Diäten, Verbote und ständiges Kalorienzählen - für viele ist das der einzige Weg, sich gesund zu ernähren oder Gewicht zu reduzieren. Doch was wäre, wenn es eine Methode gäbe, wieder im Einklang mit dem eigenen Körper zu essen?
Intuitive Ernährung setzt genau hier an: Es geht darum, beim Essen wieder auf den eigenen Körper zu hören statt sich von Schuldgefühlen und Regeln leiten zu lassen. Doch geht das auch mit Erkrankungen wie Diabetes oder PCOS?
Ja, sagt Ernährungswissenschaftlerin Dr. Antonie Post sagt. Sie berät schon seit vielen Jahren Menschen, die sich gesund ernähren möchten, aber nicht mehr in den Kreislauf aus Diäten und Jojo-Effekt geraten möchten. Ihr Buch „Intuitiv essen, gesünder werden, besser leben - Entspannt essen bei chronischen Erkrankungen“ erläutert, wie medizinische Ernährungsvorgaben mit einer intuitiven Ernährung vereinbart werden können.
Bei uns im Interview erklärt sie, wie intuitives Essen funktioniert, warum Abnehmen dabei nicht das Ziel sein sollte und warum es bei chronischen Erkrankungen dennoch helfen kann.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Gewicht und Gesundheit?
sanego: Studien zeigen ganz klar, dass Übergewicht eine Reihe von Erkrankungen, wie Diabetes, Bluthochdruck oder Fettleber, begünstigt. Warum können wir trotzdem nicht vom Gewicht auf die Gesundheit schließen?
Dr. Antonie Post: Keine Frage, viele Studien zeigen einen statistischen Zusammenhang zwischen einem höheren Körpergewicht und bestimmten Erkrankungen. Diese Studien zeigen aber keine direkte Kausalität, das bedeutet: Das Gewicht allein ist kein verlässlicher Indikator für den Gesundheitszustand einer Person. Erkrankungen entstehen durch ein Zusammenspiel von Genetik, Stoffwechsel, Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress und sozialen Faktoren. Weil aber sowohl die Faktoren selbst, als auch die Wechselwirkungen untereinander so komplex sind, können wir weder in den Studien selbst, noch auf individueller Ebene unterscheiden, ob das Körpergewicht der Auslöser für eine Erkrankung ist oder vielleicht nur ein Begleitsymptom, bspw. aufgrund hormoneller Veränderungen, chronischen Stress oder der Gabe bestimmter Medikamente. Haben wir den Fokus zu sehr auf dem Gewicht, kann das dazu führen, dass Beschwerden oder Erkrankungen übersehen werden oder vorschnell auf die Empfehlung „nehmen Sie doch mal ab“ reduziert werden, anstatt individuell und evidenzbasiert zu behandeln. Das Gewicht wird dann zur Stellvertretergröße und Abnehmen zur „Lösung für alles“. Dabei wissen wir längst, dass Lebensstilveränderungen auch ohne Gewichtsveränderung sehr positive Effekte haben können. Selbst die aktuelle Diabetes-Leitlinie nennt diesen sogenannten gewichtsneutralen Ansatz – wenn auch eher am Rande. Was noch dazu kommt: So viele meiner mehrgewichtigen Patientinnen haben große Angst vor dem Arztbesuch – zu Recht, da die Wahrscheinlichkeit mit zunehmendem Gewicht steigt, dass sie beschämt werden oder sogar Stigmatisierung oder Diskriminierung erleben. Doch wenn unsere Zielgruppe nicht den Weg zu uns findet, wie sollen wir sie dann unterstützen und behandeln? Denn auch das zeigen Studien ganz eindeutig: Mehrgewichtige Menschen nehmen aus Angst Vorsorgetermine seltener wahr, warten bei Beschwerden länger mit dem Arztbesuch, werden kürzer und weniger gründlich untersucht und später mit Medikamenten behandelt als schlanke Personen mit denselben Beschwerden.

