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Suchtrisiko ADHS: Was sollten Betroffene dazu Wissen? Sucht-Coach Gaby Guzek im Interview

Von: Elisabeth Maußner Geprüft von: Nina Kischke
Aktualisiert: 15.07.2026
Lesezeit: 5 Min.
KrankheitenPsychologieBehandlungFamilie
Eine Frau nimmt zwei Pillen aus der flachen Hand. Blick über die Schulter.
Selbstmedikation ist besonders bei spät erkanntem ADHS weit verbreitet. | © Diego Cervo - stock.adobe.com

Das Suchtrisiko ist bei ADHS zwei- bis dreimal so hoch – doch was bedeutet das für Betroffene genau? In “Suchtrisiko ADHS - wenn das Gehirn nicht anders kann” gehen Gaby Guzek und Lisa Guzek dieser Frage auf den Grund. Denn: Menschen mit ADHS können Sucht vorbeugen, auch schon im Kindes- und Jugendalter. Wie diese Prävention aussieht und was bei der Suchtherapie mit ADHS beachtet werden muss, hat Sucht-Coach Gaby Guzek in unserem Interview erklärt.

"Suchtrisiko ADHS – Wenn das Gehirn nicht anders kann" bei folgenden Shops:

sanego: Viele Menschen denken bei Sucht an Drogen oder Zigaretten, der Begriff umfasst aber noch viel mehr. Was fällt alles darunter und wie wird Sucht definiert?

Gaby Guzek: Sucht braucht keine Substanz. Natürlich gehören Alkohol, Nikotin, Cannabis und Schmerzmittel dazu. Aber auch Glücksspiel, Gaming, Kaufen, Essen, Pornografie oder Arbeit können zu echten Suchterkrankungen werden — mit denselben Mechanismen im Kopf: Kontrollverlust, immer mehr brauchen, nicht aufhören können, obwohl man längst weiß, dass es einem schadet. So definiert sich Sucht. Sucht ist aber keine Charakterschwäche, sondern eine klar neurobiologisch erklärbare Erkrankung.

Warum ist das Suchtrisiko bei ADHS erhöht?

sanego: Können Sie zum Einstieg erklären, warum es einen Zusammenhang zwischen ADHS und Sucht gibt?

Gaby Guzek: Das ADHS-Gehirn hat zu wenig Dopamin — oder genauer: Das Belohnungssystem funktioniert nicht so zuverlässig wie bei anderen. Der Effekt: dauernde Unterstimulation, schlechte Impulskontrolle, das Gefühl, nie wirklich zur Ruhe zu kommen. Alkohol, Cannabis oder auch Zucker und Glücksspiel ändern das — schnell, zuverlässig, spürbar. Viele Betroffene beschreiben es nicht als Rausch, sondern als Erleichterung: Endlich normal.

Das ist keine Schwäche. Das ist das Gehirn, das sich selbst hilft — mit dem, was gerade verfügbar ist. Langfristig führt dieser Weg aber direkt in die Abhängigkeit. Das Suchtrisiko bei ADHS ist je nach Substanz zwei- bis dreimal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung.

Gaby Guzek

ist Fachjournalistin für Wissenschaft und Medizin und Sucht-Coach in Österreich. Als ehemalige Süchtige hat sie sich intensiv mit den Themen Sucht und Suchttherapie beschäftigt. Das Buch “Suchtrisiko ADHS - wenn das Gehirn nicht anders kann” hat sie gemeinsam mit ihrer Schwester Lisa Guzek verfasst, bei der mit 26 Jahren ADHS diagnostiziert wurde.

sanego: Betrifft das vor allem Menschen mit oder ohne Diagnose?

Gaby Guzek: Vor allem Menschen, die ihre ADHS nicht kennen — oder erst sehr spät diagnostiziert wurden. Wer mit 35 zum ersten Mal hört, dass er bzw. sie ADHS hat, hat häufig bereits jahrelang selbst nach Lösungen gesucht: Koffein, Alkohol, Cannabis, exzessiver Sport, Arbeit. Das nennt sich Selbstmedikation, und es funktioniert kurzfristig erschreckend gut. Bis es nicht mehr funktioniert.

Frauen trifft das besonders hart: Sie werden später diagnostiziert, weil ihr ADHS anders aussieht — weniger laut, mehr innerlich chaotisch. Und sie landen entsprechend häufiger mit der Nebendiagnose Depression oder Angststörung beim Arzt oder der Ärztin, ohne dass jemand die eigentliche Ursache erkennt.

