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/ Welchen Einfluss hat die Ernährung auf Darm und Psyche? Ernährungswissenschaftlerin Lara Opfermann im Interview

Welchen Einfluss hat die Ernährung auf Darm und Psyche? Ernährungswissenschaftlerin Lara Opfermann im Interview

Von: Elisabeth Maußner

Veröffentlicht: 29.05.2024

Lesezeit: 6 Min.

Mein Körper | Psychologie

Verschiedene Gemüse- und Obstsorten wie Blumenkohl, Orangen und Kiwis ergeben nebeneinander die Form eines Gehirns. Links daneben liegt eine Gabel.
Was wir essen, hat maßgeblich Einfluss auf unser Gehirn und unsere Psyche. | © Artofinnovation - stock.adobe.com

Wussten Sie, dass Darm und Hirn miteinander kommunizieren? Lara Opfermann kannte die Darm-Hirn-Achse lange nicht. Inzwischen ist die Ernährungswissenschaftlerin und angehende Psychologin aber echte Expertin für das Zusammenspiel aus Ernährung und Psyche geworden. Denn gegen die Verdauungsprobleme und Stimmungsschwankungen, die sie seit ihrer Jugend begleiten, hat sie einen ganz eigenen Weg gefunden.

Ihr Ratgeber „Hallo Psyche, hier ist dein Darm“ fasst alle Erkenntnisse zu Psyche, Nahrung und Darm zusammen, die Lara Opfermann in den letzten Jahren gewinnen konnte. Einen kleinen Einblick hat sie uns auch schon im Interview gegeben.

sanego: Sie haben selbst seit Ihrer Jugend mit Bauchschmerzen und Stimmungsschwankungen zu kämpfen. Wie sind Sie in diesem Zusammenhang auf das Thema Ernährung gestoßen?

Lara Opfermann: Da die ersten Symptome vor allem meine Verdauung betroffen haben, fing ich an rumzuexperimentieren, was der Auslöser dafür sein könnte. Als erstes kam mir dabei die Ernährung in den Sinn. Für mich war damals schon klar, dass die Ernährung auf jeden Fall einen Einfluss auf den Darm hat. Allerdings war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst, dass meine Ernährung nicht besonders gesund war, wie groß der Einfluss der Ernährungsgewohnheiten ist und dass es einen Zusammenhang zwischen dem Thema Ernährung und psychischer Gesundheit geben könnte. Erst, als mit der Umstellung der Ernährung auch die psychischen Symptome verschwanden, fing ich an dem genauer nachzugehen.

sanego: Über die Darm-Hirn-Achse sind Gehirn und Darm miteinander verbunden. Deshalb kann auch die Psyche Einfluss auf die Darmgesundheit haben. Würden Sie sagen, wer Magen-Darm-Beschwerden hat, sollte auch seine Psyche genauer in den Blick nehmen?

Lara Opfermann: Auf jeden Fall. Zwar steht die Forschung in diesem Feld noch am Anfang, aber es gibt viele ernstzunehmende Hinweis, dass auch eine ungesunde Ernährung die Psyche aus dem Gleichgewicht bringen kann. Immerhin wandern 90 Prozent der Informationen im Signalaustausch zwischen Darm und Gehirn (Darm-Hirn-Achse). Hinzu kommt, dass das Mikrobiom viele wichtige Substanzen bildet – allerdings nur, wenn man sich auch darmfreundlich ernährt.

sanego: Gilt das Prinzip auch andersherum: Wer gestresst ist oder psychische Probleme bei sich bemerkt, sollte auch die Darmgesundheit in seine Therapie einbeziehen?

Lara Opfermann: Ja, definitiv. Studien zeigen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen oft ein weniger vielfältiges Mikrobiom haben und genau das ist für einen gesunden Körper und eine starke Psyche wichtig. Daher ist eine adjuvante Ernährungstherapie bei Menschen, die unter psychischen Erkrankungen leiden, auf jeden Fall empfehlenswert.

Lara Opfermann

ist Ernährungswissenschaftlerin und angehende Psychologin. Ihr großes Anliegen ist es Darm und Psyche durch die Ernährung und den Lebensstil in Balance zu bringen.

sanego: Welche Symptome zeigen unseren Leser:innen, dass Sie sich genauer mit der Psyche und der Ernährung beschäftigen sollten?

Lara Opfermann: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, da die Liste der Symptome sehr lang und individuell ist. In jedem Fall sollte man sich mit dem Thema mehr beschäftigen, wenn man unter Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Verstopfungen, Bauchschmerzen, Magenschmerzen oder Unverträglichkeiten leidet. Aber auch psychische Symptome wie Angstzustände, Depressionen, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsschwierigkeiten oder brain fog zeigen, dass der Körper auf einem hohen Stresslevel ist oder irgendwas nicht stimmt. In dem Fall ist es immer ratsam sich zunächst an seinen Hausarzt zu wenden.

sanego: Auch in „Hallo Psyche, hier ist dein Darm“ empfehlen Sie als ersten Schritt einen Besuch beim Hausarzt. Was kann hier alles untersucht und abgeklärt werden?