Warum Ernährungsregeln uns oft nicht weiterbringen
sanego: In Ihrem Buch schreiben Sie: “Es ist ganz natürlich, gegen von außen auferlegte Essensregeln zu rebellieren.“ Warum ist das so?
Dr. Antonie Post: Das liegt daran, dass unser Essverhalten nicht nur biologisch, sondern auch psychologisch und sozial gesteuert ist. Das Bedürfnis nach Autonomie spielt bei unserem Essverhalten eine größere Rolle als uns häufig bewusst ist. Unsere Ernährung lässt sich nicht auf die Zufuhr von Makro- und Mikronährstoffen herunterbrechen (wie wir das so häufig in den Empfehlungen zu einer „gesunden Ernährung“ erleben), sondern ist für viele Menschen ein sensibles und emotional höchst aufgeladenes Thema. Wenn Essensregeln von außen kommen, sei es durch Diäten, vermeintlich „gesunde“ Vorgaben oder gesellschaftliche Normen, dann erleben viele Menschen das als (übermäßige) Kontrolle. Diese setzt oft einen unbewussten Widerstand, v.a. wenn die Regeln in unsere alltäglichen, persönlichen Entscheidungen eingreifen. Da ist die Rebellion vorprogrammiert und diese kann sich auf verschiedene Weise äußern. Bspw. durch das absichtliche „Brechen“ der Regel mit einer Art „Jetzt erst recht!“-Denkweise oder auch durch das ständige gedankliche Kreisen um diese verbotenen Lebensmittel oder durch unkontrollierbaren Heißhunger, der im ungünstigsten Fall in einen Kontrollverlust enden kann, besonders nach restriktiven Phasen. Das kann man sich vorstellen wie ein Pendel. Je weiter ich es in eine Richtung auslenke, umso heftiger und weiter wird es in die andere Richtung schwingen, wenn ich loslasse. Diesem Kontrollverlust begegnen viele Menschen dann mit einer noch stärkeren Restriktion und im schlimmsten Fall entsteht dadurch ein Teufelskreis aus Hungern, Essanfällen, Sportverweigerung und exzessivem Training.
"Nicht jede Diät endet in einer Essstörung, aber so gut wie jede Essstörung hat einmal mit einer Diät angefangen."
Dr. Antonie Post
sanego: Statt Regeln und Verbote setzen Sie bei der Ernährung auf intuitives Essen. Doch wie intuitiv ist unsere Nahrungsaufnahme eigentlich noch?
Dr. Antonie Post: Das ist eine sehr gute Frage. Ich denke, dass unsere Intuition beim Essen in unserer modernen Welt auf vielfache Weise überlagert werden kann. Sie ist aber nicht verloren und lässt sich wieder freilegen und stärken, wenn wir Raum für eine bewusste innere Wahrnehmung schaffen. Das bedeutet, dass wir wieder lernen, Körpersignale zu erkennen und ernst zu nehmen und uns vom Regeldenken lösen und die Kontrolle unseres Essverhaltens hinterfragen dürfen. Es gibt die These, dass wir in einer sogenannten adipogenen (dickmachenden) Umwelt leben, die durch eine abnehmende körperliche Aktivität und die leichte Verfügbarkeit hochkalorischer und stark verarbeiteter Lebensmittel gekennzeichnet ist, die gezielt auf unser Belohnungssystem wirken. Viele Menschen könnten dadurch den „Verlockungen“, z. B. in Form von Fast Food und Süßigkeiten, nur schwer widerstehen und eine Gewichtszunahme sei quasi vorprogrammiert. Es gibt aber auch die Gegenthese, dass die steigende Inzidenz von Diäten mit Restriktionen beim Essen in Verbindung mit dem unrealistischen Schönheitsideal in einen Diätkreislauf führt, der zuverlässig dicker macht. Studien zeigen ganz klar, dass der wahrscheinlichste Outcome von zielgerichteten Interventionen zur Gewichtsreduktion