Frauen leben statistisch länger als Männer – aber leben sie auch gesünder? Nein, sagt Prof. Dr. med. Sandra Eifert. Als Autorin des Buches „Wie Frauen länger leben. Das Geheimnis weiblicher Longevity“ weiß Sie, vor welchen Herausforderungen gerade Frauen für ein langes, gesundes Leben stehen.
Welche Bereiche sie dafür besonders im Blick haben sollten und wie Longevity für Frauen gelingen kann, erläutert Prof. Dr. Eifert im Interview.
sanego: Frauen leben statistisch gesehen deutlich länger als Männer. Warum haben Sie trotzdem ein Buch für Frauen über Longevity geschrieben?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Die Frage ist absolut berechtigt – und genau darin liegt bereits der Kern der Antwort. Die höhere Lebenserwartung von Frauen bedeutet nicht automatisch bessere Langlebigkeit. Im Gegenteil: Aus medizinischer und gesundheitssystemischer Sicht gibt es mehrere gut belegte Gründe, warum ein Longevity-Buch explizit für Frauen sinnvoll und notwendig ist.
Frauen leben länger – aber verbringen mehr Jahre in Krankheit.
Ein zentraler, gut belegter Befund ist die Diskrepanz zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenszeit: Frauen haben weltweit eine höhere Lebenserwartung als Männer, aber sie verbringen signifikant mehr Jahre mit chronischen Erkrankungen, Funktionseinschränkungen und Pflegebedürftigkeit. Dieses Phänomen ist als „morbidity–mortality Paradox“ beschrieben.
Medizinische Forschung ist historisch männlich geprägt.
Das medizinische Wissen, auf dem Präventionsempfehlungen beruhen, ist überwiegend an männlichen Patienten und Probanden entstanden. Frauen waren jahrzehntelang unterrepräsentiert in klinischen Studien, Pharmastudien und Präventionsleitlinien. Ergebnisse wurden häufig ungeprüft auf Frauen übertragen.
Das betrifft insbesondere kardiovaskuläre Erkrankungen, den Stoffwechsel, die Medikamentenwirkung und -nebenwirkungen sowie Trainings- und Ernährungsempfehlungen.
Gerade für Longevity-Strategien ist das problematisch, da der Hormonstatus, die Immunalterung, die mitochondriale Funktion sowie Entzündungsprofile bei Frauen biologisch anders verlaufen.
Ein Buch für Frauen ist notwendig, weil der Alterungsprozess von Männern und Frauen unterschiedlich ist. Prävention ist immer gut, besonders wichtig ist sie jedoch bei uns Frauen ab 45 Jahre, also vor und um die Menopause herum. Frauen wurden in den im allgemeinen bekannten Longevity-Narrativen nicht berücksichtigt. Frauen organisieren häufig die Vorsorge für die ganze Familie, geben/ nehmen sich selbst dafür oft keinen Raum.
Bei Longevity, auf Deutsch Langlebigkeit, geht es darum, möglichst lange zu leben und dabei gesund und geistig fit zu bleiben. Dafür ergreifen Menschen die unterschiedlichsten Maßnahmen, von der Anpassung der Ernährung über spezielle Sportprogramme bis hin zu einem streng durchgetaktetem Alltag.
Warum leben Frauen länger?
sanego: Welche biologischen Faktoren ermöglichen es Frauen länger zu leben als Männern?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Frauen haben einige klare biologische Vorteile: Frauen haben zwei X-Chromosomen, Männer ein X- und ein Y-Chromosom. Auf dem X-Chromosom sitzen viele Gene, die für Herz-, Hirn- und Immunfunktion wichtig sind. Diese Gene haben wir also doppelt, das ist ein klarer Überlebensvorteil. Dazu kommen längere Telomere, das sind die Schutzkappen auf den Chromosomen. Je länger die sind, desto länger leben wir. Auch die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen, sind bei Frauen robuster. Das sind nur ein paar Beispiele.
sanego: Leben Frauen auch insgesamt gesünder?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Nein – Frauen leben insgesamt nicht „gesünder“, zumindest nicht, wenn man Gesundheit medizinisch korrekt definiert.
Medizinisch sinnvoll unterscheidet man zwischen Gesundheitsverhalten, Krankheitslast (Morbidität), funktioneller Gesundheit und Lebensqualität sowie Sterblichkeit. Frauen schneiden nur im ersten Punkt konsistent besser ab.
