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/ Wie beeinflussen Hormone unsere mentale Gesundheit? Hormonexpertin Dr. Katharina Maria Burkhardt und Medizinjournalistin Sylvia Neubauer im Interview

Wie beeinflussen Hormone unsere mentale Gesundheit? Hormonexpertin Dr. Katharina Maria Burkhardt und Medizinjournalistin Sylvia Neubauer im Interview

Von: Tamara Todorovic

Veröffentlicht: 11.04.2024

Lesezeit: 8 Min.

Vorsorge | Psychologie | Tipps

Der Körper und die Psyche beeinflussen sich immer gegenseitig. Maßgeblich daran beteiligt sind unser Nervensystem, Darm und Hormonhaushalt, die in engem Informationsaustausch stehen.
Der Körper und die Psyche beeinflussen sich immer gegenseitig. Maßgeblich daran beteiligt sind unser Nervensystem, Darm und Hormonhaushalt, die in engem Informationsaustausch stehen. | © abraca_da - stock.adobe.com

Ob Schmetterlinge im Bauch, Lampenfieber auf der Bühne oder der kalte Schauer, der uns über den Rücken läuft: Der Körper und die Psyche beeinflussen sich immer gegenseitig. Maßgeblich daran beteiligt sind unser Nervensystem, Darm und Hormonhaushalt, die in engem Informationsaustausch stehen. Liegt ein hormonelles Ungleichgewicht vor, dann hat das weitreichende Auswirkungen auf unseren gesamten Organismus.

Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hormonexpertin Dr. Katharina Maria Burkhardt und Medizinjournalistin Sylvia Neubauer erklären in ihrem Buch „Glück ist Hormonsache: Der natürliche Weg, um Körper und Seele in Balance zu bringen und psychischen Leiden gezielt entgegenzuwirken.“, wie sich die Systeme unseres Körpers gegenseitig regulieren und unzählige Vorgänge in unserem Organismus beeinflussen. Die beiden Autorinnen geben praktische Hilfen und Behandlungsansätze an die Hand, mit denen Sie Ihren Körper und Geist wieder ins Gleichgewicht bringen und zu mehr Lebensqualität finden können.

Im Interview haben sie uns verraten, wie unsere Psyche und Hormone miteinander zusammenhängen und welche wichtige Rolle unser Darm dabei spielt.

sanego: Sie haben ein Buch über das Zusammenspiel von Hormonen auf unsere Psyche geschrieben. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?

Burkhardt / Neubauer: Da haben mehrere Faktoren zusammengewirkt: Eigene Betroffenheit. Ergebnisse aus langjähriger Hormonforschung. Faszination dem Thema gegenüber. Und nicht zuletzt das Bestreben, eine breite Palette an Behandlungsmöglichkeiten für mentale Probleme aufzuzeigen. Häufig ist es so, dass psychisch kranken Menschen automatisch Psychopharmaka angeraten werden. Nicht falsch verstehen: Diese Medikamente können für manche Personen durchaus eine Option sein, um wieder seelisches Gleichgewicht zu erlangen. Aber sie sind nicht für alle Menschen hilfreich. Wenn man bedenkt, dass in unserem Organismus alles – von der kleinsten Zelle bis zum größten Organ – eng miteinander verbunden ist, so wird schnell klar: Die Behandlungsbausteine müssen individuell an die Bedürfnisse der Betroffenen angepasst werden. Was dem einen hilft, tut dem anderen weniger gut und umgekehrt. Das ist ähnlich wie bei einem Puzzle: Es entsteht nur dann ein harmonisches Bild, wenn alle notwendigen Teile vorhanden und richtig ineinandergefügt werden.

sanego: Wie hängen unsere Psyche und Hormone miteinander zusammen?

Burkhardt / Neubauer: Überspitzt formuliert könnte man sagen: „Zeig mir deinen Hormonstatus und ich sag dir, wer du bist.“ Tatsächlich sind Hormone sehr eng mit unserem emotionalen Wohlbefinden und auch mit unserem Verhalten verbunden. Hormone können uns sowohl selbstsicher als auch traurig und ängstlich machen. Sie können uns voller Schwung durchs Leben gehen lassen oder aber komplett erschöpfen. Letztendlich fühlen wir uns dann glücklich und zufrieden, wenn alle Botenstoffe miteinander tanzen. Und zwar nicht irgendwie, sondern unter Einhaltung einer bestimmten Choreografie. Soll unser Körper im Gleichgewicht bleiben, darf kein Hormon aus der Reihe tanzen. Im Buch wird genau beschrieben, was passiert, wenn nur einer der Bühnenkünstler einen Freestyle entwickelt.

Dr. Katharina Maria Burkhardt

ist Hormonspezialistin und seit über 20 Jahren als Lehrende, Supervisorin und Autorin tätig. Bereits früh in ihrem Leben entdeckte sie ihr Interesse und ihre Begabung für alternative Heilweisen. Geprägt durch ihre persönliche Entwicklung und Lebenserfahrung absolvierte Burkhardt eine umfassende Ausbildung in den unterschiedlichsten Bereichen der Heilungs-, Therapie- und Beratungsschulen. Besonders fasziniert sie die Welt der Hormone und des Mikrobioms. Sie erforscht die Auswirkungen von Lifestyle auf die Gesundheit und von Traumata auf das Immunsystem.