eine Gewichtszunahme ist. Oder anders gesagt: Die meisten Menschen sind nach der Diät dicker als vorher, nicht umgekehrt. Ich persönlich denke, dass die Wahrheit irgendwo zwischen den beiden Thesen liegt, denn es ist selten irgendetwas schwarz oder weiß. Natürlich könnte unser Körper in einer idealen Umgebung mit zuverlässigen Essenzeiten, ausreichender Versorgung, wenig emotionalem Stress, keiner oder zumindest weniger Ablenkung durch Medien, Reizüberflutung oder Multitasking beim Essen, sehr viel einfacher regulieren, wann, was und wie viel wir brauchen. Sich mit den eigenen Bedürfnissen zu verbinden und bspw. Hunger und Sättigung wieder zuverlässig zu spüren und angemessen darauf zu reagieren, ist aber auch unter den erschwerten Bedingungen, die wir haben, möglich. Wichtig dabei ist, dass wir die Intuitive Ernährung dabei als einen achtsamen Lernprozess begreifen, mit dem wir diese Hürden und Hindernisse, die wir mit unserer modernen Lebensweise größtenteils selbst erschaffen haben, bestmöglich umschiffen können.
Wie funktioniert intuitive Ernährung
sanego: Wie können wir intuitive Ernährung erlernen?
Dr. Antonie Post: Intuitive Ernährung können wir dadurch lernen, dass wir üben, intuitiv zu essen. Theoretisch kommen wir alle als intuitive Esser:innen zur Welt. Im Laufe des Lebens wird diese Intuition oft durch äußere Einflüsse wie Erziehungsregeln, Diäten oder gesellschaftliche Normen überlagert oder unterdrückt. Die US-amerikanischen Ernährungswissenschaftlerinnen Evelyn Tribole und Elyse Resch haben 1995 ein Buch veröffentlicht, in dem sie die 10 Prinzipien der Intuitiven Ernährung definiert haben (mittlerweile in der 4. Auflage erschienen), die dabei helfen, die Rahmenbedingungen zu schaffen für eine bedürfnisorientierte Ernährung, die aus Selbstfürsorge motiviert ist – so ihre Definition der Intuitiven Ernährung. Diese Prinzipien – nicht Regeln! – sind eine praktische Hilfestellung, wie wir die Fähigkeit zur Selbstregulation beim Essen wieder erlernen können, die ganzen störenden und häufig auch kontraproduktiven Essensregeln ablegen können und gesunde Gewohnheiten und Verhaltensweisen etablieren. Die 10 Prinzipien sind eine Anleitung zu mehr Selbstfürsorge, stärken die eigenen Ressourcen und räumen die Hindernisse aus dem Weg, die uns abhalten, uns wieder in aller Freundschaft und Respekt mit dem eigenen Körper zu verbinden. Denn eigentlich geht es darum: Den eigenen Körper wieder besser zu spüren, zu respektieren und uns selbst mit allen Fehlern und Makeln wohlwollend anzunehmen. Aber keine Sorge, Akzeptanz führt nicht dazu, dass wir die eigene Gesundheit vernachlässigen. Ganz im Gegenteil. Menschen, die gut mit ihrem Körper verbunden sind und eine positive Körperwahrnehmung haben, betreiben oft sehr viel bessere Selbstfürsorge, da die stärkere Verbindung zu den Körpersignalen und Bedürfnissen die Wertschätzung des eigenen Körpers fördert. Lehnen wir dagegen unseren eigenen Körper ab, wollen wir am liebsten gar nichts mehr mit ihm zu tun haben und eine gute Selbstfürsorge ist sehr viel schwieriger.
sanego: Ein großer Aspekt der Ernährung ist Kontrolle. Denn es kann Sicherheit geben, das Gewicht oder die eigene Gesundheit durch eine Ernährungsumstellung zu beeinflussen. Haben Sie Tipps, wie wir mit dem Kotrollverlust bei einer intuitiven Ernährung besser umgehen können?