Frauen zeigen besseres Gesundheitsverhalten; Frauen rauchen weniger und trinken weniger Alkohol, nutzen Vorsorgeangebote häufiger, suchen allerdings später und seltener für sich selbst ärztliche Hilfe. Auch halten sie Therapien nicht zuverlässiger ein (geringere Adhärenz).
ist Oberärztin am Herzzentrum Leipzig sowie Leiterin der Chirurgischen Herzinsuffizienzambulanz sowie der Frauenherzsprechstunde. Als Autorin arbeitet sie für das Magazin „Sophie – die Kunst des Wohlbefindens“ und hat bereits zwei Bücher veröffentlicht: „Herzsprechstunde. Warum das weibliche Herz anders ist und wie es gesund bleibt“ und „Wie Frauen länger leben. Das Geheimnis weiblicher Longevity“
Was ist für Longevity bei Frauen besonders wichtig?
sanego: Welche Bereiche haben Frauen nicht ausreichend im Blick, wenn es um ein gesundes und langes Leben geht?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Es geht nicht um individuelles Versagen, sondern um systematische blinde Flecken, die sich aus Biologie, Rollenbildern und Medizintradition ergeben. Die Evidenz dazu ist erstaunlich konsistent.
Herz-Kreislauf-Gesundheit: „Das betrifft mich später“.
Trotz Aufklärung unterschätzen Frauen ihr kardiovaskuläres Risiko, gehäuft priorisieren sie Brustkrebs stärker als Herzkrankheiten. Sie interpretieren Symptome häufiger als stressbedingt.
Dabei gilt die Herzkranzgefäßerkrankung als Todesursache Nr. 1 bei Frauen. Die weibliche Herzkrankheit ist oft mikrovaskulär, nicht-obstruktiv und von der Symptomatik atypisch. Prävention beginnt 10–15 Jahre früher, als viele Frauen denken.

Muskelmasse und -Kraft – massiv unterschätzt
Frauen trainieren seltener systematisch Kraft und beginnen oft zu spät (häufig erst postmenopausal). Sie unterschätzen den Zusammenhang zwischen Muskelmasse und Mortalität, Insulinresistenz, Sturzrisiko sowie Pflegebedürftigkeit.
Dabei ist Sarkopenie ein stärkerer Prädiktor für Mortalität als BMI – auch bei Frauen. Besonders relevant sind rascher Muskelabbau ab der Perimenopause sowie die geringere Ausgangs-Muskelmasse im Vergleich zu Männern.
Schlaf wird als biologischer Regulator nicht selten unterschätzt und geopfert.
Frauen schlafen kürzer und fragmentierter. Sie priorisieren Schlaf seltener und leiden häufiger Insomnie (v. a. peri-/postmenopausal). Chronischer Schlafmangel beeinflusst den Zuckerhaushalt, die Entzündungsprozesse, die kognitive Alterung sowie das kardiovaskuläre Risiko.
Eigene Gesundheit vs. Fürsorge für andere.
Ein struktureller, aber hochrelevanter Punkt: Frauen priorisieren die Gesundheit anderer (Kinder, Partner, Eltern) und verschieben ihre eigene Für- und Vorsorge. Sie tolerieren Symptome länger. Das korreliert u. a. mit späteren Diagnosen, einer höherer Krankheitslast im Alter und geringerer Self-Advocacy im medizinischen System.
Self-Advocacy bedeutet, die eigenen Bedürfnisse, Rechte und Interessen aktiv zu erkennen, zu benennen und zu vertreten – insbesondere im Gesundheitswesen. Dazu gehört etwa, gezielte Fragen zu stellen, Unsicherheiten anzusprechen oder Unterstützung einzufordern wie eine zweite Person zu einem ärztlichen Gespräch mitzunehmen. Bei Self-Advocacy geht es nicht darum, die ärztliche Fachkraft zu ersetzen oder die Diagnose selbst zu stellen, sondern ein Kommunikation auf Augenhöhe zu führen.
sanego: Welche Erkrankungen beeinflussen die Gesundheitsspanne von Frauen besonders stark?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Longevity ≠ bloß länger leben, sondern länger gesund leben. Und genau hier haben Frauen strukturelle Nachteile. Nach WHO und Global Burden of Disease (GBD) haben Frauen höhere Years Lived with Disability (YLDs), besonders im höheren Alter. Frauen erkranken häufiger an: Osteoporose, Sarkopenie, Arthrose, Autoimmunerkrankungen, Depression und Demenz (absolut, altersadjustiert differenziert). Lebenslimitierend sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bösartige Erkrankungen.
sanego: Welche Rolle spielt mentale Gesundheit für ein langes, gesundes Leben?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Die mentale Gesundheit ist kein „weicher Faktor“ der Longevity, sondern ein zentraler biologischer und prognostischer Treiber für Lebensdauer und Gesundheitsspanne. Das ist heute gut belegt – auch wenn sie in Präventionskonzepten weiterhin unterschätzt wird.