Mag. Sylvia Neubauer

ist seit knapp zwei Jahrzehnten als freie Medizinjournalistin tätig. Ihr Kredo „Jedes Problem beinhaltet seine eigene Lösung“, spiegelt sich nicht nur in ihrem Leben, sondern auch in ihren Texten wider. Insofern, als dass jeder Mensch einzigartig ist und der Umgang mit Krankheiten entsprechend individuell ausfallen muss. Neubauer schreibt sowohl laienverständliche Artikel als auch fachspezifische Texte, beispielsweise für Ärztemagazine. Ihr liebstes Werkzeug ist die bildhafte Sprache – wo es inhaltlich passt, darf gerne auch mal ein sarkastischer Unterton dabei sein.

sanego: Wem würden Sie empfehlen, sich mit seinem Hormonhaushalt genauer zu beschäftigen?

Burkhardt / Neubauer: Jedem, der über diffuse Beschwerden klagt – über Symptome, die sich nicht so recht einordnen lassen. Zum Beispiel Menschen, denen unergründliche Ängste quälen oder die sich über einen längeren Zeitraum mit Schlafstörungen und bleierner Müdigkeit herumplagen. Auch Panikattacken, die scheinbar aus dem Nichts auftauchen, haben vielfach einen hormonellen Hintergrund. Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen: Liegt vielleicht eine Schilddrüsendysfunktion vor? Ein Progesteronmangel? Ein Testosteronmangel? Eine Adrenalindominanz? Eine Estrogendominanz? Alle diese hormonellen Dysbalancen können Angststörungen aller Art verursachen. Natürlich gibt es auch andere Ursachen, die mitspielen. Das gilt es immer interdisziplinär abzuklären.

sanego: Ihr Buch richtet sich insbesondere an Betroffene von ADHS, Angstzuständen, Schlafstörungen, Burn-out und Depressionen. Warum gerade diese psychischen Erkrankungen?

Burkhardt / Neubauer: Im letzten Kapitel gibt es Fährpläne, die explizit für diese Krankheitsbilder entwickelt wurden und Schritt für Schritt durch den Prozess der Genesung führen. Wenn man Symptome an sich erkennt, die auf eine bestimmte Erkrankung hindeuten, steht man ja oft vor der Frage: Wo setze ich jetzt an? Betroffene von ADHS, Angstzuständen, Schlafstörungen, Burn-out und Depressionen werden durch das Labyrinth an Möglichkeiten geleitet. Sie erfahren: Welche Ursachen können hinter den Beschwerden stecken? Wie bringt man Licht ins Dunkel? Welche Stellschrauben können gedreht werden, um sich besser zu fühlen?

sanego: Kommen wir nun zum Thema Darm und seinem Mikrobiom. Inwiefern beeinflussen Darmbakterien unsere mentale Gesundheit?

Burkhardt / Neubauer: Generell ist es so, dass unser Bauch und das Gehirn einen guten Draht zueinander haben. Wir kennen es: Sind wir verliebt, haben wir Schmetterlinge im Bauch. Der Darm signalisiert dem Gehirn: Hallo Kollege, spürst du es auch? Es liegt Liebe in der Luft! Tatsächlich stehen die beiden Organe über eine Art Funkantenne in regem Austausch. Die meisten dieser Signale – stolze 90 Prozent – werden von „unten nach oben“ gesendet. Nun könnte man meinen, Darm und Gehirn wären in trauter Zweisamkeit vereint. In Wirklichkeit erfolgt der Kommunikationsaustausch aber über ein geschäftiges Gruppenkuscheln. Mit an Bord ist unsere Billionen-starke Mikroben-Gesellschaft.

Das Darmmikrobiom umfasst eine Vielzahl an Kleinstlebewesen, die vorwiegend im unteren Dünn- und Dickdarm beheimatet sind. Ganze Kolonien von Bakterien, Viren und Pilzen tummeln sich dort.
Das Darmmikrobiom umfasst eine Vielzahl an Kleinstlebewesen, die vorwiegend im unteren Dünn- und Dickdarm beheimatet sind. Ganze Kolonien von Bakterien, Viren und Pilzen tummeln sich dort. | © sanego.de

Unsere Mikroben sind in der Lage, eine ganze Reihe an Botenstoffen zu bilden. Allen voran sind das Adrenalin, Dopamin und unser besonderer Gute-Laune-Beauftragter, das Serotonin. Häufig denken wir bei diesem Hormon zuerst ans Gehirn. Fest steht aber: 95 Prozent der Serotoninproduktion findent im Darm statt. Ein Vertreter aus der großen Familie der Milchsäurebakterien – das Bifidobacterium infantis – ist beispielsweise an der Synthese von Tryptophan beteiligt. Diese Aminosäure ist der Grundbaustein unseres Glückshormons. Andere Mikroben-Kumpels fackeln erst gar nicht lange herum und regen die Zellen in der Darmwand direkt dazu an, Serotonin zu produzieren. Alle Signalstoffe werden über die Darm-Hirn-Achse an das zentrale Nervensystem weitergegeben. Unser Darm ist so bemächtigt, unsere Gefühle wie ein zweites Gehirn zu steuern – er kann uns aktiv oder lustlos, fröhlich oder traurig machen.

sanego: Welche Rolle spielt Ernährung für unsere Psyche?