Dr. Antonie Post: Oh ja, dieser erlebte Kontrollverlust kann häufig große Ängste heraufbeschwören und hält viele Menschen ab, der Intuitiven Ernährung eine Chance zu geben. Eigentlich ganz klar: Wenn wir einen Ernährungsplan haben, geben wir zu einer gewissen Weise auch die Verantwortung ab, da wir die Entscheidung, was gut für uns ist nicht mehr selbst treffen müssen. Die Wahrnehmung ist: Wenn wir uns nur „gut genug“ an den Plan halten, bekommen wir dadurch auch so eine Art „Absolution“, alles „richtig“ zu machen. Diese Sicherheit und das angenehme Gefühl, das wir dadurch haben, einem vorgegebenen Plan zu folgen, ist zunächst weg, wenn wir diesen Schritt von der Kontrolle hin zum Vertrauen machen. Das ist unglaublich herausfordernd und immer ein riesengroßes Thema in meinen Beratungen; aber wenn die ersten kleinen Erfolgserlebnisse sichtbar sind, auch unglaublich heilsam. Übrigens kann jede Person selbst für sich entscheiden, wie viel Kontrolle beim Essen sie wie schnell abgeben möchte. Für manche Menschen ist es genau das richtige „all in“ zu gehen, die Essensregeln von einem Tag auf den anderen komplett über Bord zu werfen und neugierig diese neue Freiheit zu erkunden (Achtung: Bei bestimmten chronischen Erkrankungen, die eine akute Ernährungsintervention erfordern, bspw. ein stark erhöhter HbA1c bei Diabetes Typ 2, wäre diese Option selbstverständlich nicht meine ernährungstherapeutische Empfehlung!). Nach einer in der Regel kurzen Anpassungsphase, in der essenstechnisch auch häufig ein Nachholbedarf besteht (der ebenfalls Angst machen kann), pendelt sich das Essverhalten oft wieder ein. Sich die bedingungslose Erlaubnis zum Essen zu geben, ist aber immer nur der erste Schritt. Einfach nur die Essensregeln abzulegen, kann auch in einen Cheat Day oder wochenlangen Essanfall münden – was rein gar nichts mit der intuitiven Ernährung zu tun hat! Beim intuitiven Essen gehen wir direkt den zweiten Schritt und üben, uns wieder mit dem eigenen Körper zu verbinden und die Rückmeldungen unseres Körpers in weitere Essensentscheidungen mit einzubeziehen. Genuss kann für viele Menschen eine wichtige Stellschraube sein, um den Einstieg in die intuitive Ernährung zu finden. Genuss im Sinne der intuitiven Ernährung endet aber nicht im Moment, sondern schließt das Nachgefühl immer mit ein. Für andere Menschen und bei chronischen Erkrankungen ist es zielführender und sicherer, die Prinzipien der Intuitiven Ernährung in kleinen Schritten umzusetzen und sich so langsam an die höchstmögliche Essensfreiheit ranzutasten. Es kann bspw. hilfreich sein, sich kleine sichere Inseln zu schaffen: regelmäßige Mahlzeiten, vertraute Lebensmittel oder Rituale geben Struktur, in der es leichter fällt zu üben auf die eigenen Körpersignale zu hören. Die Grundvoraussetzung, um Diäten hinter sich zu lassen, ist wirklich ausreichend zu essen. Eine chronische Unterversorgung mit Energie führt zu einem Energiemangel im Gehirn und versetzt es in eine Art Dauerstresszustand. Und wer schon mal gestresst war, weiß, wie schwierig es in dem Zustand ist „vernünftige“ und gesundheitsfördernde Entscheidungen zu treffen und wirklich auf den Körper zu hören.
