Ja, es gibt Medikamente, die den Schwangerschaftsverlauf oder das ungeborene Kind beeinflussen können. Dennoch müssen Schwangere nicht zehn Monate auf alle Medikamente verzichten. Wer akut krank ist oder dauerhaft Medikamente einnehmen muss, sollte sich also unbedingt an Fachpersonal wenden, um entsprechend Hilfe zu bekommen.
Medikamente in der Schwangerschaft? Nur nach fachlicher Beratung!
„Es kommt auf den Wirkstoff, die Schwangerschaftsphase und die gesundheitliche Situation an, ob ein Arzneimittel verwendet werden sollte“, erklärt Dr. med. Wolfgang E. Paulus, Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie an der Universitätsfrauenklinik Ulm. Deshalb sollten Medikamente in der Schwangerschaft nur nach Rücksprache mit dem Gynäkologen bzw. der Gynäkologin eingenommen werden. Bei einem akuten Infekt kann unter Umständen auch ein(e) Apotheker:in weiterhelfen.
„Grundsätzlich sollte die Beratung in Arztpraxen und Apotheken oder bei Hebammen genutzt werden. Wenn dort keine ausreichende Unterstützung verfügbar ist, kann man auch auf die Beratungsstellen unter www.embryotox.de bzw. www.reprotox.de zurückgreifen.“, so Dr. Paulus. Dort finden sowohl Schwangere selbst als auch Fachpersonal Unterstützung, etwa auch wenn es um kompliziertere Fälle geht.
Wie können Medikamente die Schwangerschaft beeinflussen?
Es gibt drei Gründe, warum Medikamente während der Schwangerschaft nur nach Rücksprache eingenommen werden sollten. Sie können
die Entwicklung des ungeborenen Kindes behindern,
den Verlauf der Schwangerschaft beeinflussen
und anders wirken.
Auch Mittel aus der Naturheilkunde haben Nebenwirkungen und können sowohl die Schwangerschaft als auch das ungeborene Kind beeinflussen. Wenden Sie also regelmäßig oder akut Kräuter, pflanzliche Stoffe oder andere Mittel aus der Naturheilkunde an, sollten Sie während der Schwangerschaft mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer behandelnden Ärztin darüber sprechen.
Der Einfluss von Medikamenten auf das ungeborene Kind
Wirkstoffe in Medikamenten erreichen auf zwei Arten das ungeborene Kind:
Über das Blut der Mutter gelangen sie in die Plazenta und von dort in den kindlichen Blutkreislauf.
Zusätzlich können sie auch ins Fruchtwasser gelangen und vom Kind geschluckt werden.
Beides gilt nicht für alle Medikamente und hängt beispielsweise von der Molekülgröße oder der Löslichkeit der Wirkstoffe ab.
Besonders im ersten Schwangerschaftsdrittel, in dem die Organe und Organsysteme gebildet werden, können einige Medikamente der Entwicklung des Kindes schaden. Deshalb kommt es bei einer Empfehlung für oder gegen einen Wirkstoff auch auf den Zeitpunkt an.

Der Einfluss von Medikamenten auf den Verlauf der Schwangerschaft
Natürlich können Medikamente auch den Verlauf einer Schwangerschaft beeinflussen, also z. B. Wehen fördern oder die mütterliche Blutgerinnung beeinflussen. Dadurch könnten Fehl- oder Frühgeburten ausgelöst werden.
Pränatalmediziner Dr. med. Wolfgang Paulus
Besondere Vorsicht ist zum Beispiel bei blutdrucksenkenden Mitteln geboten, da diese die Durchblutung der Plazenta und damit die Versorgung des Fötus stören können.
Der Einfluss der Schwangerschaft auf die Wirkung von Medikamenten
Die Schwangerschaft verändert viele Abläufe im Körper. So steigt etwa das Blutvolumen, wodurch Medikamente stärker verdünnt werden können. Außerdem werden sie eventuell schneller über die Niere ausgeschieden. Auch in der Leber kommt es zu Veränderungen, die die Wirkung sowohl verlängern als auch verkürzen können. Es kann also sein, dass die Dosis von Medikamenten während der Schwangerschaft angepasst werden muss.
