
Der Begriff der Psychoanalyse wurde im Jahre 1896 von Sigmund Freud geprägt. Sie beschäftigt sich wissenschaftlich mit der Erforschung unbewusster Vorgänge in der Seele des gesunden und kranken Menschen.
Worum geht es bei der Psychoanalyse?
Jeder Mensch sammelt während seiner Entwicklung Erfahrungen mit Angst, Schmerz, Frustration, Trauer und Wut. Können diese Emotionen nur unzureichend verarbeitet und ins Leben integriert werden, etwa weil sie gehäuft auftreten oder keine Hilfe zur Verfügung steht, kann ein Teil der Erinnerungen und Emotionen verdrängt werden. Hierdurch kann die psychische Entwicklung erheblich gestört werden.
Gründe für den Besuch beim Psychoanalytiker
Häufig nehmen Menschen Termine bei einem Therapeuten wahr, wenn sie unter folgenden Problemen leiden:
Ängste
Essstörungen
Depression
psychosomatische Beschwerden
Partnerschaftskonflikte
berufliche Probleme
sonstige Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung
Mit der Psychoanalyse zu sich selbst finden
Die Patienten werden bei der Psychoanalyse ermutigt, möglichst offen über ihre Gedanken und Gefühle, ihre Überzeugungen, Verhaltensweisen und Absichten zu sprechen. Der Patient sollte sich akzeptiert und respektiert fühlen und dem Therapeuten vertrauen. Selbstverständlich wird absolute Vertraulichkeit zugesichert. Vor Beginn der eigentlichen Therapie finden Probesitzungen statt, bei denen Patient und Therapeut herausfinden können, ob eine gemeinsame Zusammenarbeit sinnvoll erscheint. Wenn das der Fall ist, findet die Psychoanalyse dann über mehrere Jahre in 2-4 Einzelsitzungen pro Woche statt. In der klassischen Form liegt der Patient dabei und kann den Analytiker nicht ansehen, da dieser am Kopfende der Liege oder Couch auf einem Stuhl sitzt.
Der Patient soll durch das Sprechen über sich allmählich lernen, seine Erfahrungen aus der Kindheit und seine verdrängten Emotionen zu verstehen und in Zusammenhang mit seinen aktuellen Schwierigkeiten zu bringen. So lernt der Patient sich selbst besser kennen und wird reifer im Umgang mit inneren und zwischenmenschlichen Konflikten. Der Therapeut hilft ihm, indem er von Zeit zu Zeit die Äußerungen des Patienten deutet, d.h. sie in psychologische Zusammenhänge bringt, wobei er sich von den Vorstellungen Freuds leiten lässt, der unter anderen folgende Begriffe prägte:
das Unbewusste
Das Unbewusste ist die Menge von verdrängten, also unterdrückten Gefühlen des Menschen, die sein Verhalten nach Freud viel stärker bestimmen, als man gemeinhin vermuten würde.
Ich, Es und Über-Ich
Zum Es gehören die teilweise unbewussten Wünsche und Triebe eines jeden Menschen wie Hunger, Wut, sexuelle, verbotene oder verpönte Sehnsüchte (Gier, Dominanzstreben). Das Über-Ich enthält das Gewissen, die Werte und höheren Ziele des Menschen, die letztlich im Widerspruch zu den Begierden des Es stehen. Das Über-Ich entsteht aus elterlicher Erziehung, Schulbildung, Religion, Moralvorstellungen und Wertvorstellungen der Gesellschaft. Es ist ebenfalls teilweise unbewusst. Das Ich ist überwiegend bewusst und vermittelt zwischen Es und Über-Ich. Es findet mehr oder weniger befriedigende Lösungen für den Menschen im Umgang mit seinen Gefühlen und mit anderen Menschen in Arbeit und Freizeit, Pflicht und Genuss.
Übertragung
Der Begriff der Übertragung bedeutet, dass der Patient zu nahe stehenden Personen unbewusst Gefühle entwickelt, die denen ähneln, die er seinen Eltern gegenüber empfand. Das geschieht meistens auch zwischen Patient und Psychoanalytiker. Es kann sich um positive oder negative Gefühle handeln, die auch kombiniert auftreten und zu Konflikten führen können. Der Patient kann sich selbst mit Unterstützung des Analytikers besser verstehen und die Zusammenhänge zwischen den aktuellen Konflikten und denen seiner Kindheit erkennen.
Widerstand
Der Widerstand ist nach Freud der unbewusste Protest des Patienten gegen die Aufdeckung von Teilen des Unbewussten. Er stört oft die Therapie, ist aber auch ein Schutz des Menschen vor sehr schmerzlichen Erkenntnissen. Bei der Traumdeutung versucht der Therapeut, dem Patient durch die Analyse seiner Träume seine verborgenen Wünsche und Konflikte aufzuzeigen, weil diese sich nach der psychoanalytischen Theorie im Traum zeigen.
Ödipus-Komplex
Der Ödipus-Komplex tritt nach Freud in der psychosexuellen Entwicklungsphase jedes Kindes auf. Das Kind umwirbt dabei etwa im fünften bis siebten Lebensjahr das gegengeschlechtliche Elternteil mit seinen unbewusst empfundenen sexuellen Wünschen, während es in dem anderen einen Rivalen sieht, für den es Wut und sogar Hass empfinden kann. Diese Regungen werden in der Erziehung verboten und unter Strafe gestellt und vom Kind deshalb meistens verdrängt, also ins Unterbewusstsein verschoben. Das kann später beim Erwachsenen beispielsweise zu Problemen mit Vorgesetzten oder Schwiegereltern führen.
Wer darf eine Psychoanalyse in Anspruch nehmen?
Einen Psychoanalytiker kann jeder Versicherte, der unter krankhaften psychischen Störungen leidet, auf Kosten der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung in Anspruch nehmen. Der kassenärztlich zugelassene Psychoanalytiker muss dafür einen schriftlichen Antrag an den Kostenträger mit umfassender, anonymisierter Darstellung der Erkrankung, der Ursachen und des Behandlungsplans erstellen, welche von einem Gutachter ausgewertet wird, der ggf. die Kostenübernahme empfiehlt. Leider bekommt nicht jeder Therapiebedürftige einen Therapieplatz, weil nicht ausreichend Psychoanalytiker zur Verfügung stehen.
Für die Qualifikation als Psychoanalytiker sind ein erfolgreich abgeschlossenes Studium der Medizin oder Psychologie und eine anschließende Weiterbildung zum Psychoanalytiker erforderlich, zu der neben Theorieseminaren eine Lehranalyse, also eine Psychoanalyse des angehenden Psychoanalytikers durch einen erfahrenen Analytiker (Lehranalytiker), und die psychoanalytische Behandlung mehrerer Patienten unter Anleitung gehören.