ist Diplom-Ernährungswissenschaftlerin, Autorin und Speakerin mit eigener Praxis für gewichtsneutrale Ernährungsberatung. Als zertifizierte Beraterin für intuitive Ernährung setzt sie sich für die Anti-Diät-Bewegung und Health at Every Size ® ein. Seit 2019 hilft sie Frauen, Frieden mit ihrem Essverhalten und Körper zu schließen. Ihr Podcast “Iss doch, was du willst!” startete 2020, ihr erstes Buch erschien 2022. Besonders spezialisiert ist sie auf chronische Stoffwechselerkrankungen wie Insulinresistenz und Typ-2-Diabetes.
intuitive Ernährung und Einschränkungen durch Erkrankungen
sanego: Sie selbst haben Histaminintoleranz und das Mastzellensyndrom. Wie können Intoleranzen oder Allergien mit einer intuitiven Ernährungsweise kombiniert werden?
Dr. Antonie Post: Intoleranzen, Allergien, aber auch chronische Erkrankungen wie Diabetes Typ 2, Bluthochdruck oder Fettstoffwechselstörungen, die in der Regel eine Ernährungsintervention erfordern, machen es nicht gerade leichter, Frieden mit dem Essen zu schließen und ein entspanntes Essverhalten zu etablieren – ich spreche hier aus Erfahrung, sowohl als selbst Betroffene aber auch als Behandlerin. Aber es ist trotzdem möglich. Intuitive Ernährung bedeutet nicht, einfach „alles essen zu dürfen“ und sich um sonst nichts zu kümmern, sondern mit dem eigenen Körper in einen Dialog zu treten. Dazu gehört auch, die eigenen Grenzen zu respektieren. Die 10 Prinzipien helfen dabei, eine freundliche und flexible Selbstfürsorge zu etablieren, bei der aber gleichzeitig eventuell medizinische Notwendigkeiten oder Ernährungsinterventionen integriert werden – immer mit dem Fokus darauf, sich nicht mehr als unbedingt nötig einzuschränken. Mein Motto in der Beratung ist hier: Hinzufügen statt verzichten. Natürlich steht hinter dem Motto auch indirekt, dass wenn wir an der einen Stelle etwas hinzunehmen (z. B. Ballaststoffe und günstige Proteinquellen), es an einer anderen Stelle etwas weniger wird (z. B. Soft Drinks oder hochprozessierte Lebensmittel). Sich aus einer Fülle an Möglichkeiten zu entscheiden, wie man das eigene Essverhalten bereichern will, ist aber psychologisch zielführender als sich etwas zu verbieten. Denn bei Verboten ist eine Rebellion gegen die Regeln vorprogrammiert. Allergien sind hier nochmal ein Sonderfall. Für mich als Anaphylaxie-Patientin wäre es lebensbedrohlich, bestimmte Lebensmittel zu essen, sie sind also strenggenommen verboten. Das hat sich nicht einfach rational regeln lassen – ich bin emotional ganz bewusst durch alle Phasen der Trauer gegangen, um diesen Verzicht wirklich anzunehmen.
sanego: Sie sagen: “Intuitive Ernährung hilft nicht zwangsläufig beim Abnehmen.” Was aber, wenn mein Arzt oder meine Ärztin mir sagt, ich sollte Gewicht verlieren, um meiner Gesundheit nicht zu schaden?