Welche Medikamente sollten Sie während einer Schwangerschaft auf keinen Fall einnehmen?
„Als fruchtschädigend gelten z. B. orale Aknepräparate auf Vitamin-A-Basis, einige Antiepileptika wie Valproat, aber auch Zytostatika wie Methotrexat, die häufig bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden.“, so Dr. med. Wolfgang E. Paulus. Bei diesen Wirkstoffen sollten Sie also besonders vorsichtig sein.
Auch darüber hinaus werden nur sehr wenige Medikamente von den Herstellern in der Schwangerschaft empfohlen. Einige können allerdings dennoch eingenommen werden.
"Liest man die Beipackzettel der Hersteller, stößt man sehr häufig auf Warnhinweise zu Schwangerschaft und Stillzeit. Das liegt meist an ungenügenden Erfahrungen, da systematische Medikamentenstudien an Schwangeren aus ethischen Gründen nicht durchgeführt werden. In solchen Situationen versuchen sich Zulassungsbehörden und Hersteller durch den Hinweis abzusichern, dass wegen einer unzureichenden Datenlage auf die Anwendung verzichtet werden sollte."
Pränatalmediziner Dr. med. Wolfgang Paulus
Das bedeutet allerdings nicht, dass die Wirkstoffe der Schwangerschaft oder der Entwicklung des Kindes wirklich schaden. Fachärzte, Fachärztinnen und die oben genannten Ansprechpartner:innen können hier genauer Auskunft geben.

Regelmäßige Medikamenteneinnahme und Schwangerschaft
Auch wenn Sie regelmäßig Medikamente einnehmen müssen, etwa wegen einer chronischen Erkrankung, muss das kein Hindernis für eine Schwangerschaft sein. „Bei chronischen Erkrankungen ist oft eine Daueranwendung von Medikamenten erforderlich. In solchen Fällen sollte bei Kinderwunsch bereits vor Eintritt der Schwangerschaft in einem ausführlichen Beratungsgespräch mit den betreuenden Fachärzten und -ärztinnen geklärt werden, welche Arzneimittel mit einer Schwangerschaft vereinbar sind.“, erklärt Dr. Paulus.
Ist eine solche Vorbereitung nicht möglich, muss das aber kein Grund zur Panik sein. Stattdessen sollten Sie zunächst mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin sprechen, bevor Sie Medikamente eigenmächtig absetzen. Dazu Pränatalmediziner Dr. Paulus: „Mitunter werden auch bei positivem Test notwendige Medikamente aus Angst vor Fehlbildungen abrupt abgesetzt. Dann kann eine akute Verschlechterung der Grunderkrankung zur Gefahr für die Schwangerschaft werden.“
Was passiert, wenn Sie Medikamente einnehmen und erst danach von der Schwangerschaft erfahren?
Erstmal ist eine Medikamenteneinnahme kein Grund zur Beunruhigung. „Häufig werden Medikamente in Unkenntnis einer bereits eingetretenen Schwangerschaft eingenommen“, erläutert Dr. med. Wolfgang E. Paulus, „Dann sollte man aufgrund der Information aus dem Beipackzettel nicht in Panik verfallen, sondern in Ruhe erst einmal den Rat von Fachleuten einholen.“ Viele Wirkstoffe schaden der Entwicklung nicht, auch wenn sie in der Packungsbeilage nicht explizit für Schwangere empfohlen werden.
Sollten Sie auch nach dem Gespräch mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin unsicher sein, können Sie jederzeit um weitere Untersuchungen bitten. Eine ausführliche Diagnostik und ein Ultraschall tragen oft zur Beruhigung bei und sind in solchen Fällen natürlich möglich.
Welche Medikamente sind in der Schwangerschaft erlaubt?