Lara Opfermann: Richtig. Der Hausarzt sollte bei Symptomen immer die erste Anlaufstelle sein. Dieser kann nämlich Erkrankungen, die mit psychischen Symptomen oder Verdauungsbeschwerden einhergehen, wie Allergien, Diabetes, Eisenmangel und Schilddrüsenfehlfunktionen feststellen. Wichtig ist dabei aber auch: Blutwerte sind immer eine Momentaufnahme. Das heißt, was genau in den Zellen passiert, ist nicht immer auf Anhieb feststellbar. Neben dem Blutbild kann es daher auch sinnvoll sein eine Magen-Darm-Spiegelung machen oder die Hormone untersuchen zu lassen.

sanego: Eine Ergänzung zu den gängigen Therapien ist für Sie die Nervennahrungsmethode. Wie funktioniert diese genau?

Lara Opfermann: Die Nervennahrungsmethode ist ein ganzheitlicher Ansatz, der sich aus den drei Komponenten Ernährung, Bewegung und anderen Lebensgewohnheiten zusammensetzt. Da ein gesunder Körper die Vorrausetzung für eine starke Psyche ist, bildet die Ernährung den wichtigsten Grundbaustein. Dabei liegt der Fokus auf einer Stressreduktion und Stärkung des Körpers. Nichtdestotrotz sind natürlich auch regelmäßige Bewegung, eine gute Schlafhygiene sowie andere Gesundheitshacks wichtig für die mentale Stärke.

Buchcover Hallo Psyche, hier ist dein Darm
Buchcover Hallo Psyche, hier ist dein Darm | © GU Verlag

sanego: Gerade bei psychischen Erkrankungen wie Depression und Burnout fehlt es ja oft an Antrieb. Wie fangen unsere Leser:innen denn am besten an, wenn sie die neue Gewohnheiten etablieren wollen?

Lara Opfermann: Am besten fängt man bei der Ernährung an und etabliert die neuen Gewohnheiten dann Schritt für Schritt. Es gibt nichts, was mehr überfordert, als sich selbst zu hohe Ziele zu setzen. Ganz besonders, wenn man ohnehin schon am Limit ist. Ich empfehle daher immer, sich entweder jede Woche oder alle zwei Wochen ein neues, aber kleines Ziel zu setzen. Fangen Sie zum Beispiel beim Trinken an. Tauschen Sie die ersten zwei Wochen erstmal alle Softdrinks gegen Wasser aus. Und im nächsten Schritt kann man dann anfangen das Frühstück zu optimieren. Wem das alleine nicht so gut gelingt, kann sich beispielsweise auch an eine Ernährungsfachkraft wenden.

sanego: Muss die Ernährung für immer umgestellt werden oder darf in guten Phasen auch mal gesündigt werden?

Lara Opfermann: Ein ganz wichtiger Punkt: Ernährung soll Spaß machen. Ich bin daher überhaupt kein Fan von Verboten. Sie erinnern einen nämlich nur daran, was man gerade nicht darf. Deshalb finde ich die 80:20 Option super. Das heißt 80 Prozent hält man sich an eine gesunde Ernährung und die anderen 20 Prozent darf man dann auch mal sündigen. Allerdings weiß ich, dass gerade in stressigen Situationen viele Menschen zu Naschereien greifen und hier kann ich jedem nur raten, lieber auf gesunde Snacks wie ungesalzene Nüsse und frisches Obst zurückzugreifen. Sündigen sollte man lieber nur dann, wenn es einem mental gut geht.

sanego: Welche 3 Ernährungstipps können Sie unseren Leser:innen zum Abschluss mitgeben?

Lara Opfermann:

  1. Ballaststoffe, Ballaststoffe, Ballaststoffe! Sie sind unglaublich wichtig, nur leider essen die meisten Menschen davon viel zu wenig. Essen Sie daher jeden Tag frisches Gemüse.

  2. Probieren Sie mal frische Sprossen und Keimlinge. Die sind unfassbar nährstoffreich und pimpen jede Mahlzeit – egal, ob auf einem Brot, in einer Bowl oder warmen Mahlzeiten.

  3. Je vielfältiger die Lebensmittelauswahl ist, umso vielfältiger ist auch das Mikrobiom! Das ist eine gute Voraussetzung für Gesundheit.

Autoreninformation

Elisabeth Maußner

Medizinische Redakteurin

Elisabeth Maußner ist studierte Journalistin und schreibt bei der ärzte.de MediService GmbH & Co. KG seit 2017 zu medizinischen Themen. Ihr Ziel: komplexe Zusammenhänge und wissenschaftliche Hintergründe einfach und für jeden verständlich auszudrücken. Die erfahrene Autorin hat bereits über 400 Artikel zu Gesundheits- und Medizinthemen verfasst, die u.a. auf aerzte.de, sanego.de und arzttermine.de veröffentlicht wurden.

Außerdem durfte sie Erfahrung beim Radio und beim Produzieren von Videos sammeln.

Persönlich interessiert sie sich insbesondere für Kinder- und Frauengesundheit, eine ausgewogene, intuitive Ernährung und die Digitalisierung im Gesundheitswesen.

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