Dr. Antonie Post: Leider bekommen meine Klient:innen diesen pauschalen Rat, dass sie Gewicht verlieren sollen, um ihrer Gesundheit nicht zu schaden, sehr häufig. Oft wird vorher gar nicht nachgefragt, wie ihr Ess- oder Bewegungsverhalten aussieht, ob sich ihre Lebensbedingungen verändert haben, wie viel Stress sie ausgesetzt sind oder wie erholsam sie schlafen. Manche bekommen sogar Diättipps, obwohl (!) die behandelnde Ärzt:in weiß, dass es eine Essstörung in der Vergangenheit gab – was sehr kontraproduktiv sein kann und ungesunde Verhaltensweisen reaktivieren kann. Ich rate dann meinen Klient:innen konkret nachzufragen, wie das Gewicht die Gesundheit beeinflusst (Stichwort Kausalität vs. Korrelation), ob es unter dem Gesichtspunkt wirklich Sinn macht, den Umweg über das Gewicht zu nehmen oder es nicht sinnvoller wäre, direkt Blutwerte oder Beschwerden anzugehen und zu verbessern. Eine gute Frage ist: Welche Schritte helfen mir dabei – auch unabhängig von meinem Gewicht? Oder: Was würden Sie schlanken Menschen in meiner Situation empfehlen? Generell ist es nicht das Ziel einer intuitiven Ernährungsweise das Körpergewicht vorsätzlich zu reduzieren. Es gibt drei Möglichkeiten, was in Bezug auf das Gewicht passieren kann: Manche Menschen verlieren Gewicht, wenn sie anfangen intuitiv zu essen, bei manchen bleibt das Gewicht gleich und wiederum andere nehmen zu. Um vorauszusagen, was passiert, bräuchten wir eine Kristallkugel – die wir nicht haben – und das Ausgangsgewicht ist ebenfalls kein guter Indikator, um abzuschätzen in welche Richtung es geht. Manchen Menschen kann die intuitive Ernährung durchaus beim Abnehmen helfen, es ist aber wenig hilfreich, sich von vornherein darauf zu konzentrieren, da es aus vielen verschiedenen Gründen den ganzen Prozess herausfordernder macht. Deshalb sage ich lieber, dass die intuitive Ernährung nicht zwangsläufig beim Abnehmen hilft (und nehme dabei gerne in Kauf, dass ich mich vielleicht irre 😉). Ich kommuniziere stattdessen ganz klar, dass das Gewicht in alle Richtungen gehen kann und wir den Fokus auf gesundheitsfördernde Verhaltensweisen legen, die sich bestenfalls leicht umsetzen lassen und unabhängig vom Gewicht einen großen Effekt auf die Gesundheit und das Wohlbefinden haben. Verändert sich dann das Gewicht in einer Weise, die positiv für meine Klient:innen ist und sie sich darüber freuen, freue ich mich selbstverständlich mit. Verändert sich das Gewicht auf eine Art, die herausfordernd für meine Klient:innen ist, dann adressieren wir die Ängste, die damit einhergehen und suchen Möglichkeiten, damit umzugehen und arbeiten gleichzeitig weiter an der Selbstfürsorge.
sanego: Für viele Erkrankungen gibt es heute klare Ernährungsempfehlungen. Wie können Betroffene mit Diabetes, Bluthochdruck oder PCOS eine intuitive Ernährung umsetzen?