Viele Schwangere gehen davon aus, dass sie keine Medikamente einnehmen dürfen. Tatsächlich gibt es allerdings für fast jedes Krankheitsbild sichere Alternativen. „Häufig werden in der Schwangerschaft Schmerzmittel oder Antibiotika bei akuten Beschwerden benötigt. Aber auch chronische Erkrankungen mit Dauermedikation bei Depressionen, Epilepsie, Asthma bronchiale, Allergien oder Bluthochdruck spielen eine große Rolle.“, erzählt Dr. Paulus.
Auch seltenere Erkrankungen können nach einer entsprechenden Beratung mit den nötigen Medikamenten behandelt werden. Sprechen Sie dafür einfach mit Ihrem Arzt, Ihrer Ärztin oder den oben genannten Beratungsstellen.
FAQ: Medikamente und Schwangerschaftsbeschwerden – Was hilft?
Interview mit Dr. med. Wolfgang E. Paulus, Pränatalmediziner und Leiter der Beratungsstelle für Reproduktionstoxikologie an der Universitätsfrauenklinik Ulm (reprotox)
sanego: Was hilft bei Übelkeit in der Schwangerschaft? Kann ich Vomex während der Schwangerschaft einnehmen?
Dr. Med. Wolfgang E. Paulus: In Deutschland sind seit 2019 Präparate mit einer Kombination aus dem altbekannten Wirkstoff Doxylamin und Vitamin B6 gegen Schwangerschaftsübelkeit offiziell zugelassen. Daneben werden zwar auch noch andere Mittel gegen Übelkeit eingesetzt, doch befinden sich diese außerhalb der Zulassung für die Schwangerschaft (wie z. B. Vomex).
sanego: Welche Medikamente kann man in der Schwangerschaft gegen Sodbrennen nehmen?
Dr. Med. Wolfgang E. Paulus: Zunächst sollte man bei Sodbrennen auf entsprechende Ernährung achten, z. B. lieber kleine und häufige Mahlzeiten ohne scharfe und fettige Speisen. Darüber hinaus helfen Mittel zur Neutralisierung der Magensäure (z. B. mit Calcium- bzw. Magnesiumcarbonat) oder Alginate, die eine Barriere auf den Mageninhalt legen und das Aufsteigen der Säure in die Speiseröhre reduzieren. Bei ausgeprägten Beschwerden sind inzwischen auch sogenannte Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol oder Pantoprazol in der Schwangerschaft ausreichend untersucht.
sanego: Welche Medikamente helfen bei Bluthochdruck in der Schwangerschaft?
Dr. Med. Wolfgang E. Paulus: Bei Bluthochdruck liegen die größten Erfahrungen für den Wirkstoff Methyldopa vor. Inzwischen werden aber auch Betablocker wie Metoprolol oder Kalziumantagonisten wie Nifedipin (v. a. nach dem ersten Schwangerschaftsdrittel) eingesetzt.
sanego: Und was empfehlen Sie bei Verstopfung während der Schwangerschaft?
Dr. Med. Wolfgang E. Paulus: Die hormonelle Umstellung in der Schwangerschaft führt häufig zu einer Darmträgheit mit Verstopfung. Hier kann der Lebens- und Ernährungsstil mit reichlich Bewegung, Flüssigkeitszufuhr und ballaststoffreicher Nahrung helfen, aber zusätzlich auch Leinsamen, Weizenkleie, Flohsamen oder Präparate mit Lactulose oder Macrogol.
sanego: Muss ich etwas bei Schwangerschaftsdiabetes und Insulin beachten?
Dr. Med. Wolfgang E. Paulus: Wird im Rahmen der Schwangerenvorsorge in der Frauenarztpraxis ein Diabetes mellitus durch einen Glukosebelastungstest festgestellt, sollte zunächst eine diätetische Einstellung unter engmaschiger Blutzuckerkontrolle versucht werden. Gelingt das nicht zufriedenstellend, wird meist zusätzlich Insulin verordnet. Wenn eine Glukosetoleranzstörung (z. B. bei Übergewicht) schon vor der Schwangerschaft bekannt ist, kann auch der Einsatz von Metformin in Tablettenform erwogen werden.