Burkhardt / Neubauer: Eine sehr große! Unser Ernährungsstil verändert nicht nur die Zusammensetzung der Mikroorganismen im Darm, sondern steuert auch Entzündungsprozesse und wirkt sich gleichermaßen auf die Entstehung wie auf den Verlauf psychischer Erkrankungen aus. Mangelt es uns beispielsweise an bestimmten Vitaminen oder Mineralstoffen, so kann uns das schon mal den letzten Nerv kosten – wortwörtlich. Mikronährstoffdefizite führen zu tiefgreifenden Veränderungen der neuroendokrinen und immunologischen Regulation. Die Folge: Unsere Neurotransmitter- und Hormonbalance gerät aus dem Gleichgewicht.

Es gibt bestimmte Mikronährstoffe, die als Cofaktoren in der Hormonsynthese eine wichtige Rolle spielen. Um es ein wenig verständlicher zu machen: Mikronährstoffe sind für unsere Hormone wie der Zündschlüssel für ein Auto – fehlen sie, kann der Wagen nicht richtig in Betrieb gesetzt werden. Dann sind wir mit stotternden und quietschenden Motoren unterwegs und fühlen uns auch so, nämlich unrund. Es ist deshalb unabdingbar, bei einer Hormontherapie auch die dazugehörigen Mikronährstoffe zu ersetzen. Bei einem Testosteronmangel wäre das der Mineralstoff Zink, bei einem Progesteronmangel Vitamin B6 – um nur zwei Beispiele zu nennen.

Neben Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen gibt es noch weitere mentale „Helferlein“ – etwa Omega 3 Fettsäuren. Diese mehrfach ungesättigten Fettsäuren können Entzündungsreaktionen im Körper eindämmen.

Man weiß inzwischen, dass kleine Entzündungsherde (man spricht von „Silent Inflammation“) eine Vielzahl an Erkrankungen begünstigen – unter anderem auch Depressionen.
Man weiß inzwischen, dass kleine Entzündungsherde (man spricht von „Silent Inflammation“) eine Vielzahl an Erkrankungen begünstigen – unter anderem auch Depressionen. | © sanego.de

sanego: Wo können Patienten und Patientinnen anfangen, wenn sie Körper und Psyche in Balance bringen wollen?

Burkhardt / Neubauer: Indem sich diese mal ansehen, was sich im eigenen Körper eigentlich so abspielt. Verschiedene Tests geben Aufschluss auf die Fragen:

  • Wie steht es um meinen Nährstoffstatus?

  • Geht es meinen Darmbewohnern gut?

  • Sind meine Hormone im Gleichgewicht?

Neben der Standarduntersuchung der Hormone über das Blut können zusätzlich Hormonspeicheltests durchgeführt werden. Diese eignen sich vor allem, um Dysbalancen im hormonellen System zu erkennen. Es kann vorkommen, dass im Bluttest eine ausreichend große Hormonmenge erscheint, jedoch ein komplettes Missverhältnis unter den einzelnen Hormonen vorliegt. Ein Beispiel: Der im Blut gemessene Progesteronspiegel liegt im Referenzbereich. Dennoch können Symptome eines Progesteronmangels auftreten, wenn im Verhältnis zu viel Estradiol (umgangssprachlich als „Östrogen“ bekannt) gebildet wird. Über eine Stuhlfloraanalyse erfährt man wiederum, ob der Haussegen bei den Darmuntermietern schief hängt, oder nicht. Auf Basis der Testergebnisse lassen sich dann zielgerecht passende Behandlungsmethoden finden.

Autoreninformation

Tamara Todorovic

Medizinische Redakteurin

Tamara Todorovic studierte Germanistik und English & American Studies. Während dieser Zeit arbeitete sie beim Jugendmagazin des Franken Fernsehens, einem Hörfunksender der Mediaschool Bayern, sowie Deutschlands führendem Medienunternehmen für Gaming- und Hardware-Trends.

Anschließend absolvierte sie ihr Volontariat bei unternehmer.de. Seit April 2021 ist sie bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG, zu der sanego.de gehört, als Medizinische Redakteurin tätig und auch für den Bereich Content Commerce zuständig.

Während Tamaras Schulzeit im sozialen Zweig einer Fachoberschule kristallisierte sich ihr Interesse für Psychologie und Pädagogik heraus. Ihre schulischen Praktika absolvierte sie in einem Autismus-Zentrum, in den Dr. Erler Kliniken Nürnberg, bei der Nürnberger Tafel, in Kindergärten sowie in einem Pflegeheim. Ihr fachliches Wissen sowie diese Praxiserfahrung im sozialen Bereich gibt sie am liebsten in Artikeln rund um das Thema mentale Gesundheit zum Besten.

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