Dr. Antonie Post: Intuitive Ernährung schließt medizinische Empfehlungen nicht aus – sie stellt nur die innere Verbindung zum eigenen Körper in den Mittelpunkt. Wer mit einer Erkrankung lebt, kann lernen, sowohl auf Körpersignale zu hören als auch medizinisches Wissen einzubeziehen. Das war auch der Grund, warum ich mein Buch geschrieben habe: Um zu zeigen, dass intuitive Ernährung auch mit Diabetes, Bluthochdruck oder PCOS möglich ist – und wie das im Alltag konkret aussehen kann. Mit der Diagnose Diabetes, Bluthochdruck oder PCOS kommen in der Regel sehr konkrete Ernährungsvorgaben. Viele Betroffene empfinden diese als sehr starr oder belastend, besonders, wenn sie mit Kontrolle und Verzicht verbunden sind. Ich empfehle oft dieselben Dinge, wie Kolleg:innen, die gewichtszentriert arbeiten. Meine Intention dahinter und die Herangehensweise sind aber häufig eine andere. Mir geht es nicht darum, dass meine Patient:innen möglich wenig essen, um schnell Gewicht zu verlieren, sondern darum, dass sie ausreichend, regelmäßig und abwechslungsreich essen, um sich gut zu versorgen. Anstatt Lebensmittel zu verbieten nehmen wir dazu oder schaffen die Rahmenbedingungen, in denen kein Lebensmittel tabu ist. Beispielsweise bei Diabetes würden wir Kohlenhydrate mit Ballaststoffen, günstigen Fetten oder Protein kombinieren, um die Blutzuckerkurve abzuflachen. Oder wenn es eine bestimmte Süßigkeit oder ein zuckerhaltiges Getränk sein soll, dann würden wir sie bewusst nach einer Hauptmahlzeit einplanen oder ausprobieren, ob sich über Bewegung, z. B. ein kurzer Spaziergang nach dem Essen von 10-20 Minuten, die Blutzuckerantwort günstig beeinflussen lässt. Mir geht es dabei nicht darum, sich bestimmte Lebensmittel „zu verdienen“ oder irgendetwas „wieder gut zu machen“, sondern darum, eine Umgebung und Bedingungen zu erschaffen, in denen die Patient:innen realitätsnah, alltagstauglich und effektiv ihre Erkrankung langfristig positiv beeinflussen können. Die Intuitive Ernährung erlaubt einen Perspektivwechsel: Sie lädt dazu ein, den eigenen Körper wieder besser kennenzulernen – auch mit einer Erkrankung im Gepäck. Zum Beispiel können Patient:innen beobachten, wie sich bestimmte Lebensmittel oder Essmuster auf ihren Blutzucker, ihren Blutdruck oder ihr Energielevel auswirken. Sie können spüren, was gut tut – und das mit dem abgleichen, was medizinisch empfohlen wird. Das Ziel dabei ist nicht, „perfekt“ zu essen, sondern gut versorgt und möglichst im Einklang mit sich selbst und dem eigenen Körper durchs Leben zu gehen.
Mythen zur Intuitiven Ernährung
sanego: Gibt es Mythen oder falsche Vorstellungen von intuitiver Ernährung, die Sie aufklären möchten?
Dr. Antonie Post: Ja, gerne. Es halten sich leider sehr hartnäckig drei Mythen in Bezug auf die Intuitive Ernährung, die ich 1) „Intuitiv Abnehmen“, 2) die „Hunger-Sättigungs-Diät“ und 3) die „Social-Media-Version des Intuitiven Essens“ nenne.
Das Intuitive Essens strebt keinen (!) vorsätzlichen Gewichtsverlust an, das würde direkt dem 1. Prinzip „Die Diätmentalität ablegen“ widersprechen. Das Ziel dieses Prinzips besteht darin, sich von der Vorstellung freizumachen, dass Diäten der einzige Weg seien, um ein gesundes und glückliches Leben zu führen. Es geht darum, das ständige Streben nach Gewichtsverlust und die damit verbundenen, oft schädlichen Denkmuster und Verhaltensweisen zu hinterfragen und langfristig loszulassen. Verspricht ein Programm, in dem es vermeintlich um Intuitives Esse geht, einen garantierten Gewichtsverlust, wirbt mit Vorher-Nachher-Bildern oder Abnehmerfolgen oder wird ganz subtil suggeriert, dass eine Abnahme wahrscheinlich ist, „wenn man es richtig macht“, dann wird hier ganz klar eine Diät verkauft, die sich nur am Wording des Intuitiven Essens bedient. Schließlich ist es unfassbar geniales Marketing, Menschen zu versprechen, dass alles essen dürfen, was sie möchten und trotzdem dabei schlank werden. Nur leider funktioniert das in der Realität so nicht oder zumindest nicht garantiert.