Suchtrisiko und ADHS: lange bekannt, selten kommuniziert

sanego: Seit wann ist dieser Zusammenhang bekannt?

Gaby Guzek: Seit den 1990er-Jahren — damals haben amerikanische Forscher:innen erstmals systematisch untersucht, wie viele Menschen mit ADHS auch eine Suchterkrankung entwickeln. Die Zahlen waren eindeutig. Nur: In der Praxis ist das bis heute nicht wirklich angekommen. Suchtmedizin und ADHS-Behandlung laufen in Deutschland und Österreich weitgehend getrennt — verschiedene Fachärzte und Fachärztinnen, verschiedene Leitlinien, verschiedene Wartelisten. Wer beides hat, sitzt zwischen allen Stühlen.

sanego: Werden Betroffene mit der Diagnosestellung über ihr erhöhtes Suchtrisiko aufgeklärt?

Gaby Guzek: Meistens nicht. Die Diagnose wird gestellt, vielleicht ein Medikament verschrieben — und dann ist das Gespräch oft schon vorbei. Dass Menschen mit ADHS ein deutlich höheres Risiko haben, abhängig zu werden, und was sie dagegen tun können, bleibt häufig ungesagt. Dabei wäre genau dieser Moment — die Diagnosestellung — die beste Gelegenheit, gegenzusteuern. Das ist einer der Gründe, warum wir dieses Buch geschrieben haben.

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Wie können Menschen mit ADHS einer Sucht vorbeugen?

sanego: Was können Menschen mit ADHS vorbeugend tun, um nicht süchtig zu werden?

Gaby Guzek: Das Wichtigste: Das ADHS ernst nehmen und behandeln lassen. Ein gut eingestelltes ADHS-Gehirn braucht deutlich weniger Selbstmedikation in Form von Drogen (dazu zählt auch Alkohol).

Regelmäßiger Sport ist kein Wellness-Tipp, sondern nachweislich eine der effektivsten Maßnahmen — er verbessert genau die Botenstoffe im Gehirn, die bei ADHS aus dem Gleichgewicht geraten sind.

sanego: Gibt es Maßnahmen, die auch Kindern und Jugendlichen mit ADHS helfen, einer Sucht vorzubeugen?

Gaby Guzek: Ja — und je früher, desto besser. Kinder, die früh eine ADHS-Diagnose bekommen und gut begleitet werden, haben nachweislich ein geringeres Suchtrisiko später. Entscheidend ist auch, was Eltern wissen — oder nicht wissen. Wer das Verhalten seines Kindes als Faulheit oder Willensschwäche deutet, reagiert anders als jemand, der versteht, was neurobiologisch dahintersteckt.

Im Buch haben wir ein eigenes Kapitel für Eltern geschrieben: Wann spricht man mit Kindern über Suchtrisiken? Wie? Mit welchen Worten, je nach Alter? Der Ansatz ist nicht Verbote, sondern Wissen: Kinder, die verstehen, warum ihr Gehirn auf manche Dinge anders reagiert als das ihrer Freunde und Freundinnen, können bewusstere Entscheidungen treffen.

sanego: Gibt es sonst noch etwas, was zum Thema ADHS und Sucht wichtig ist, aber oft untergeht?

Gaby Guzek: Zwei Dinge, die wirklich selten gesagt werden. Erstens: Wer ADHS hat und süchtig wird, braucht eine andere Therapie als jemand ohne ADHS. Klassische Suchttherapie setzt auf Selbstreflexion, Mustererkennung, Gruppenarbeit — alles Dinge, die dem ADHS-Gehirn strukturell schwerfallen. Eine Therapie, die das ignoriert, scheitert — und der Betroffene bekommt anschließend attestiert, er sei „therapieresistent“ oder „nicht motiviert“. Das ist in etwa so hilfreich wie einen Kurzsichtigen zu beschimpfen, weil er die Tafel nicht liest.

Zweitens: Rückfälle passieren häufiger und heftiger, wenn das ADHS nicht mit behandelt wird. Das ist kein Versagen der Person — das ist die vorhersehbare Folge einer nicht erkannten Grunderkrankung. Die Botschaft unseres Buches ist deshalb nicht: Reiß dich zusammen. Sondern: Versteh dein Gehirn. Dann kannst du anfangen, klug damit umzugehen.

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