Psychische Erkrankungen sind unabhängige Mortalitätsrisikofaktoren. Depression ist prognostisch vergleichbar mit klassischen kardiovaskulären Risikofaktoren.
Stress triff Frauen viel stärker als Männer. In jeder Hinsicht reagieren Frauen auf den gleichen Stressor physisch und psychisch stärker im Vergleich zu Männern. Männer verarbeiten Stress anders: Sie haben einen klaren biologischen Vorteil: sie sind stressresistenter.
Chronischer psychischer Stress wirkt über mehrere Alterungsachsen: Aktivierung der HPA-Achse → Cortisol-Dysregulation, Förderung von Inflammaging, Insulinresistenz und endothelialer Dysfunktion.
Ein tabuisiertes Thema für Frauen ist vielfach Wut und Aggression. Stressabbau und Entspannung sind außerordentlich wichtig- wie auch immer.
Was können Frauen für Ihre Longevity tun?
sanego: Wo kann ich anfangen, wenn ich ein längeres und gesünderes Leben führen möchte?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Gesunde Ernährung- je nach Risikoprofil. 5 x 30 Minuten körperliche Aktivität pro Woche. Wenig Alkohol. Genügend Schlaf.
Soziale Verbundenheit ist ein starker Longevity-Faktor.
Einer der robustesten Befunde der Alternsforschung: soziale Isolation erhöht die Mortalität um ≈ 30–50 %. Somit ist er vergleichbar mit Rauchen, Adipositas als auch körperlicher Inaktivität. Dies ist besonders relevant für Frauen: die längere Lebensspanne führt zu einem höheren Risiko für Verwitwung und soziale Isolation. Einsamkeit wiederum ist ein starker Prädiktor für Depression, Demenz und funktionellen Abbau. Die Übernahme von Verantwortung und das Leben in einer Gemeinschaft fördern das lange, glückliche Leben. Das zeigen Bewohnerinnen der Blue Zones.
Blue Zones sind Regionen der Welt, in denen Menschen überdurchschnittlich häufig sehr alt werden und dabei lange gesund bleiben. Dazu gehören unter anderem Teile von Sardinien (Italien), Okinawa (Japan) und Nicoya (Costa Rica). Grund dafür könnten gemeinsame Lebensstilfaktoren wie pflanzenbetonte Ernährung, regelmäßige Bewegung im Alltag, starke soziale Bindungen und Stressreduktion sein. Erkenntnisse aus den Blue Zones dienen häufig als Orientierung für präventive Konzepte und Ratschläge.
Prävention über Lebensphasen hinweg – nicht nur „ab 50“
Viele Frauen denken Prävention i.S. entweder jung (Lifestyle) oder alt (Erkrankung). Es fehlen die gezielten Strategien für die spezifischen Lebensphasen: der Frau
30–40 Jahre (Peak Reserve)
45–55 Jahre (Transition)
60+ Jahre (Funktionserhalt)
Quintessenz: Frauen fehlt nicht Wissen, sondern die Priorisierung der richtigen biologischen Stellschrauben. Es fehlt ein frühzeitiger Fokus auf Funktion statt Gewicht. Frau benötigt ein inneres Erlaubnis-Narrativ, die eigene Gesundheit ernst zu nehmen.
Oder zugespitzt: Frauen kümmern sich früh um ihr Aussehen, spät um ihre Funktion – und zu wenig um ihre biologische Reserve.
sanego: Was tun Sie in Ihrem Alltag, um länger gesund zu leben?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Ich gehe Schwimmen und Walken., mache Feldenkrais und habe etwas Zeit für mich.
Longevity-Mythen
sanego: Gibt es typische Missverständnisse oder Mythen rund um Longevity, die sich besonders hartnäckig halten?
Prof. Dr. med. Sandra Eifert: Ein zentraler Irrtum: „Ich bin schlank, also metabolisch gesund.“ Frauen haben häufiger normgewichtige Insulinresistenz, stärkere metabolische Verschlechterung postmenopausal und eine viszerale Fettzunahme bei stabilem Gewicht. Blinde Flecken existieren hier; es fehlt an Aufmerksamkeit für Triglyzeride, Nüchterninsulin, HOMA-IR und taillenumfang.
Knochengesundheit: zu spät, zu symptomorientiert.
Osteoporose wird oft erst nach Fraktur thematisiert, auf Kalzium reduziert und nicht mit Muskel- und Sturzprävention verknüpft. Dabei ist klar: Knochenabbau beginnt vor der Menopause. Die Peak Bone Mass entscheidet über spätere Resilienz. Krafttraining wirkt stärker als Supplemente allein. Hüftfrakturen verdoppeln die Mortalität im ersten Jahr.
Frauen kriegen keine Herzerkrankung
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