Intuitives Essen bedeutet auch nicht, nur dann zu essen, wenn man hungrig ist und aufzuhören, wenn man satt ist. Bewusstes oder unbewusstes Ziel dahinter ist es oft, möglichst nicht „zu viel“ zu essen oder gezielt Kalorien zu sparen, um abzunehmen. Leider gilt es in unserer Gesellschaft als “willensstark” und “diszipliniert”, Hunger zu ignorieren. Dadurch mutiert Hunger zu einem Feind, der „bekämpft“ oder „ausgetrickst“ werden muss. Es gibt aber verschiedene Arten von Hunger und jede hat ihre Berechtigung. Wir essen nicht nur, um einen körperlichen Bedarf zu decken, sondern auch für Geist und Seele. Den Hunger, egal welcher Art, zu honorieren ist eine ganz wichtige Stellschraube in der eigenen Selbstfürsorge-Praxis. Beim Intuitiven Essen gibt auch den Aspekt des „praktischen Hungers“. Ein Beispiel: Wenn ich von 11-13 Uhr in einem Meeting sein werde, in dem ich nichts essen kann, aber auch weiß, dass ich um 12 Uhr Hunger haben werde, würde ich im Rahmen der Intuitiven Ernährung um 10:45 Uhr einen kleinen Snack essen, auch wenn ich vielleicht nicht hungrig bin, um zu verhindern, dass ich ab 12:30 Uhr vor lauter Hunger dem Meeting nicht mehr folgen kann und pünktlich um 13 Uhr in der Kantine in die Schnitzeltheke springe. Nichts gegen Schnitzel mit Pommes, wenn es eine bewusste, genussvolle Entscheidung ist. Die Definition vom Intuitiven Essen ist, die Rahmenbedingungen für eine bedürfnisorientierte Ernährung zu schaffen, die aus Selbstfürsorge motiviert ist. „Den Hunger honorieren“ und „die Sättigung spüren“ sind aber nur zwei der zehn Prinzipien des Intuitiven Essens. Es beinhaltet u.a. auch, in bestimmten Situationen vorzusorgen, dass einen der Hunger nicht später überwältigt, nicht in Extreme irgendwelcher Art abzurutschen und liebevoll mit sich selbst umzugehen, wenn man etwas gegessen hat, was einem nicht so gutgetan hat und diese Erkenntnisse in zukünftige Essensentscheidungen einzubeziehen.
Diese Version mache ich hauptsächlich dafür verantwortlich, dass viele Ärzt:innen und Ernährungsfachkräfte die Intuitive Ernährung immer noch ablehnen oder sogar vor ihr warnen. Es wird dem Intuitiven Essen nicht ansatzweise gerecht, sich einfach nur die bedingungslose Erlaubnis zum Essen zu geben oder sich mal einen Tag zu erlauben, „über die Stränge zu schlagen“. Intuitives Essen heißt auch nicht, nur noch „ungesunde“ Lebensmittel zu verzehren. Sich einfach nur die bedingungslose Erlaubnis zum Essen zu geben, ohne gleichzeitig auf die Signale des Körpers zu achten – oder diese sogar bewusst auszublenden –, nennt sich Cheat Day. Das ist nichts anderes als ein geplanter Essanfall und hat absolut gar nichts mit dem Intuitiven Essen zu tun. Trotzdem kann ich die Denkweise, dass es gefährlich sei, alle Regeln beim Essen abzulegen, sehr gut nachvollziehen, weil ich früher ganz genauso gedacht habe. Das Ironische dabei ist: Ein kontrolliertes Essverhalten schafft oft erst die Basis für Essanfälle. Wenn wir auf etwas verzichten (oder nur eingeschränkt haben können), erhöht das nur den Reiz, es (im Übermaß) zu essen, wenn die Gelegenheit dazu besteht. Damit das Konzept der Intuitiven Ernährung wirklich funktioniert, kann man sich die zehn Prinzipien wie Zahnrädchen vorstellen, die alle ineinandergreifen. Nimmt man nur ein Zahnrädchen heraus, dann funktioniert die ganze Maschinerie nicht mehr.
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