Pad. Nach einigen Wochen merkt man schon die Verbesserung, und das so ganz nebenbei.

sanego: Was kann ich außer den Übungen noch für fitte und gesunde Gelenke tun?

Dr. Wolfgang Schillings: Gelenke brauchen vor allem regelmäßige Bewegung und wollen nicht den ganzen Tag auf „Standby“ stehen. Wenn Sie also beispielsweise einen Job im Büro haben, stehen Sie immer mal wieder auf und recken und strecken sich, lassen Sie Ihre Beine bewusst baumeln und gehen Sie zwischendurch einige Schritte. Um die Gelenke zu entlasten ist außerdem ein normales Körpergewicht entscheidend. Studien zeigen, dass bereits zehn Prozent zusätzliches Körpergewicht das Risiko für eine Arthrose um 300 Prozent erhöhen. Zudem empfehle ich immer, den Vitamin-D-Spiegel im Blick zu haben. Denn das „Sonnenvitamin“ ist nicht nur wichtig für unser Abwehrsystem und die Muskeln, sondern auch für unseren Gelenkstoffwechsel. Viele haben hier eine Unterversorgung und sollten gerade in der dunklen Jahreszeit ein Vitamin-D-Präparat einnehmen.

Wie kann ich Gelenkschmerzen vorbeugen?

sanego: Haben Sie abschließend einen Tipp, was hilft, damit Gelenkschmerzen gar nicht erst entstehen?

Dr. Wolfgang Schillings: Wenn Sie einen Beruf haben, der für bestimmte Gelenke sehr belastend ist (z. B. die Schulter bei Handwerkern oder Malern) oder eine gelenkbelastende Sportart ausüben (z. B. Fußball, Handball oder Volleyball), dann sollten Sie auf diese Gelenke ganz besonders achten und parallel zu Ihrem Job oder zum Training konsequent Kräftigungs- und Mobilisationsübungen für die belasteten Gelenke durchführen, um deren Belastbarkeit zu steigern und Sie resistenter gegen schädliche Einflüsse zu machen. Denn: Vorsorge ist besser als Therapie – also nicht erst warten, bis es weh tut, sondern bestenfalls schon vorher etwas Gutes für Ihre Gelenke tun.

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